Veröffentlicht am 2015-11-20 In Franziskus - Botschaft

Dass diese familiäre Tischgemeinschaft in der Gnadenzeit des kommenden Jubiläums der Barmherzigkeit wachse und reife

FRANZISKUS IN ROM •

Bei seiner Katechese in der Generalaudienz am zweiten Mittwoch im November (11.11.2015) führte Papst Franziskus auf dem Petersplatz vor Tausenden von Menschen aus zahlreichen Ländern seine Katechesenreihe über die Familie fort, wobei er diesmal das Zusammenleben, konkret die familiäre Tischgemeinschaft betonte, wo wie von klein auf lernen, mit Freude die Güter des Lebens zu teilen.

„Eine Familie, die fast nie gemeinsam isst oder in der bei Tisch nicht gesprochen wird, sondern man in den Fernseher oder auf das Smartphone schaut, ist eine Familie, die wenig von einer »Familie« hat. Wenn die Kinder bei Tisch am Computer oder Handy kleben und einander nicht zuhören, dann ist das keine Familie, sondern ein Wohnheim“, sagte Franziskus, wieder einmal der aufmerksame Beobachter. Und er machte Mut zu einer neuen Familienkultur, in der man redet, sich erholt, als Familie zusammenlebt. Das meine auch das Wort von der Kirche als Familie – miteinander reden, aufeinander hören, zusammenleben.

Eine Kirche, die Familie ist, ist offen: „In unserer Zeit, die von viel Verschlossenheit und zu vielen Mauern geprägt ist, wird die von der Familie geschaffene und von der Eucharistie erweiterte Tischgemeinschaft zu einer entscheidenden Chance. Die Eucharistie und die von ihr genährten Familien können die Verschlossenheit überwinden und Brücken der Annahme und der Nächstenliebe bauen. Ja, die Eucharistie einer Kirche von Familien, die in der Lage sind, der Gemeinschaft den wirkkräftigen Sauerteig der Tischgemeinschaft und der gegenseitigen Gastfreundschaft zurückzugeben, ist eine Schule der menschlichen Eingliederung, die keine Auseinandersetzungen scheut! Es gibt keine Geringen, Waisen, Schwachen, Wehrlosen, Verletzten und Enttäuschten, Verzweifelten und Verlassenen, die die eucharistische Tischgemeinschaft der Familien nicht nähren, erquicken, schützen und beherbergen könnte.“

 

Vollständiger Text der Katechese von Papst Franziskus

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Heute wollen wir über eine charakteristische Eigenschaft des Familienlebens nachdenken, die man von den ersten Lebensjahren an lernt: die Tischgemeinschaft, also die Haltung, die Güter des Lebens miteinander zu teilen und glücklich zu sein, dies zu können. Teilen und teilen können ist eine wertvolle Tugend! Ihr Symbol, ihre »Ikone«, ist die zum häuslichen Mahl versammelte Familie. Das Teilen der Mahlzeit – also außer der Speise auch der Zuneigung, des Erzählten, der Ereignisse… – ist eine grundlegende Erfahrung. An Festtagen, Geburtstagen, Jubiläen versammelt man sich um den Tisch. In einigen Kulturen ist es Brauch, dies auch anlässlich eines Todesfalls zu tun, um jenen nahe zu sein, die um den Verlust eines Angehörigen trauern.

Brücken der Annahme und Nächstenliebe

Die Tischgemeinschaft ist ein sicheres Thermometer, um den Gesundheitsgrad der Beziehungen zu messen: Wenn in der Familie etwas nicht in Ordnung oder eine verborgene Wunde vorhanden ist, versteht man es bei Tisch sofort. Eine Familie, die fast nie gemeinsam isst oder in der bei Tisch nicht gesprochen wird, sondern man in den Fernseher oder auf das Smartphone schaut, ist eine Familie, die wenig von einer »Familie« hat. Wenn die Kinder bei Tisch am Computer oder Handy kleben und einander nicht zuhören, dann ist das keine Familie, sondern ein Wohnheim.

Das Christentum hat eine besondere Berufung zur Tischgemeinschaft, das wissen alle. Der Herr Jesus lehrte gern bei Tisch und beschrieb zuweilen das Reich Gottes als festliches Gastmahl. Jesus wählte das Mahl auch, um den Jüngern sein geistliches Testament zu hinterlassen – er tat dies beim Abendmahl –, das in der Gedächtnisgeste seines Opfers verdichtet ist: die Gabe seines Leibes und seines Blutes als Speise und Trank des Heils, die die wahre und dauerhafte Liebe nähren.

In dieser Hinsicht können wir wohl sagen, dass die Familie in der heiligen Messe »zuhause« ist, eben weil sie zur Eucharistie ihre eigene Erfahrung der Tischgemeinschaft mitbringt und sie zur Gnade einer universalen Tischgemeinschaft, der Liebe zu Gott und zur Welt, hin öffnet. In der Teilnahme an der Eucharistie wird die Familie von der Versuchung gereinigt, sich in sich selbst zu verschließen, in der Liebe und Treue gestärkt, und so erweitert sie die Grenzen der eigenen Brüderlichkeit nach dem Herzen Christi.

In unserer Zeit, die von viel Verschlossenheit und zu vielen Mauern geprägt ist, wird die von der Familie geschaffene und von der Eucharistie erweiterte Tischgemeinschaft zu einer entscheidenden Chance. Die Eucharistie und die von ihr genährten Familien können die Verschlossenheit überwinden und Brücken der Annahme und der Nächstenliebe bauen. Ja, die Eucharistie einer Kirche von Familien, die in der Lage sind, der Gemeinschaft den wirkkräftigen Sauerteig der Tischgemeinschaft und der gegenseitigen Gastfreundschaft zurückzugeben, ist eine Schule der menschlichen Eingliederung, die keine Auseinandersetzungen scheut! Es gibt keine Geringen, Waisen, Schwachen, Wehrlosen, Verletzten und Enttäuschten, Verzweifelten und Verlassenen, die die eucharistische Tischgemeinschaft der Familien nicht nähren, erquicken, schützen und beherbergen könnte.

Die Erinnerung an die familiären Tugenden hilft uns, das zu verstehen. Wir selbst haben gesehen, und sehen es noch heute, welche Wunder geschehen können, wenn eine Mutter ihren Blick und ihre Aufmerksamkeit außer auf die eigenen Kinder auch auf die anderer Menschen richtet, für sie sorgt und sich um sie kümmert. Bis gestern genügte eine Mutter für alle Kinder auf dem Hof! Außerdem wissen wir gut, welche Kraft ein Volk erlangt, dessen Väter bereit sind, sich für den Schutz der Kinder aller Menschen einzusetzen, weil sie die Kinder als ungeteiltes Gut betrachten, das sie glücklich und mit Stolz schützen.

Lebenspendender Bund der christlichen Familien

Heute stellen viele gesellschaftliche Umfelder der familiären Tischgemeinschaft Hindernisse in den Weg. Natürlich ist es heute nicht einfach. Wir müssen einen Weg finden, um sie wiederzuerlangen. Bei Tisch wird gesprochen, bei Tisch hört man einander zu. Es darf kein Schweigen herrschen: jenes Schweigen, das nicht das klösterliche Schweigen ist, sondern das Schweigen der Selbstbezogenheit, wo jeder nur an sich selbst denkt oder mit dem Fernseher oder dem Computer beschäftigt ist… und wo nicht gesprochen wird. Nein, es darf kein Schweigen herrschen. Man muss die Tischgemeinschaft wiedererlangen, auch wenn sie der Zeit angepasst werden muss. Die Tischgemeinschaft scheint zu etwas geworden zu sein, das gekauft und verkauft wird, aber so ist sie etwas Anderes. Und die Ernährung ist nicht immer Symbol für eine gerechte Güterverteilung, die jene erreichen kann, die weder Brot noch Liebe besitzen.

In den reichen Ländern werden wir verleitet, für übermäßige Ernährung Geld auszugeben, und dann werden wir wiederum dazu verleitet, den Überschuss auszugleichen. Und dieses sinnlose »Geschäft« lenkt unsere Aufmerksamkeit vom wahren Hunger, dem Hunger des Leibes und der Seele, ab. Wenn es keine Tischgemeinschaft gibt, herrscht Selbstbezogenheit; jeder denkt an sich selbst. Darüber hinaus hat die Werbung sie auch noch auf ein Verlangen nach Snacks und Süßigkeiten reduziert, während viele, zu viele Brüder und Schwestern vom Mahl ausgeschlossen bleiben. Das ist etwas beschämend!

Betrachten wir das Geheimnis der eucharistischen Tischgemeinschaft. Der Herr bricht seinen Leib und vergießt sein Blut für alle. Es gibt wirklich keine Spaltung, die diesem Opfer der Gemeinschaft widerstehen könnte; nur die Falschheit, die Komplizenschaft mit dem Bösen kann davon ausschließen. Keine andere Entfernung kann der wehrlosen Kraft des gebrochenen Brotes und des vergossenen Weines, Sakrament des einen Leibes des Herrn, widerstehen. Der lebendige und lebenspendende Bund der christlichen Familien, der in der Dynamik seiner Gastfreundschaft der täglichen Mühsal und Freude vorausgeht, sie stützt und annimmt, wirkt mit der Gnade der Eucharistie zusammen, die fähig ist, durch ihre einschließende und erlösende Kraft stets neue Gemeinschaft zu bewirken. Auf eben diese Weise zeigt die christliche Familie die Weite ihres wahren Horizonts, des Horizonts der Mutter Kirche und aller Menschen, aller Verlassenen und Ausgegrenzten, in allen Völkern. Beten wir darum, dass diese familiäre Tischgemeinschaft in der Gnadenzeit des kommenden Jubiläums der Barmherzigkeit wachsen und reifen möge.

(Übersetzung aus Osservatore Romano, Orig. ital. in O.R. 12.11.2015)

 

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