Veröffentlicht am 2015-12-20 In Franziskus - Botschaft

Messe für Lateinamerika am Festtag der Mutter Gottes von Guadalupe

FRANZISKUS IN ROM •

Im zweiten Jahr in Folge hat Papst Franziskus am Altar des Petersdomes der Heiligen Messe zur Ehren Unserer Lieben Frau von Guadalupe, der Patronin Mexikos und ganz Lateinamerikas, der „Kaiserin des amerikanischen Kontinentes“, vorgestanden.

Der Heilige Vater feierte die Messe in Spanisch, und viele der Lieder wie etwa das Eingangslied  ‚Pueblo de Reyes‘ erklangen ebenfalls in Spanisch. Unter den Gästen waren die Botschafter der lateinamerikanischen Länder beim Vatikan. Rechts vom Altar stand ein großes Bild der „Morenita“. Am Schluss der Predigt kündigte Papst Franziskus offiziell seinen Besuch in Mexiko und seine Wallfahrt zur Guadalupana an.

 

Vollständiger Text der Predigt von Papst Franziskus am Festtag der Mutter Gottes von Guadalupe, 12. 12. 2015

»Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte […] Er freut sich und jubelt über dich, er erneuert seine Liebe zu dir, er jubelt über dich und frohlockt, wie man frohlockt an einem Festtag« (Zef 3,17). Diese an Israel gerichteten Worte des Propheten Zefanja können auch auf unsere Mutter, die Jungfrau Maria, bezogen werden, auf die Kirche und auf jeden von uns, auf unsere Seele, die Gott mit barmherziger Liebe liebt. Ja, Gott liebt uns so sehr, dass er sich sogar über uns freut und jubelt. Er liebt uns mit unentgeltlicher, grenzenloser Liebe, ohne irgendeine Gegenleistung zu erwarten – am Pelagianismus hat er kein Gefallen. Diese barmherzige Liebe ist das überraschendste Wesensmerkmal Gottes, die Synthese, in der die Botschaft des Evangeliums und der Glaube der Kirche zusammengefasst sind.

Das Wort „Barmherzigkeit“ist eine Lehnübersetzung des lateinischen „misericordia“, das aus zwei Begriffen zusammengesetzt ist: miseria = Elend und cors = Herz. Das Herz bezeichnet die Fähigkeit zu lieben; die Barmherzigkeit ist die Liebe, die das Elend des Menschen umgreift. Es ist eine Liebe, die unsere Bedürftigkeit und Ärmlichkeit „mitfühlt“, als sei sie die eigene, um uns aus ihr zu befreien. »Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns [zuerst] geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat« (1 Joh 4,10). »Das Wort ist Fleisch geworden (Joh 1,14)« – auch am Gnostizismus hat Gott kein Gefallen – und wollte all unsere Gebrechlichkeiten mit uns teilen. Gott wollte unseren menschlichen Zustand erfahren bis zu dem Punkt, am Kreuz alles Leid des menschlichen Lebens auf sich zu nehmen. Das ist der Abgrund seines Mitleids und seiner Barmherzigkeit: ein Sich-Entäußern um zum Gefährten und Diener der verwundeten Menschheit zu werden. Keine Sünde kann seine barmherzige Nähe zunichte machen, noch ihn daran hindern, seine Gnade für die Umkehr wirken zu lassen, vorausgesetzt, dass wir sie erbitten. Ja, die Sünde selbst lässt die Liebe Gottes des Vaters noch stärker erstrahlen: Um den Knecht zu erlösen, hat er seinen Sohn hingegeben. Diese Barmherzigkeit Gottes kommt zu uns mit der Gabe des Heiligen Geistes, der in der Taufe das neue Leben seiner Jünger möglich macht, es hervorbringt und nährt. So groß und schwer die Sünden der Welt auch sein mögen – der Heilige Geist, der das Angesicht der Erde erneuert, ermöglicht das Wunder eines menschlicheren Lebens voller Freude und Hoffnung.

Und auch wir rufen jubelnd: „Der Herr ist mein Gott und mein Retter!“ »Der Herr ist nahe.«  Das sagt uns der Apostel Paulus: »Sorgt euch um nichts, der Herr ist nahe!« (Phil 4,6.5) – und nicht er allein, sondern gemeinsam mit seiner Mutter. Sie sagte zum heiligen Juan Diego: „Warum hast du Angst? Bin denn ich, die ich doch deine Mutter bin, etwa nicht hier?“ Er ist nahe. Er und seine Mutter. Seine größte Barmherzigkeit wurzelt darin, dass er mitten unter uns ist, in seiner Gegenwart und seiner Gesellschaft. Er geht gemeinsam mit uns voran, zeigt uns den Weg der Liebe, hebt uns auf, wenn wir gefallen sind – und mit welcher Zärtlichkeit tut er das! –, hält uns aufrecht in unseren Mühen und begleitet uns in allen Umständen unseres Lebens. Er öffnet uns die Augen, damit wir das eigene Elend und das der Welt sehen, erfüllt uns aber zugleich mit Hoffnung. »Und der Friede Gottes […] wird eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Christus Jesus bewahren« (Phil 4,7), sagt uns Paulus. Das ist die Quelle unseres versöhnten und frohen Lebens; nichts und niemand kann uns diesen Frieden und diese Freude nehmen, trotz aller Leiden und Prüfungen des Lebens. Der Herr öffnet uns mit seiner Zärtlichkeit sein Herz, öffnet uns seine Liebe – gegen Formen von Starrheit ist er allergisch. Pflegen wir diese Erfahrung von Barmherzigkeit, Frieden und Hoffnung auf dem Weg des Advents, den wir beschreiten, und im Licht des Jubiläumsjahres! Wie Johannes der Täufer den Armen die Frohe Botschaft zu verkünden und dabei Werke der Barmherzigkeit zu vollbringen, ist eine gute Art, das Kommen Jesu an Weihnachten zu erwarten. Es bedeutet, ihn, der alles gab, der sich selbst ganz hingab, nachzuahmen. Das ist seine Barmherzigkeit, ohne irgendeine Gegenleistung zu erwarten.

Gott freut sich und jubelt ganz besonders über Maria. In einem der beliebtesten Gebete der Christenheit, dem Salva Regina, nennen wir Maria „Mutter der Barmherzigkeit“. Sie hat die göttliche Barmherzigkeit erfahren und in ihrem Schoß die Quelle selbst dieser Barmherzigkeit empfangen: Jesus Christus. Sie, die immer in enger Verbundenheit mit ihrem Sohn gelebt hat, weiß besser als alle, was er möchte: dass alle Menschen gerettet werden, dass niemandem jemals die zärtliche Liebe und der Trost Gottes fehlt. Möge Maria, die Mutter der Barmherzigkeit, uns helfen zu begreifen, wie sehr Gott uns liebt!

Der allerseligsten Jungfrau Maria anempfehlen wir die Leiden und die Freuden der Völker des gesamten amerikanischen Kontinents, die sie als Mutter lieben und sie unter dem herzlich empfundenen Titel „Unsere Liebe Frau von Guadalupe“ als Patronin erkennen. »Ihr liebevoller Blick begleite uns durch dieses Heilige Jahr, damit wir alle die Freude an der Zärtlichkeit Gottes wiederentdecken können« (Verkündigungsbulle Misericordiae vultus, 24). Sie bitten wir in diesem Jubiläumsjahr, dass es ein Same barmherziger Liebe in den Herzen der Menschen, der Familien und der Nationen sei. Dass sie  immer wieder zu uns sage: „Hab’ keine Angst, bin denn ich, die ich doch deine Mutter – die Mutter der Barmherzigkeit – bin, etwa nicht hier?“ Dass wir zu barmherzigen Menschen werden und dass die christlichen Gemeinschaften es verstehen mögen, Oasen und Quellen der Barmherzigkeit zu sein, Zeugen einer Liebe, die keine Ausschließungen zulässt! Um das mit großem Nachdruck zu erbitten, werde ich am kommenden 13. Februar zu ihrem Heiligtum reisen und ihr dort meine Verehrung bezeigen. Dort werde ich all das für ganz Amerika erbitten, dessen Mutter sie in besonderer Weise ist. Ich flehe sie an, die Schritte ihres amerikanischen Volkes, des pilgernden Volkes auf der Suche nach der Mutter der Barmherzigkeit, zu leiten, und erbitte nur eines von ihr: dass sie ihm ihren Sohn Jesus zeigt.

* * *

Gebet des Papstes am Ende der Fürbitten der Gläubigen:

Lasst uns beten für die Seelen meines Vaters und meiner Mutter, Mario und Regina, die mir das Leben geschenkt und den Glauben an mich weitergegeben haben und die heute vor 80 Jahren ihre Ehe geschlossen haben.

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