Charlie Paternina Francisco me irrita

Veröffentlicht am 2021-12-17 In Im solidarischen Buendnis mit Franziskus, Kirche - Franziskus - Bewegungen

Franziskus irritiert mich

Von Charlie Paternina, Spanien/USA •

Ja, Franziskus irritiert mich. Aber ich habe ein kleines Problem. Wir sind schon seit zwanzig Jahren befreundet. Ich betrat sein Büro im ersten Stock der Avenida Rivadavia 415 in Buenos Aires zum ersten Mal am 7. Juni 2001. Ich wusste, dass es ein kurzes Treffen werden würde. —

„Herr Erzbischof“, sagte ich sehr höflich, „danke, dass Sie mich empfangen. Ich werde nicht viel von Ihrer Zeit in Anspruch nehmen. Die Situation ist folgende: Ein großzügiger Kunde von mir hat angeboten, etwas Geld zu spenden, damit eine CD mit dem Dokumentarfilm „Zeugnis der Hoffnung“ meines Freundes George Weigel (Biograph des damaligen Johannes Paul II.) in allen Pfarreien Argentiniens verteilt werden kann. Da Sie der Erzbischof von Buenos Aires und Primas von Argentinien sind, müssten Sie sie in ganz Argentinien verteilen, aber wenn Sie die CDs nicht wollen, umso besser, denn mein Kunde spart die Spende, ich spare die Arbeit und alle sind zufrieden. Außerdem, und bei allem Respekt, weiß ich, dass Sie sehr beschäftigt sind, und ich, habe, obwohl ich niemand Besonderes bin, auch keine übrig.“

Einen Moment lang herrschte Schweigen. Obwohl er saß, sackte er leicht nach hinten, zweifellos überwältigt von dem (arroganten?) Orkan, den ich ihm gerade um die Ohren geblasen hatte. Ich schaue immer noch auf seine schwarzen Schuhe, von denen einer ein wenig unförmig ist. „Ja, ich bin interessiert“, antwortete er. „Ich werde sie verteilen.“ Halb im Scherz, halb im Ernst erwiderte ich: „Nun, Sie machen mir eine Menge Arbeit, denn jetzt muss ich den Text übersetzen, die CDs besorgen und sie Ihnen schicken“. „Vielen Dank“, sagte ich und begann aufzustehen, um zu gehen, nachdem ich meinen Auftrag erfüllt hatte. „Setzen Sie sich bitte“, sagte er freundlich. Und so begann alles.

Wir unterhielten uns noch eine Weile, er lud mich ein, ihn zu besuchen, wenn ich wieder nach Buenos Aires zurückkäme, und begleitete mich zum Aufzug. Als wir beide dort standen, blieb die Zeit – buchstäblich – stehen, als er mir direkt in die Augen sah und mich anflehte – buchstäblich anflehte: „Bitte beten Sie und lassen Sie für mich beten“. „Natürlich, Herr Erzbischof“, war alles, was ich sagen konnte. Der Aufzug schloss sich.

Charlie Paternina Francisco me irrita

Ich weiß nicht, liebe Leserin, lieber Leser, ob Sie schon einmal jemand um etwas angefleht hat. Ich meine nicht bitten, ich meine anflehen. Das ist ganz anders. Ein Flehen erzeugt im Zuhörer einen Schmerz, ein Gefühl der Unzulänglichkeit. Bis dahin hatte mich noch nie jemand angefleht, und bis heute auch nicht, so sehr, dass er mich seitdem jedes Mal, wenn ich nach Buenos Aires kam, im selben Büro empfing, und das erste, was ich zu ihm sagte – um nicht zu hören, dass er mich wieder anflehen würde – war: „Herr Kardinal, bitte wissen Sie, dass ich für Sie bete und für Sie beten lasse“. Er antwortete immer so, als würde er sich eine Last von den Schultern nehmen. „Ich danke Ihnen, vielen Dank.“

In diesen Gesprächen sprachen wir mit entwaffnender Zuversicht, Natürlichkeit und Einfachheit über alles. Als ich Ana, meiner Frau, den Inhalt unseres Gesprächs erzählte, sagte ich zu ihr: „Mit Bergoglio zusammen zu sein, bedeutet, mit der personifizierten Einfachheit zusammen zu sein“. Es geht nicht darum, dass Franziskus sich für einen Niemand hält, sondern darum, dass er weiß, dass er ein Niemand ist, was etwas ganz anderes ist. In diesen zwölf Jahren – bis zu seiner Wahl zum Papst – sprachen wir auch über die sieben Jahre, in denen ich gearbeitet hatte, ohne einen Pfennig zu verdienen, und als ich ihn danach fragte, sagte er mir: „Der Herr hat Ihnen Situationen erspart, die Ihre Seele gefährdet hätten“, und wir hatten noch vier weitere Jahre vor uns. Wie gut haben uns diese elf Jahre getan!

Ich war am Ende des Konklaves, in dem Benedikt XVI. gewählt wurde, bei ihm und habe aus Respekt und weil ich mehr als genug Vertrauen dazu hatte, nie das Thema seiner möglichen Wahl auf den Stuhl Petri angesprochen, was offen diskutiert wurde. An jedem 17. Dezember rief ich ihn in seinem Büro an, um ihm zu seinem Geburtstag zu gratulieren. Als er am 17. Dezember 2011 75 Jahre alt wurde (das Alter, in dem alle Bischöfe automatisch ihren Rücktritt beim Papst einreichen), konnte ich nicht länger widerstehen und sagte ihm am Telefon, ohne Vorwarnung, in einem scherzhaften und provokanten Ton: „Herr Kardinal, Sie kommen davon!!!“, worauf er mit einem lauten Lachen antwortete und das Thema wechselte.

Charlie Paternina Francisco me irrita

Kommen wir zurück zum Thema. Franziskus irritiert mich

Es irritiert mich, dass er, als er auf Flügen von Buenos Aires nach Rom in die erste Klasse hochgestuft wurde, seinen Sitzplatz an jemand anderen abgab.

Es irritiert mich, dass er über die Wirtschaft spricht, obwohl ich den Eindruck habe, dass das nicht seine Sache ist und mich dabei zwingt, mehr an andere zu denken.

Es irritiert mich, dass er im Januar 2018 „im Flug“ zwei Flugbegleiter traute, die bereits standesamtlich verheiratet waren, zwei Töchter hatten und, wie die Presse berichtete, „keine Zeit zum Heiraten gehabt hatten“. „Schätzt Franziskus die Ehe so sehr, dass er dieses Paar einfach so spontan im Flieger traut?“, dachte ich.

Zufälligerweise feierten Ana und ich im folgenden Jahr unseren 35 Hochzeitstag. Ich hatte ein Problem. „Ich bin irritiert, weil er die Chilenen getraut hat, aber wenn ich den Papst schon kenne, werde ich ihn einfach bitten, unsere ganze Familie zu empfangen, wenn auch nur für eine halbe Minute…“, und dachte, dass er uns mit viel Glück, wenn er sich an mich erinnern würde, zur Messe in Santa Marta um sieben Uhr morgens einladen würde, ein Gruß und das wäre es gewesen. Ich fraß meinen Stolz – ja, meinen Stolz – und schrieb ihm. Drei Wochen später erhielten wir einen Brief von Monsignore Gänswein, in dem er mir mitteilte, dass Papst Franziskus die ganze Familie in einer Privataudienz empfangen würde, worum ich gar nicht gebeten hatte. Wie sehr haben wir uns darüber gefreut! Wusste ich wirklich, was Franziskus in den beiden Chilenen gesehen hatte, die er spontan getraut hatte? Nein. Geht mich das etwas an? Nein. Weiß ich wirklich, was passiert ist? Nein. Wer bin ich, ihn zu verurteilen? Niemand.

Ich habe den Eindruck, dass Franziskus seine Worte an den jüngeren Bruder im Gleichnis vom verlorenen Sohn richtet, und da ich der ältere Bruder bin -ich bin es in meiner Familie und auch mental – irritiert mich das. Zu viele Jahre lang habe ich gehört, wie wunderbar ich bin, weil ich nicht abtreibe, niemanden töte, nicht stehle … Aber wie geht es meiner Seele? Wahrscheinlich ist sie hart, wie die des älteren Bruders, der zu seinem Vater sagt: „Aber als dieser dein Sohn kam, der deine Güter mit Huren verprasst hat, hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet …“.

Vor kurzem habe ich ihm einen Brief geschrieben und bald darauf einen weiteren. Er beantwortete beide am selben Tag, an dem sie eintrafen, auf einem einfachen Blatt Papier und in seiner eigenen Handschrift, an mich – an mich! -, den älteren Bruder im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Gott sei Dank irritiert mich Franziskus – wie viel Gutes tut er mir! Wenn er mir seine Briefe schreibt, beginnen sie mit „Lieber Bruder“ und enden mit „Ich bete für Sie und Ihre Familie“. Bitte vergessen Sie nicht, für mich zu beten“.

Was kann man sich in diesem Leben mehr wünschen?

Charlie Paternina Francisco me irrita


Charlie Paternina ist seit 37 Jahren mit Ana Vericat verheiratet. Sie sind Eltern von fünf Kindern und Großeltern von sechs Enkelkindern. Er hat am 18. März 1982 sein Liebesbündnis geschlossen. Paternina ist Rechtsanwalt und Wirtschaftswissenschaftler, internationaler Immobilienmakler und hat einen Master-Abschluss in Ehe- und Familientherapie. Er lebt in Greenwich, CT, USA.


Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Papst Franziskus!

Original: Spanisch, 17.12.2021. Übersetzung: Maria Fischer @schoenstatt.org

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