Veröffentlicht am 2015-12-26 In Franziskus - Botschaft

Ein Zeichen des christlichen Lebens und der Barmherzigkeit ist Lieben und Vergeben

FRANZISKUS IN ROM •

Bei der Generalaudienz am Mittwoch, 16. Dezember 2015, sprach Papst Franziskus über die Bedeutung der Heiligen Pforte im Jubiläum der Barmherzigkeit, das in aller Welt begangen wird. „Die Heilige Pforte zu durchschreiten ist eine wirkliche Bekehrung unseres Herzens. Wenn wir diese Pforte durchschreiten, ist es gut, uns daran zu erinnern, dass wir auch die Pforte unseres eigenen Herzens offen haben sollten“, sagte Franziskus.

Vollständiger Text der Ansprache von Papst Franziskus bei der Generalaudienz am 16. Dezember 2015

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Am vergangenen Sonntag wurde in der Kathedrale von Rom, der Lateranbasilika, die Heilige Pforte geöffnet. Auch in der Kathedrale jeder Di­özese der Welt wurde eine Pforte der Barmherzigkeit geöffnet, ebenso in den Heiligtümern und in den von den Bischöfen bestimmten Kirchen. Das Jubiläum findet in der ganzen Welt statt, nicht nur in Rom. Es war mein Wunsch, dass dieses Zeichen der Heiligen Pforte in jeder Teilkirche gegenwärtig sein sollte, damit das Jubiläum der Barmherzigkeit zu einer Erfahrung für alle Menschen werden kann. Auf diese Weise hat das Heilige Jahr in der ganzen Kirche begonnen und wird in jeder Diözese ebenso wie in Rom gefeiert. Außerdem wurde die erste Heilige Pforte im Herzen Afrikas geöffnet. Und Rom ist das sichtbare Zeichen der universalen Gemeinschaft. Möge diese kirchliche Gemeinschaft immer mehr vertieft werden, auf dass die Kirche in der Welt das lebendige Zeichen der Liebe und der Barmherzigkeit des Vaters sein möge.

Das Heil ist unentgeltlich

Auch das Datum des 8. Dezember sollte diese Notwendigkeit hervorheben, indem es nach 50 Jahren den Beginn des Jubiläums mit dem Abschluss des Zweiten Vatikanischen Ökumenischen Konzils verbunden hat. Tatsächlich hat das Konzil die Kirche im Licht des Geheimnisses der Gemeinschaft betrachtet und aufgezeigt. Sie ist in der ganzen Welt verbreitet und in viele Teilkirchen unterteilt, aber dennoch ist sie immer nur die eine Kirche Jesu Christi – die Kirche, die er gewollt und für die er sich selbst hingegeben hat: die »eine« Kirche, die aus der Gemeinschaft Gottes heraus lebt.

Dieses Geheimnis der Gemeinschaft, das die Kirche zum Zeichen der Liebe des Vaters macht, wächst und reift in unserem Herzen, wenn die Liebe, die wir im Kreuz Christi erkennen und in die wir hineingenommen werden, uns so lieben lässt wie wir selbst von ihm geliebt werden. Es ist eine unendliche Liebe, die das Gesicht der Vergebung und der Barmherzigkeit hat.

Barmherzigkeit und Vergebung dürfen jedoch keine schönen Worte bleiben, sondern müssen im täglichen Leben umgesetzt werden. Lieben und vergeben sind das konkrete und sichtbare Zeichen, dass der Glaube unsere Herzen verwandelt hat und uns das Leben Gottes in uns zum Ausdruck bringen lässt. Lieben und vergeben wie Gott liebt und vergibt. Das ist ein Lebens­programm, dass keine Unterbrechungen oder Ausnahmen kennen darf, sondern uns drängt, immer weiter zu gehen, ohne jemals müde zu werden, in der Gewissheit, von der väterlichen Gegenwart Gottes gestützt zu sein.

Dieses große Zeichen des christlichen Lebens wird dann zu vielen weiteren Zeichen, die für das Jubiläum kennzeichnend sind. Ich denke an all jene, die eine der Heiligen Pforten durchschreiten werden, die in diesem Jahr wahre Pforten der Barmherzigkeit sind. Die Pforte verweist auf Jesus selbst, der gesagt hat: »Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden« (Joh 10,9). Das Durchschreiten der Heiligen Pforte ist das Zeichen unseres Vertrauens auf den Herrn Jesus, der nicht gekommen ist, um zu richten, sondern um zu retten (vgl. Joh 12,47). Gebt acht, dass nicht jemand kommt, der schlau oder hinterlistig ist und euch sagt, dass man bezahlen muss: nein! Das Heil wird nicht bezahlt. Das Heil kann man nicht kaufen. Die Tür ist Jesus, und Jesus ist unentgeltlich! Er selbst spricht von jenen, die andere so hineinlassen, wie man es nicht tun soll, und sagt ganz einfach, dass es Diebe und Räuber sind.

Vergeben ist etwas Großes

Noch einmal, gebt acht: Das Heil ist unentgeltlich. Die Heilige Pforte zu durchschreiten ist Zeichen einer wahren Umkehr unseres Herzens. Wenn wir jene Pforte durchschreiten, sollten wir uns daran erinnern, dass wir auch die Pforte unseres Herzens weit geöffnet halten müssen. Ich stehe vor der Heiligen Pforte und bitte: »Herr, hilf mir, die Pforte meines Herzens weit zu öffnen!« Das Heilige Jahr würde nicht viel bewirken, wenn die Pforte unseres Herzens Christus nicht hindurchließe, der uns anspornt, auf die Anderen zuzugehen, um ihn und seine Liebe zu bringen. Wie also die Heilige Pforte offen bleibt, weil sie das Zeichen der Annahme ist, die Gott selbst für uns bereithält, so muss auch unsere Pforte, die Pforte des Herzens, stets weit geöffnet sein, um niemanden auszuschließen. Auch nicht jenen Mann oder jene Frau, die mir lästig sind: niemanden.

Ein wichtiges Zeichen des Jubiläums ist auch die Beichte. Das Sakrament zu empfangen, durch das wir wieder mit Gott versöhnt werden, ist gleichbedeutend mit einer unmittelbaren Erfahrung seiner Barmherzigkeit. Es bedeutet, den Vater zu finden, der vergibt: Gott vergibt alles. Gott versteht uns auch in unseren Grenzen, er versteht uns auch in unseren Widersprüchen. Und nicht nur das: Er sagt uns mit seiner Liebe, dass er gerade dann, wenn wir unsere Sünden bekennen, uns noch näher ist, und spornt uns an, nach vorn zu schauen. Er sagt noch mehr: Wenn wir unsere Sünden bekennen und um Vergebung bitten, wird im Himmel ein Fest gefeiert. Jesus feiert ein Fest: Das ist seine Barmherzigkeit, lassen wir uns nicht entmutigen. Vorwärts, vorwärts auf diesem Weg!

Wie oft habe ich gehört, dass jemand zu mir sagte: »Vater, ich kann dem Nachbarn, dem Arbeitskollegen, der Nachbarin, der Schwiegermutter, der Schwägerin nicht vergeben.« Wir alle haben das gehört: »Ich kann nicht vergeben.« Wie kann man aber Gott bitten, uns zu vergeben, wenn wir dann nicht zur Vergebung bereit sind? Und Vergeben ist etwas Großes, und doch ist es nicht einfach zu vergeben, denn unser Herz ist arm und kann es aus eigener Kraft nicht schaffen. Wenn wir uns jedoch öffnen, um Gottes Barmherzigkeit für uns zu empfangen, dann werden wir unsererseits fähig zu vergeben. Oft habe ich jemanden sagen gehört: »Ich konnte jenen Menschen nicht sehen: Ich habe ihn gehasst. Eines Tages bin ich jedoch zum Herrn Jesus gegangen und habe ihn um Vergebung für meine Sünden gebeten, und ich habe auch jenem Menschen vergeben.« Das sind alltägliche Dinge. Und wir haben diese Möglichkeit nahe bei uns.

Also nur Mut! Wir wollen das Jubiläum leben, indem wir mit diesen Zeichen beginnen, die eine große Kraft der Liebe mit sich bringen. Der Herr wird uns begleiten, um uns dahin zu führen, andere wichtige Zeichen für unser Leben zu erfahren. Nur Mut und vorwärts!

(Orig. ital. in O.R. 17.12.2015)

 

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