Veröffentlicht am 20. November 2015 In Franziskus - Botschaft

Die Kirche lebt wie Jesus mitten unter den Menschen

FRANZISKUS IN FLORENZ  •

Es ist notwendig, zu wissen, was die Leute denken, so Papst Franziskus in der Abschlussmesse seines Pastoralbesuches in den italienischen Städten Prato und Florenz, es ist notwendig, den Kontakt mit der Realität zu halten, die Freude, Traurigkeiten, Triumphe und Niederlagen zu kennen, denn das ist die einzige Möglichkeit, ihnen helfen zu können.

„Es ist der einzige Weg, um zu den Herzen der Menschen zu sprechen, indem man ihre tägliche Erfahrung berührt: Arbeit, Familie, gesundheitliche Probleme, Straßenverkehr, Schule, Gesundheitsfürsorge und so weiter … Es ist der einzige Weg, um ihr Herz für das Hören auf Gott zu öffnen. Tatsächlich ist Gott Mensch geworden, um mit uns zu sprechen. Die Jünger Jesu dürfen niemals vergessen, von woher sie genommen und erwählt worden sind, das heißt aus dem Volk, und sie dürfen nie der Versuchung erliegen, eine distanzierte Haltung anzunehmen, als würde das, was die Menschen denken und leben, sie nichts angehen oder als wäre es für sie nicht wichtig.“

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Vollständiger Text der Predigt von Papst Franziskus bei der Messe in Florenz:

Im heutigen Evangelium stellt Jesus seinen Jüngern zwei Fragen. Die erste Frage: »Für wen halten die Leute den Menschensohn?« (Mt 16,13) zeigt, wie sehr das Herz und der Blick Jesu für alle offen sind. Jesus interessiert, was die Leute denken, nicht weil er sie zufrieden stellen will, sondern um mit ihnen kommunizieren zu können. Wenn der Jünger nicht weiß, was die Leute denken, dann isoliert er sich und beurteilt die Menschen nach seinen eigenen Gedanken und Überzeugungen. Einen gesunden Kontakt zur Realität, zu dem, was die Menschen leben, zu ihren Tränen und ihren Freuden aufrechterhalten, das ist der einzige Weg, ihnen helfen zu können, sie formen zu können und sich zu verständigen. Es ist der einzige Weg, um zu den Herzen der Menschen zu sprechen, indem man ihre tägliche Erfahrung berührt: Arbeit, Familie, gesundheitliche Probleme, Straßenverkehr, Schule, Gesundheitsfürsorge und so weiter… Es ist der einzige Weg, um ihr Herz für das Hören auf Gott zu öffnen. Tatsächlich ist Gott Mensch geworden, um mit uns zu sprechen. Die Jünger Jesu dürfen niemals vergessen, von woher sie genommen und erwählt worden sind, das heißt aus dem Volk, und sie dürfen nie der Versuchung erliegen, eine distanzierte Haltung anzunehmen, als würde das, was die Menschen denken und leben, sie nichts angehen oder als wäre es für sie nicht wichtig.

Und das gilt auch für uns. Und die Tatsache, dass wir uns heute in einem Sportstadion versammelt haben, um die heilige Messe zu feiern, erinnert uns daran. Die Kirche lebt wie Jesus mitten unter den Menschen und sie lebt für die Menschen. Daher hat die Kirche in ihrer gesamten Geschichte stets dieselbe Frage in sich getragen: »Wer ist Jesus für die Männer und Frauen von heute?«

Auch der aus der Toskana stammende Papst Leo der Große, dessen Gedenktag wir heute begehen, trug diese Frage in seinem Herzen, diesen apostolischen Eifer, dass alle Jesus kennen mögen und ihn als den kennen, der er wirklich ist, nicht ein von den Philosophien oder Ideologien der Zeit verzerrtes Bild von ihm.

Daher ist es notwendig, dass ein persönlicher Glaube an ihn heranreift. Und das ist die zweite Frage, die Jesus seinen Jüngern stellt: »Ihr aber, für wen haltet ihr mich?« (Mt 16,15). Eine Frage, die noch heute in unseren Gewissen erklingt, die wir seine Jünger sind. Und sie ist entscheidend für unsere Identität und unsere Sendung. Nur wenn wir Jesus in seiner Wahrheit erkennen, werden wir in der Lage sein, die Wahrheit unserer menschlichen Situation zu sehen und so unseren Beitrag zur vollen Humanisierung der Gesellschaft leisten können.

Den rechten Glauben an Jesus Christus zu bewahren und zu verkünden ist die Herzmitte unserer christlichen Identität, denn indem wir das Geheimnis des menschgewordenen Gottes­sohnes erkennen, werden wir in das Geheimnis Gottes und in das Geheimnis des Menschen eindringen können.

Auf die Frage Jesu antwortet Simon: »Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes« (V. 16). Diese Antwort enthält die gesamte Sendung des heiligen Petrus und fasst zusammen, was das Petrusamt für die Kirche sein wird: die Wahrheit des Glaubens hüten und verkünden, die Gemeinschaft unter allen Ortskirchen verteidigen und fördern, die Kirchendisziplin wahren. Papst Leo war und bleibt in dieser Sendung ein Vorbild, sowohl mit seiner erhellenden Lehre als auch mit seinen von Sanftmut, Mitleid und Gottes Kraft erfüllten Gesten.

Unsere Freude ist es auch heute, liebe Brüder und Schwestern, diesen Glauben zu teilen und Jesus, dem Herrn, gemeinsam zu antworten: »Du bist für uns der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes.« Unsere Freude ist auch, gegen den Strom zu schwimmen und die gängige Meinung zu überwinden, der es wie damals nicht gelingt, in Jesus mehr als einen Propheten oder Lehrmeister zu sehen. Unsere Freude ist, in ihm die Gegenwart Gottes zu erkennen, den vom Vater Gesandten, den Sohn, gekommen, um Werkzeug des Heils für die Menschheit zu sein. Dieses Glaubensbekenntnis des Simon Petrus bleibt auch für uns gültig. Es ist nicht nur das Fundament unseres Heils, sondern auch der Weg, auf dem es sich erfüllt, und das Ziel, das es erstrebt.

Denn am Ursprung des Heilsgeheimnisses liegt der Wille eines barmherzigen Gottes, der angesichts des Unverständnisses, der Schuld und des Elends des Menschen nicht aufgeben will, sondern in seiner Hingabe an den Menschen so weit geht, dass er selbst Mensch wird, um jedem Menschen in seiner konkreten Situation zu begegnen. Diese barmherzige Liebe Gottes ist es, die Simon Petrus auf dem Antlitz Jesu erkennt. Es ist dasselbe Antlitz, das wir erkennen sollen in den Formen der Gegenwart des Herrn unter uns, die er uns zugesichert hat: in seinem Wort, das das Dunkel unseres Verstandes und unseres Herzens erhellt; in seinen Sakramenten, durch die wir aus jedem unserer Tode zu neuem Leben geboren werden; in der brüderlichen Gemeinschaft, die der Heilige Geist unter seinen Jüngern bewirkt; in der grenzenlosen Liebe, die zu großherzigem und aufmerksamem Dienst für alle wird; im Armen, der uns an den Willen Jesu erinnert, dass die höchste Offenbarung seiner selbst und des Vaters das Bild des erniedrigten Gekreuzigten sein solle.

Diese Glaubenswahrheit ist eine Wahrheit, die Anstoß erregt, denn sie verlangt, an Jesus zu glauben, der Gott gleich war, sich aber erniedrigte und wie ein Sklave wurde, bis zum Tod am Kreuz, und den Gott deshalb zum Herrn des Universums gemacht hat (vgl. Phil 2,6-11). Das ist die Wahrheit, die auch heute noch Empörung hervorruft bei dem, der das Geheimnis Gottes nicht erträgt, das in das Antlitz Jesu eingeprägt ist. Das ist die Wahrheit, die wir nicht erreichen und erfassen können, ohne – wie es der heilige Paulus ausdrückt – in das Geheimnis Jesu Christi einzudringen und ohne untereinander so gesinnt zu sein, wie es dem Leben in ihm entspricht (vgl. Phil 2,5). Nur ausgehend vom Herzen Christi können wir seine Wahrheit verstehen, bekennen und leben. Tatsächlich ist die in Jesus vollkommen verwirklichte Gemeinschaft von Göttlichem und Menschlichem unser Ziel, der Zielpunkt der menschlichen Geschichte nach dem Plan des Vaters. Es ist die Seligkeit der Begegnung zwischen unserer Schwäche und seiner Größe, unserm Kleinsein und seiner Barmherzigkeit, die all unsere Grenzen überwinden wird. Aber dieses Ziel ist nicht nur der Horizont, der unseren Weg erhellt, sondern auch das, was uns mit seiner sanften Kraft anzieht; es ist das, war wir hier im Voraus genießen und leben und was wir Tag für Tag aufbauen durch all das Gute, das wir um uns herum aussäen. Das sind die Samen, die zur Schaffung einer neuen, einer erneuerten Menschheit beitragen, wo niemand ausgegrenzt oder weggeworfen wird; wo der, der dient, der Größte ist; wo die Armen und Kleinen angenommen werden und Hilfe finden.

Gott und Mensch sind nicht die beiden Extreme eines Gegensatzes: Seit jeher suchen sie einander, weil Gott im Menschen sein eigenes Bild erkennt und der Mensch sich nur im Blick auf Gott erkennt. Das ist wahre Weisheit, die das Buch Jesus Sirach als Merkmal derer hervorhebt, die dem Herrn nachfolgen. Es ist die Weisheit des heiligen Leo des Großen, Frucht verschiedener zusammenkommender Elemente: Wort, Einsicht, Gebet, Lehre, Gedenken. Aber der heilige Leo sagt uns auch, dass es wahre Weisheit nur geben kann in Verbindung mit Christus und im Dienst an der Kirche. Und das ist der Weg, auf dem wir der Menschheit begegnen und ihr im Geist des barmherzigen Samariters begegnen können. Nicht umsonst trug der Humanismus, dessen Zeugin Florenz in dessen kreativsten Momenten war, stets das Antlitz der Nächstenliebe. Möge dieses Erbe Frucht bringen in einem neuen Humanismus für diese Stadt und für ganz Italien.

Vor dem abschließenden Segen sagte der Papst:

Ich möchte euch für den herzlichen Empfang während dieses ganzen Tages danken. Ich möchte dem Herrn Kardinal und Erzbischof danken, den Kardinälen und Bischöfen der italienischen Bischofskonferenz mit ihrem Präsidenten. All das, was ihr heute für mich getan habt, ist ein Zeugnis. Mein Dank gilt einem jeden von euch. Aber besonders danken möchte ich den Gefangenen, die diesen Altar angefertigt haben, auf den Jesus heute herabgekommen ist. Danke, dass ihr das für Jesus getan habt. Und euch allen: Herzlichen Dank! Und bitte betet für mich.

( Deutsche Übesetzung Osservatare Romano. Orig. ital. in O.R. 12.11.2015)

 

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