Veröffentlicht am 2015-12-02 In Franziskus - Botschaft

Papst Franziskus ruft auf zu Frieden und Versöhnung in der Zentralafrikanischen Republik

PAPST FRANZISKUS IN AFRIKA, Sarah-Leah Pimentel •

Die Botschaft von Papst Franziskus in der Zentralafrikanischen Republik war ein Aufruf zum Frieden und Ermutigung für die Menschen in diesem vom Krieg zerrissenen Land, Heilung und Versöhnung zu finden.

Dieser Schritt auf der Reise von Papst Franziskus war aller Wahrscheinlichkeit nach der gefährlichste. In einem Land, das schwankt unter den Wellen der Gewalt zwischen den überwiegend muslimischen Seleka-Rebellen und den vorwiegend christlichen Anti-Balaka-Bürgerwehren, gab es reale Befürchtungen, dass Papst Franziskus Ziel eines Anschlags werden könnte. Um ihn zu schützen wurden laut der zentralafrikanischen Zeitung Journal de Bangui UN-Truppen, 900 Mitglieder eines französischen Militärkontingents und der Nationalen Polizei in Bangui eingesetzt.

Ein Aufruf zu friedlichen Wahlen

Der Heilige Vater traf sowohl mit den zivilen Verantwortlichen als auch der muslimischen Gemeinde zusammen. An beide schickte er eine starke Friedensbotschaft, da sich das Land auf die Wahlen am 27. Dezember vorbereitet.

Er sagte zu Präsidentin Catherine Samba-Panza und zum gesamten Diplomatischen Corps, dass er als ein „Pilger des Friedens und Apostel der Hoffnung“ gekommen sei. Er lobte Samba-Panza für ihre Bemühungen, das Land auf einen Frieden hin zu steuern nach einem blutigen Konflikt im Jahr 2014 und drückte seinen „sehnlichsten Wunsch“ aus, dass die Wahlen „dem Land ermöglichen, gelassen ein neues Kapitel seiner Geschichte zu beginnen“.

Er forderte die Menschen der Zentralafrikanischen Republik auf, zu arbeiten für Einheit, Würde und Arbeit. Einheit, sagte er, sei „aufgebaut auf der Grundlage der wunderbaren Vielfalt unserer Umwelt und der Vermeidung der Versuchung, Angst zu haben, voreinander, vor dem Fremden, der nicht zu unserer ethnischen Gruppe gehört, zu unserer politischen Richtung oder unserer religiösen Konfession.“ Würde bedeute, sicherzustellen, dass jede Person in der Lage sei, ihre „menschlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Potentiale“ zu erreichen, und das könne durch die Schaffung von Arbeitsbedingungen gelingen, die es jeder Person möglich machten, ihr Leben und das ihrer Familien zu verbessern.

Anerkennung für die Arbeit der Friedenstruppen

Schließlich dankte Papst Franziskus den diplomatischen und friedenserhaltenden Missionen im Land und ermutigte sie, ihre Arbeit in Solidarität fortzusetzen in den Bereichen von „Versöhnung, Abrüstung, Friedenssicherung, Gesundheitswesen und Aufbau einer ordnungsgemäßen Verwaltung in allen Ebenen.“

„Christen und Muslime sind Brüder und Schwestern”

Bei seinem Treffen mit muslimischen Führern des Landes übermittelte Papst Franziskus eine ähnliche Botschaft, indem er sagte, „Christen und Muslime sind Brüder und Schwestern“, und dass wir „deshalb uns als solche betrachten und benehmen müssen.“ Er räumte ein, dass die Probleme der ZENTRALAFRIKANISCHEN REPUBLIK nicht nur auf Religion vereinfacht werden können und rief deshalb alle auf, „einig zu bleiben im Einsatz für ein Ende jeder Handlung, die, von welcher Seite auch immer, das Antlitz Gottes entstellt.“

Der Heilige Vater übermittelte eine starke Friedensbotschaft, indem er sagte, „zusammen müssen wir Nein sagen zum Hassen, Nein zur Rache und Nein zur Gewalt, besonders zu der Gewalt, die im Namen einer Religion oder im Namen Gottes verübt wird.“

Der Papst drückte noch einmal seinen Wunsch aus, dass die Wahlen im nächsten Monat „dem Land Führer zur Verfügung stellen, die fähig sind, Zentralafrika zusammenzubringen, und so Symbole der nationalen Einheit werden und nicht nur Vertreter der einen oder anderen Fraktion.“

Vollständiger Text der Botschaft von Papst Franziskus an die Vertreter des öffentlichen Lebens der ZENTRALAFRIKANISCHEN REPUBLIK und an das diplomatische Korps

Frau Präsidentin ad interim,
sehr geehrte Vertreter des öffentlichen Lebens,
verehrte Mitglieder des Diplomatischen Corps,
verehrte Repräsentanten der internationalen Organisationen,
liebe Mitbrüder im Bischofsamt,
meine Damen und Herren,

in der Freude, hier bei Ihnen zu sein, möchte ich zu allererst meine besondere Wertschätzung für den herzlichen Empfang zum Ausdruck bringen, der mir bereitet wurde, und Frau Präsidentin ad interim für ihre freundlichen Worte danken, mit denen sie mich willkommen geheißen hat. Ich bin gerührt, Madame, über das, was Sie gesagt haben. Vielen Dank für dieses so menschliche und so christliche Zeugnis!

Von diesem Ort aus, der in gewisser Weise das Haus aller Zentralafrikaner ist, freue ich mich, über Sie und die anderen hier anwesenden Verantwortungsträger des Landes allen Ihren Mitbürgern meine Sympathie und meine spirituelle Nähe zu bekunden. Ebenfalls möchte ich die Mitglieder des Diplomatischen Corps sowie die Repräsentanten der internationalen Organisationen begrüßen, deren Arbeit an das Ideal der Solidarität und der Zusammenarbeit erinnert, das unter den Völkern und den Nationen gepflegt werden muss.

Während die Zentralafrikanische Republik trotz der Schwierigkeiten schrittweise der Normalisierung ihres gesellschaftspolitischen Lebens entgegengeht, betrete ich – nach meinem Vorgänger Johannes Paul II. – zum ersten Mal diesen Boden. Ich komme als Pilger des Friedens und als Apostel der Hoffnung. Das ist der Grund, warum ich freudig die Anstrengungen würdige, die von den verschiedenen nationalen und internationalen Verantwortungsträgern – angefangen mit Frau Interimspräsidentin – unternommen wurden, um das Land in dieses Stadium zu führen. Es ist mein brennendster Wunsch, dass die verschiedenen nationalen Konsultationen, die in einigen Wochen abgehalten werden, dem Land erlauben, gelassen eine neue Etappe seiner Geschichte zu beginnen.

Um den Horizont abzustecken – das Motto der Zentralafrikanischen Republik, das die Hoffnung der Pioniere und den Traum der Gründerväter wiedergibt, lautet: »Einheit – Würde – Arbeit«. Diese Trilogie bringt heute noch mehr als damals die Bestrebungen jedes Zentralafrikaners zum Ausdruck und ist folglich ein sicherer Kompass für die Verantwortungsträger, die beauftragt sind,  das Geschick des Landes zu leiten. Einheit, Würde, Arbeit! Drei sinnträchtige Worte, deren jedes ebenso eine Baustelle wie ein nie abgeschlossenes Programm darstellt, eine Aufgabe, die unaufhörlich von neuem in Angriff genommen werden muss.

Erstens: die Einheit. Sie ist bekanntlich ein Grundwert für die Harmonie der Völker. Sie muss von der Basis der wunderbaren Vielfalt der Umwelt her gelebt und aufgebaut werden. Dabei muss man die Versuchung der Angst vor dem anderen vermeiden, der Angst vor dem, was uns nicht vertraut ist, vor dem, was nicht Teil unserer Ethnie, unserer politischen Option oder unseres religiösen Bekenntnisses ist. Die Einheit verlangt ganz im Gegenteil, eine Synthese der Reichtümer zu schaffen und zu fördern, die jeder in sich trägt. Die Einheit in der Verschiedenheit – das ist eine ständige Herausforderung, die zur Kreativität,  zur Großherzigkeit, zur Selbstlosigkeit und zur Achtung des anderen aufruft.

Zweitens: die Würde. Dieser moralische Wert ist zu Recht ein Synonym für Rechtschaffenheit, Loyalität, Gnade und Ehre, durch die sich die Männer und Frauen auszeichnen, die sich ihrer Rechte wie ihrer Pflichten bewusst sind, und durch die sie zu gegenseitiger Achtung geführt werden. Jeder Mensch besitzt eine Würde. Ich habe mit Interesse vernommen, dass Zentralafrika das Land des „Zo kwe zo“ ist, das Land, wo jeder Mensch als Person gilt. Es muss also alles getan werden, um den Status und die Würde der menschlichen Person zu schützen. Und wer die Mittel zu einem angenehmen Leben besitzt, soll nicht um seine Privilegien besorgt sein, sondern versuchen, den Armen zu helfen, dass auch sie Bedingungen erlangen, die ihrer Menschenwürde entsprechen, besonders durch die Entwicklung ihres menschlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Potenzials. Folglich müssen der Zugang zu Bildungs- und Gesundheitswesen, der Kampf gegen die Unterernährung und das Ringen, um jedem eine annehmbare Wohnung zu garantieren, in einer um die Menschenwürde besorgten Entwicklung an erster Stelle stehen. Die Würde der menschlichen Person bedeutet also letztlich, für die Würde der Mitmenschen zu arbeiten.

Und schließlich: die Arbeit. Durch die Arbeit können Sie das Leben Ihrer Familien verbessern. Der heilige Paulus sagt: »Nicht die Kinder sollen für die Eltern sparen, sondern die Eltern für die Kinder« (2 Kor 12,14). Die Anstrengung der Eltern drückt ihre Liebe zu den Kleinen aus. Und außerdem können Sie, die Zentralafrikaner, dieses wunderbare Land verbessern, indem Sie Ihre zahlreichen Ressourcen sinnvoll nutzen. Ihr Land befindet sich in einer Region, die aufgrund ihrer außerordentlich reichen biologischen Vielfalt als die eine der beiden Lungen der Menschheit angesehen wird. In diesem Zusammenhang möchte ich mit dem Verweis auf die Enzyklika Laudato si’ jeden Einzelnen – Bürger,  Verantwortungsträger des Landes, internationale Geschäftspartner und multinationale Gesellschaften – auf die große Verantwortung aufmerksam machen, die sie bei der Nutzung der Umweltressourcen und bei der Entscheidung und Planung der Entwicklung tragen, eine Verantwortung, die in der einen oder anderen Weise ihre Auswirkungen auf den gesamten Planeten hat. Die Arbeit zum Aufbau einer florierenden Gesellschaft muss ein solidarisches Werk sein. Diese Wahrheit hat die Weisheit Ihres Volkes seit langem begriffen und durch das Sprichwort ausgedrückt: »Die Ameisen sind klein, da sie aber zahlreich sind, bringen sie ihre Beute ins Nest.«

Zweifellos muss die grundlegende Bedeutung, die dem Verhalten und der Leitung der öffentlichen Verantwortungsträger zukommt, nicht eigens hervorgehoben werden. Sie müssen die Ersten sein, welche die Werte der Einheit, der Würde und der Arbeit konsequent in ihrem Leben verkörpern, und so Vorbilder ihrer Mitbürger sein.

Die Geschichte der Evangelisierung dieses Landes und seine gesellschaftspolitische Geschichte bestätigen das Engagement der Kirche im Sinn dieser Werte der Einheit, der Würde und der Arbeit. Indem ich der Pioniere der Evangelisierung in der Zentralafrikanischen Republik gedenke, lobe ich meine Mitbrüder im Bischofsamt, die gegenwärtig diese Aufgabe haben. Gemeinsam mit ihnen bekräftige ich erneut die Bereitschaft dieser Teilkirche, immer mehr zur Förderung des Gemeinwohls beizutragen, besonders durch die Bemühung um Frieden und Versöhnung – die Bemühung um Frieden und Versöhnung! Ich bezweifle daher nicht, dass die derzeitigen und die künftigen zentralafrikanischen Verantwortungsträger sich unablässig darum bemühen werden, der Kirche die günstigen Bedingungen für die Durchführung ihrer spirituellen Mission zu garantieren. Diese wird sogar immer mehr zur Entwicklung eines »jeden Menschen und [des] ganzen Menschen« (Populorum progressio, 14) beitragen können – um die glückliche Formulierung meines Vorgängers, des seligen Paul VI., zu übernehmen, der vor bald fünfzig Jahren der erste Papst der Moderne war, der nach Afrika kam, um es zu Beginn einer neuen Epoche im Guten zu ermutigen und zu stärken.

Meinerseits möchte ich jetzt die Anstrengung würdigen, welche die internationale Gemeinschaft unternommen hat, die hier durch das Diplomatische Corps und die Mitglieder der verschiedenen Missionen internationaler Organisationen vertreten ist. Ich ermutige sie nachdrücklich, auf dem Weg der Solidarität immer weiter voranzugehen, und wünsche, dass ihr Engagement, vereint mit dem Handeln der zentralafrikanischen Verantwortungsträger, dem Land hilft, weitere Fortschritte zu machen, besonders in der Versöhnung, der Entwaffnung, der Erhaltung des Friedens, im Gesundheitswesen und in der Kultur einer gesunden Verwaltung auf allen Ebenen.

Zum Abschluss möchte ich noch einmal meine Freude darüber ausdrücken, dieses wunderschöne Land im Herzen Afrikas zu besuchen, das ein zutiefst religiöses Volk beherbergt, welches mit einem so reichen natürlichen und kulturellen Erbe ausgestattet ist. Ich sehe darin ein von den Wohltaten Gottes erfülltes Land! Möge das zentralafrikanische Volk, ebenso wie seine Führungspersönlichkeiten und alle seine Partner, diese Wohltaten gebührend zu schätzen wissen, indem es unablässig für die Einheit, die Menschenwürde und den auf Gerechtigkeit gegründeten Frieden arbeitet! Gott segne Sie alle! Danke.

Vollständiger Text der Botschaft von Papst Franziskus an die Muslimische Gemeinde

Moschee von Koudoukou, Bangui (Zentralafrikanische Republik)
Montag, 30. November 2015

Liebe Freunde, muslimische Verantwortungsträger und Gläubige,   

es ist mir eine große Freude, Sie zu treffen und Ihnen meine Dankbarkeit für Ihren herzlichen Empfang auszudrücken. Ich danke im Besonderen dem Imam Tidiani Moussa Naibi für seine freundlichen Worte, mit denen er mich willkommen geheißen hat. Mein Pastoralbesuch in der Zentralafrikanischen Republik wäre nicht vollständig, wenn er nicht auch diese Begegnung mit der muslimischen Gemeinde einschließen würde.

Wir Christen und Muslime sind Geschwister. Wir müssen uns also als solche betrachten und uns als solche verhalten. Wir wissen sehr wohl, dass die letzten Ereignisse und Gewalttaten, die Ihr Land erschüttern haben, nicht auf wirklich religiösen Motiven beruhten. Wer behauptet, an Gott zu glauben, muss auch ein Mensch des Friedens sein. Christen, Muslime und Anhänger der traditionellen Religionen haben über viele Jahre hin friedlich zusammengelebt. Wir müssen also vereint bleiben, damit jedes Tun aufhört, welches auf der einen und der anderen Seite das Angesicht Gottes entstellt und im Grunde das Ziel verfolgt, mit allen Mitteln persönliche Interessen auf Kosten des Gemeinwohls zu verteidigen. Sagen wir gemeinsam „nein“ zum Hass, zur Rache, zur Gewalt, besonders zu jener, die im Namen einer Religion oder im Namen Gottes verübt wird! Gott ist Friede, salam.

In diesen dramatischen Zeiten haben die christlichen und muslimischen religiösen Verantwortungsträger versucht, den Herausforderungen des Momentes die Stirn zu bieten. Sie haben eine bedeutende Rolle bei der Wiederherstellung von Eintracht und Brüderlichkeit unter allen gespielt. Ich möchte ihnen meinen Dank und meine Wertschätzung versichern. Und wir können auch die vielen Gesten der Solidarität erwähnen, die Christen und Muslime – in Ihrem Land, aber ebenso in anderen Teilen der Welt – gegenüber ihren Landsleuten eines anderen religiösen Bekenntnisses zeigten, indem sie sie im Laufe dieser letzten Krise aufnahmen und verteidigten.

Man kann nur hoffen, dass die kommenden nationalen Konsultationen dem Land Verantwortungsträger geben, die es verstehen, die Zentralafrikaner zu einen, und so Symbole der Einheit der Nation werden anstatt die Vertreter einer Gruppierung zu sein. Ich ermutige Sie von Herzen, aus Ihrem Land ein einladendes Haus für alle seine Söhne und Töchter zu machen, ohne Unterscheidung der Ethnie, der politischen Zugehörigkeit oder des religiösen Bekenntnisses. Dann kann die im Herzen Afrikas gelegene Zentralafrikanische Republik dank der Zusammenarbeit aller ihrer Söhne und Töchter dem gesamten Kontinent einen Impuls in diesem Sinne geben. Sie wird ihn positiv beeinflussen und dazu beitragen können, die Spannungsherde auszulöschen, die es dort gibt und die die Afrikaner daran hindern, von der Entwicklung zu profitieren, die sie verdienen und auf die sie ein Anrecht haben.

Liebe Freunde, ich lade Sie ein, für die Versöhnung, die Brüderlichkeit und die Solidarität unter allen zu arbeiten, ohne die Menschen zu vergessen, die am meisten unter diesen Ereignissen gelitten haben.

Gott segne und beschütze Sie! Salam alaikum!

Zurück in Rom

Papst Franziskus ist am Montagabend in St. Maria Maggiore in Rom eingetroffen, um Unserer Lieben Frau für eine sichere Reise nach Afrika zu danken!

Original: Englisch. Übersetzung: Ursula Sundarp, Dinslaken, Deutschland

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