Veröffentlicht am 18. Juni 2015 In Franziskus - Botschaft

Die Sorge für das gemeinsame Haus, die Schöpfung

von M. Fischer •

„Eine überzeugende, prophetische und herausfordernde Enzyklika“ nennt sie Bischof Luis Infante von Aysén, Chile, diese Enzyklika Laudato si‘, die heute simultan in Arabisch, Englisch, Italienisch, Polnisch, Portugiesisch, Spanisch und Deutsch veröffentlicht wurde. Am Sonntag beim Angelus hatte Papst Franziskus darum gebeten, die Enzyklika Laudato si‘ über die Sorge für das „gemeinsame Haus“ mit offenem Herzen aufzunehmen, denn, so betonte er, „dieses Haus wird zerstört, und das fügt allen Schaden zu, vor allem den Ärmsten. Mein Appell richtet sich an die Verantwortung, es geht um die Aufgabe, die Gott dem Menschen in der Schöpfung gab: den „Garten“, in den er ihn gesetzt hat, „zu bebauen“ und ihn „zu hüten“ (Gen 2, 15). Ich lade alle dazu ein, mit offenem Herzen dieses Dokument aufzunehmen, das in einer Linie mit der Soziallehre der Kirche steht.“

Bei der Audienz am 17. Juni sagte Papst Franziskus, in diesem Dokument der kirchlichen Gesellschaftslehre  gehe es darum, die Schöpfung zu pflegen und sie verantwortlich zu hüten, mit besonderer Achtsamkeit für die Ärmsten, die am meisten unter den Folgen der Umweltschäden zu leiden hätten.

Der Titel der Enzyklika wird inspiriert vom Sonnengesang des heiligen Franz von Assisi, der daran erinnert, dass die Erde, unser gemeinsames Haus, „wie eine Schwester ist, mit der wir das Leben teilen, und wie eine schöne Mutter, die uns in ihre Arme schließt: »Gelobt seist du, mein Herr, durch unsere Schwester, Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt und bunte Blumen und Kräuter« (LS1).

An der Pressekonferenz nahmen teil Kardinal Peter Turkson, Präsident des Päpstlichen Rates Justicia et Pax, der Metropolit von Pergamo,  John Zizioulas, in Vertretung der Orthodoxen Kirche, Professor Johannes Schellnhuber, Gründer und Leiter des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, und Carolyn Woo, Präsidentin des Catholic Relief Services und Dekanin des Mendoza College of Business, University of Notre Dame, U.S.A.

Schlüssel: Ein Wandel des Lebensstils jedes Einzelnen und der Vielen

Laudato si‘ geht weit darüber hinaus, einige aktuelle Probleme anzusprechen, die den Planeten bedrohen, und schließt einen klaren Aufruf zur Änderung von Gewohnheiten und negativen Tendenzen im Leben jedes Einzelnen ein bis hin zu der praktischen Anregung, nicht mehr zu kochen, als man auch essen kann.

Mehrfach zitiert Franziskus Caritas in veritate, die „Wirtschafts-Enzyklika“ seines Vorgängers Benedikt VXI., und betont, dass der Markt an sich weder die menschliche, ganzheitliche Entwicklung noch die soziale Inklusion garantiere.

„Franziskus selbst, der im Text zahlreiche Zitate verschiedener Bischofskonferenzen und seiner Vorgänger, Benedikt XVI. und des heiligen Johannes Paul II. nennt -, hatte im Januar gesagt, er erwarte, dass dieses Dokument helfen könnte, beim kommenden Weltklimagipfel in Paris zu einer Übereinkunft zu kommen“, kommentiert Elisabetta Piqué, Vatikankorrespondentin der argentinischen Tageszeitung La Nación.

Franziskus empfiehlt  fünf sehr praktische Schritte für eine Änderung des Lebensstils: Dankbar sein und Dankbarkeit pflegen; in den verschiedenen Lebensbereichen zum Sparen und achtsamen Gebrauch der Dinge erziehen; den Konsumzwang oder Zwangskonsum überwinden; den Egoismus vergessen und schließlich zur inneren Wandlung kommen: Der Christ, so der Papst, muss seine Berufung leben in der Bewunderung der Schönheit des Werkes Gottes und es beschützen. So empfiehlt Franziskus eine gesunde Beziehung mit allem Geschaffenen als Teil der vollständigen Umkehr des Menschen.

Für den Papst ist längst nicht alles verloren, da wir Menschen die Fähigkeit haben, uns selbst zu überwinden, uns neu für das Gute zu entscheiden und uns zu erneuern, über alle  mentale und soziale Konditionierung  hinweg. Das klingt nach Hoffnung.

Das ist Franziskus pur: Menschen sind fähig, neue Wege zur wahren Freiheit einzuschlagen. Und es können viele sein, die das tun. Vielleicht ist es genau das, was die Kreise der Macht (wirtschaftlich, politisch, kirchlich), die die Enzyklika schon vor ihrem Erscheinen kritisierten und hinterfragten, am Ende am meisten fürchten: Ein Wandel im Lebensstil von Tausenden von Menschen. Denn dann kann sich tatsächlich etwas ändern. Im Bündnis mit der Schöpfung, im Bündnis auch und vor allem mit jenem Teil der Schöpfung, der „Mensch“ heißt, mit jedem Menschen und in jeder Situation des Lebens, ganz am Anfang, ganz am Ende, und in Armut und Not und Ausbeutung. In diesem Sinn sind Laudato si‘ und Misericordiae Vultus, der Ruf zur hütenden Sorge und der Ruf zur Barmherzigkeit, Verbündete, Geschwister. Denn die Erde ist unser aller Haus und die Menschen sind unsere Familie.

Offizieller Text der Enzyklika Laudato si‘ in Deutsch(pdf)

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