Veröffentlicht am 10. September 2015 In Franziskus - Botschaft

Die Würde der Arbeit

FRANZISKUS IN ROM•

Papst Franziskus macht weiter mit seiner Katechese über die Familie. Am 19. August ging er auf das Thema „Arbeit und Familie“ ein und versicherte, dass die Arbeit heilig sei, Ausdruck der Würde der menschlichen Person und die Institution der Familie stärke. „Arbeit ist heilig, Arbeit gibt einer Familie Würde und wir müssen beten, dass es in keiner Familie an Arbeit fehlt“, so der Heilige Vater.

 

Familie: Die Arbeit

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Nachdem wir über den Wert des Festes im Leben der Familie nachgedacht haben, sprechen wir heute über das ergänzende Element: die Arbeit. Beide, das Fest und die Arbeit, gehören zu Gottes Schöpfungsplan.

Die Arbeit, so heißt es gewöhnlich, ist notwendig, um die Familie zu erhalten, die Kinder großzuziehen, den eigenen Angehörigen ein Leben in Würde sicherzustellen. Das Schönste, was man über einen ernsthaften, aufrichtigen Menschen sagen kann, ist: »Er ist ein fleißiger Arbeiter«, er ist jemand, der wirklich arbeitet, der in der Gemeinschaft nicht auf Kosten anderer lebt. Heute sind viele Argentinier hier, das habe ich gesehen, und ich möchte es so sagen, wie wir es sagen: »No vive de arriba« [dt.: Er lebt nicht auf Kosten anderer].

Tatsächlich sorgt die Arbeit in ihren zahllosen Formen, angefangen bei der Hausarbeit, auch für das Gemeinwohl. Und wo lernt man diesen arbeitsamen Lebensstil? Vor allem erlernt man ihn in der Familie. Die Familie erzieht zur Arbeit durch das Beispiel der Eltern: Vater und Mutter, die für das Wohl der Familie und der Gesellschaft arbeiten.

Im Evangelium erscheint die Heilige Familie von Nazaret als Arbeiterfamilie, und auch Jesus wird als »Sohn des Zimmermanns« (Mt 13,55) oder sogar als »der Zimmermann« (Mk 6,3) bezeichnet. Und der heilige Paulus ermahnt die Christen: »Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen« (2 Thess 3,10). – Das ist ein gutes Rezept, um abzunehmen: Wer nicht arbeitet, soll nicht essen! – Der Apostel bezieht sich ausdrücklich auf den falschen Spiritualismus einiger, die in Wirklichkeit auf Kosten ihrer Brüder und Schwestern leben und »nicht arbeiten« (2 Thess 3,11). Die Mühe der Arbeit und das Leben des Geistes bilden nach christlichem Verständnis durchaus keinen Gegensatz.

Es ist wichtig, das gut zu verstehen! Gebet und Arbeit können und müssen miteinander in Einklang stehen, wie der heilige Benedikt lehrt. Arbeitsmangel schadet auch dem Geist, ebenso wie der Mangel an Gebet auch der praktischen Tätigkeit schadet.

Das Arbeiten – ich wiederhole, in zahllosen Formen – ist der menschlichen Person zu eigen. Es bringt ihre Würde, als Abbild Gottes erschaffen zu sein, zum Ausdruck. Daher heißt es, dass die Arbeit heilig ist. Die Beschäftigungspolitik ist daher eine große menschliche und soziale Verantwortung, die nicht einigen wenigen überlassen oder auf einen vergötzten »Markt« abgewälzt werden darf. Wer den Verlust von Arbeitsplätzen verursacht, verursacht einen schweren sozialen Schaden. Ich werde traurig, wenn ich sehe, dass es Menschen gibt, die keine Arbeit haben, die keine Arbeit finden und die nicht die Würde besitzen, das Brot nach Hause zu bringen. Und ich freue mich sehr, wenn ich sehe, dass die Regierenden sich anstrengen, Arbeitsplätze zu schaffen, und darum bemüht sind, dass alle Arbeit haben. Die Arbeit ist heilig, die Arbeit verleiht einer Familie Würde. Wir müssen beten, dass in keiner Familie die Arbeit fehlt.

Auch die Arbeit, ebenso wie das Fest, gehört also zum Plan Gottes, des Schöpfers. Im Buch Genesis wird das Thema der Erde als Heim und Garten, der Obhut und der Arbeit des Menschen anvertraut (2,8.15), durch einen sehr berührenden Abschnitt vorausgenommen: »Zur Zeit, als Gott, der Herr, Erde und Himmel machte, gab es auf der Erde noch keine Feldsträucher und wuchsen noch keine Feldpflanzen; denn Gott, der Herr, hatte es auf die Erde noch nicht regnen lassen, und es gab noch keinen Menschen, der den Ackerboden bestellte; aber Feuchtigkeit stieg aus der Erde auf und tränkte die ganze Fläche des Ackerbodens« (2,4b-6). Das ist keine Romantik; es ist Gottes Offenbarung; und wir haben die Verantwortung, sie zu verstehen und sie uns bis ins Letzte zu eigen zu machen. Die Enzyklika Laudato si’, die eine ganzheitliche Ökologie anbietet, enthält auch diese Botschaft: Die Schönheit der Erde und die Würde der Arbeit müssen miteinander verbunden werden. Beide gehen Hand in Hand. Die Erde wird schön, wenn sie vom Menschen bebaut wird. Wenn die Arbeit vom Bund Gottes mit dem Mann und der Frau losgelöst wird, wenn sie von ihren geistlichen Eigenschaften getrennt wird, wenn sie Geisel der Logik des reinen Profits ist und die Liebe und das Leben verachtet, dann verunreinigt die Verzagtheit der Seele alles: auch die Luft, das Wasser, die Pflanzen, die Speise… Das zivile Leben nimmt Schaden und der Lebensraum geht kaputt. Und die Folgen treffen vor allem die ärmsten Menschen und die ärmsten Familien. Die moderne Organisation der Arbeit zeigt manchmal eine gefährliche Tendenz auf, die Familie als Hindernis, als Last, als Trägheitsfaktor für die Produktivität der Arbeit zu betrachten. Wir müssen uns jedoch fragen: welche Produktivität? Und für wen? Die sogenannte »intelligente Stadt« ist zweifellos reich an Dienstleistungen und Organisation; sie ist jedoch zum Beispiel Kindern und alten Menschen oft feindlich gesinnt.

Wer plant, ist manchmal am Management der individuellen Arbeitskraft interessiert, die je nach wirtschaftlichem Vorteil gebündelt und benutzt oder ausgesondert wird. Die Familie ist ein großer Prüfstein. Wenn die Organisation der Arbeit sie als Geisel hält oder sogar ihren Weg behindert, dann können wir sicher sein, dass die menschliche Gesellschaft begonnen hat, gegen sich selbst zu arbeiten!

Dieser Stand der Dinge gibt den christlichen Familien eine große Herausforderung und eine große Sendung. Sie führen die Grundlagen der Schöpfung Gottes ins Feld: die Identität und den Bund von Mann und Frau, die Zeugung von Kindern, die Arbeit, die die Erde zum Heim und die Welt bewohnbar macht. Der Verlust dieser Grundlagen ist etwas sehr Schlimmes, und im gemeinsamen Haus gibt es bereits allzu viele Risse! Die Aufgabe ist nicht einfach. Die Familienverbände mögen sich manchmal fühlen wie David, der Goliat gegenübersteht… Wir wissen jedoch, wie jene Herausforderung ausgegangen ist! Wir brauchen Glauben und Klugheit. Gott möge uns gewähren, seinen Ruf mit Freude und Hoffnung anzunehmen, in diesem schwierigen Augenblick unserer Geschichte, den Ruf zur Arbeit, um sich selbst und der eigenen Familie Würde zu verleihen.

Foto: IStockphotos/Getty Images.

(Übersetzung ins Deutsche: Osservatore Romano, deutsche Ausgabe, Nr. 35/2015)

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