Veröffentlicht am 20. Dezember 2015 In Franziskus - Botschaft

Es beginnt die Zeit des großen Vergebens

HEILIGES JAHR DER BARMHERZIGKEIT – FRANZISKUS IN ROM •

papaPapst Franziskus hat am 13. Dezember die Heilige Pforte der Lateran-Basilika geöffnet, der Kathedrale von Rom. Der Heilige Vater verweilte einige Minuten schweigend im Gebet am Fuß der blumengeschmückten Heiligen Pforte; der feierlichen Öffnung ging das Wort voraus, das zum Ritus des Heiligen Jahres gehört: „Dies ist die Pforte des Herrn, öffnet mir die Türen der Gerechtigkeit. Durch deine große Barmherzigkeit trete ich ein in dein Haus, o Herr.“

In seiner Predigt kündigte er an, dass nun die Zeit des großen Vergebens beginne und dass die Kirche Zärtlichkeit verströmen müsse, denn Gott habe keinen Gefallen an der Härte und es gelte, eine Liebe zu bezeugen, die über die Gerechtigkeit hinausgehe.

Wer erinnerte sich dabei nicht an das, was Pater Kentenich an einem 13. Dezember genau 50 Jahre zuvor an seine Schönstattfamilie geschrieben hatte:

„Für uns war allezeit Gott der Vater der Liebe. Darauf weist die starke Betonung des Weltgrundgesetzes hin, das den Familiengeist von Anfang an bestimmt und durchdrungen hat. Wir wissen nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch, daß der Grund aller Gründe für alles göttliche Wirken letztlich die Liebe ist. Alles, was von ihm ausgeht, geschieht aus Liebe, durch Liebe, für Liebe. Allezeit haben wir es als unsere besondere Sendung aufgefaßt, dieses göttliche Weltgrundgesetz zu unserem Lebens- und Erziehungsgrundgesetz zu machen. Wir wußten auch, daß wir unter dieser Gottesliebe mitzuverstehen hatten als charakteristisches Merkmal seine barmherzige Liebe. Was für uns aber neu ist, das ist die außergewöhnliche Größe dieser göttlich barmherzigen Liebe. Haben wir bislang stärker uns leiten lassen von dem Gedanken der gerechten Liebe – will heißen: von der Einstellung, daß wir uns diese Liebe durch Handeln und Wandeln, durch Liebesopfer jeglicher Art verdienen müßten -, so halten wir auch heute noch an dieser gläubigen Überzeugung fest, bemühen uns nach wie vor, in besagter Weise dem Himmelsvater Freude zu machen; wo es sich aber um die Bewertung handelt, sind wir auf dem Wege, diese unsere eigene Mitwirkung nicht gar zu wichtig zu nehmen. Wichtig für uns ist nur Gott, der Vater und seine barmherzige Liebe. Letzten Endes liebt er uns nicht einmal so sehr – wie wir schon von Anfang der Familiengeschichte an gelehrt -, weil wir gut und brav gewesen, sondern weil er eben unser Vater ist oder weil er uns seine barmherzige Liebe dann am reichsten zuströmen läßt, wenn wir unsere Grenzen, unsere Schwächen und Armseligkeiten freudig bejahen und als wesentlichsten Titel für die Öffnung seines Herzens und das Durchströmen seiner Liebe innewerden.

Auf zwei Titel berufen wir uns deshalb künftig mehr als bisher Gott gegenüber: auf seine unendliche Barmherzigkeit und unsere unergründliche Erbärmlichkeit. Gerne falten wir die Hände und beten:

Liebe Dreimal Wunderbare Mutter und Königin von Schönstatt, sorge dafür, daß wir uns als erbärmliche und erbarmungswürdige Königskinder erleben und dadurch in besonderer Weise als Lieblinge der unendlich barmherzigen Vaterliebe Gottes durch das Leben schreiten.“

Vollständiger Text der Ansprache von Papst Franziskus am 13. Dezember

Die Einladung, die der Prophet an die antike Stadt Jerusalem richtet, ergeht heute auch an die ganze Kirche und an einen jeden von uns: »Freu dich und frohlocke!« (Zef 3,14). Der Grund der Freude ist mit Worten zum Ausdruck gebracht, die Hoffnung schenken und der Zukunft ruhig entgegenblicken lassen. Der Herr hat jede Verurteilung aufgehoben und beschlossen, mitten unter uns zu leben.

Der heutige dritte Adventssonntag richtet unseren Blick auf das nunmehr nahe Weihnachtsfest. Wir dürfen uns nicht von der Müdigkeit ergreifen lassen; uns ist keine Form der Traurigkeit gestattet, auch wenn wir Grund dazu hätten durch die vielen Sorgen und zahlreichen Formen der Gewalt, die unsere Menschheit verletzen. Das Kommen des Herrn muss unser Herz jedoch mit Freude erfüllen. Der Prophet, der bereits in seinem Namen – Zefanja – den Inhalt seiner Verkündigung eingeschrieben trägt, öffnet unser Herz für das Vertrauen: »Gott schützt« sein Volk. In einem historischen Kontext, der von großen Übergriffen und Gewaltakten – vor allem von Seiten der Mächtigen – geprägt ist, lässt Gott uns wissen, dass er selbst über sein Volk herrschen wird, dass er es nicht länger der Anmaßung seiner Regierenden preisgeben und es von aller Furcht befreien wird. Heute werden wir aufgefordert, angesichts von Zweifel, Ungeduld oder Leiden »die Hände nicht sinken zu lassen« (vgl. Zef 3,16).

Der Apostel Paulus greift mit Nachdruck die Lehre des Propheten Zefanja auf und bekräftigt sie: »Der Herr ist nahe« (Phil 4,5). Daher müssen wir uns stets freuen und mit unserer Freundlichkeit allen Zeugnis geben von der Nähe und Fürsorge, die Gott für jeden Menschen hat.

Wir haben die Heilige Pforte geöffnet: hier und in allen Kathedralen der Welt. Auch dieses einfache Zeichen ist eine Einladung zur Freude. Es beginnt die Zeit der großen Vergebung. Es ist das Jubiläum der Barmherzigkeit. Es ist der Augenblick, um die Gegenwart Gottes und seine Zärtlichkeit als Vater neu zu entdecken. Gott liebt die Starrheit nicht. Er ist Vater, er ist zärtlich. Alles tut er mit der Zärtlichkeit eines Vaters. Auch wir sind wie die Menschenmenge, die Johannes fragte: »Was sollen wir also tun?« (Lk 3,10). Die Antwort des Täufers lässt nicht auf sich warten. Er fordert dazu auf, mit Gerechtigkeit zu handeln und auf die Bedürfnisse jener zu schauen, die sich in Not befinden. Was Johannes von seinen Gesprächspartnern verlangt, ist das, was im Gesetz Bestätigung findet. Von uns wird jedoch ein radikalerer Einsatz verlangt. Angesichts der Heiligen Pforte, die wir durchschreiten sollen, sind wir aufgefordert, Werkzeuge der Barmherzigkeit zu sein, im Bewusstsein, dass wir nach ihr gerichtet werden. Wer getauft ist, weiß, dass er eine größere Verpflichtung hat. Der Glaube an Christus bringt einen Weg hervor, der das ganze Leben andauert: den Weg, barmherzig zu sein wie der Vater. Die Freude, die Pforte der Barmherzigkeit zu durchschreiten, geht einher mit dem Bemühen, eine Liebe anzunehmen und zu bezeugen, die über die Gerechtigkeit hinausgeht, eine Liebe, die keine Grenzen kennt. Und für diese unendliche Liebe sind wir verantwortlich, trotz unserer Widersprüche.

Beten wir für uns und für alle, die die Pforte der Barmherzigkeit durchschreiten werden, auf dass wir die unendliche Liebe unseres himmlischen Vaters, der das Leben neu erschafft, verwandelt und erneuert, verstehen und annehmen können.

Übersetzung: Osservatore Romano

 

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