Veröffentlicht am 30. November 2019 In Kirche - Franziskus - Bewegungen

Der „Professor des Papstes“ ist tot

ARGENTINIEN, Maria Fischer mit Material von AICA •

Pater Juan Carlos Scannone SJ starb am Mittwoch, den 27. November, um 15:30 Uhr in San Miguel, Provinz Buenos Aires, an den Folgen eines hämorrhagischen Schlaganfalls, von dem er sich nicht erholen konnte. Er war 88 Jahre alt, davon 70 Jahre in der Gesellschaft Jesu und 57 Jahre als Priester.—

„Mit großer Trauer geben wir die Heimkehr von Juan Carlos Scannone SJ ins Haus des Vaters bekannt. Wir danken Gott für sein Leben und seine Berufung, für die Hingabe und Reflexion, die die lateinamerikanische Philosophie und Theologie bereichert haben. Lieber Juan Carlos, Ruhe in Frieden“, so die Jesuiten von Argentinien und Uruguay in einer Mitteilung.

Die Argentinische Gesellschaft für Theologie, der der Verstorbene angehlörte, teilte mit, dass der Tod durch einen hämorrhagischen zerebrovaskulären Unfall (Schlaganfall) verursacht wurde, von dem er sich trotz eines vor einigen Tagen durchgeführten chirurgischen Eingriffs nicht erholen konnte.

Die sterblichen Überreste von Pater Scannone wurden am folgenden Tag, Donnerstag, den 28. Mai, in die Kapelle des Colegio Máximo gebracht, wo auch um 16.00 Uhr die Trauermesse gefeiert wurde; hier, wo er so lange gewirkt und auch den jungen Jorge Mario Bergoglio unterrichtet hat, wurde er anschließend begraben.

Einer der Väter der Theologie des Volkes

Eines seiner bekanntesten Bücher: „Der Papst des Volkes“

Juan Carlos Scannone war einer der Lehrer von Papst Franziskus. Er trat 1949 in die Gesellschaft Jesu ein. Seine akademische Laufbahn begann 1956, als er sein Studium der Philosophie an der Philosophischen Fakultät von San Miguel in der Provinz Buenos Aires abschloss.

Er studierte Theologie an der Universität Innsbruck, Österreich (1963) und promovierte 1967 in Philosophie an der Universität München, Deutschland.

Seitdem ist sein weltweiter Einfluss hoch anerkannt. Er war emeritierter Professor an mehreren Universitäten in Argentinien und Europa. Er leitete die Forschungsgruppe Soziallehre der Kirche der ODUCAL (Organisation der Katholischen Universitäten Lateinamerikas) und vertrat darin den Lateinamerikanischen Bischofsrat (Celam).

„Woher kommt dieses „Funkeln in den Augen“ von Franziskus, wenn er vor dem Volk steht?“, fragt Pater Alexandre Awi in seinem Buch „Mit Maria leben.“ Und antwortet:

„Die pastoral-theologische Bildung des ersten lateinamerikanischen Papstes war von argentinischen Professoren und Theologen geprägt, die ihn inspiriert, die die theoretische Grundlage für sein pastorales Wirken gelegt und ihn die Liebe zum Volk gelehrt haben. Unter ihnen zeichnet sich der Diözesanpriester und Professor Lucio Gera (1924 – 2012), wenige Monate vor der Wahl von Papst Franziskus verstorben, besonders aus. Zusammen mit Gera waren die Argentinier Juan Carlos Scannone SJ und Rafael “El Viejo” Tello die treibenden Kräfte dieser „Theologie des Volkes“ oder „Volkstheologie“, einer Bewegung theologischer Reflexion, die in Argentinien Ende der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts aufkam und von manchen als eine Variante der Befreiungstheologie angesehen wird.

Der chilenische Schönstatt-Pater und Theologe Joaquín Alliende, der als Sachverständiger bei den Konferenzen des CELAM in Puebla (1979) und Santo Domingo (1992) dabei war, weiß zu berichten, dass Kardinal Bergoglio Lucio Gera als einen „Kirchenvater“ Argentiniens verstanden habe. Es würde sehr wenig über diesen „entscheidenden Lehrer“ des Papstes gesprochen, so Alliende. „Lucio Gera gründet seine Reflexion im interpretatorischen Schlüssel dessen, was der Papst als ‚einen sehr großen Reichtum unseres Volkes‘ betrachtet: ‚die Volksfrömmigkeit‘. Für Gera und Bergoglio ergießen sich in diesem kulturellen Phänomen die Wesensbestandteile unserer lateinamerikanischen Identität“, so Alliende in einem Brief vom 12. Mai 2013 an die Zweitschrift El Mercurio. Welche Bedeutung auch immer Lucio Gera in seinem Leben gehabt haben mag, ein klarer Indikator für Bergoglios große Wertschätzung für ihn ist sicher seine Entscheidung, ihn in der Krypta der Kathedrale von Buenos Aires beisetzen zu lassen. (…)

Von den drei Gründern der „Theologie des Volkes“ müssen wir noch von Scannone, einem Jesuiten und ehemaligen Lehrer des Papstes in seiner Zeit im Priesterseminar sprechen. Er gilt als größter lebender argentinischer Theologe und Experte im Blick auf das Denken Bergoglios, das er beeinflusst hat; in einem Interview mit Mauro Castagnaro, veröffentlicht im Mai 2013 in der Zeitschrift Il Regno über die möglichen Richtung des neuen Pontifikates, sagte Scannone: „Er schätzt die Volksfrömmigkeit und -spiritualität, besonders die Marienverehrung, die für Lateinamerika so typisch ist.“

Ich glaube, dass er die bevorzugte Option für die Armen als hermeneutischen Ort der theologischen und pastoralen Reflexion Lateinamerikas unterstützen wird. In Argentinien hat er das verteidigt, was ich „die argentinische Linie der Befreiungstheologie“ nenne, die von manchen als „Theologie des Volkes“ bezeichnet wird, und ich glaube, er wird diese auch weiterhin fördern, ohne andere theologischen Orientierungen zu ignorieren.

Scannone erläutert, dass „wie die Befreiungstheologie“, auch die Theologie des Volkes die Methode: „Sehen – urteilen – handeln“ benutzt, eine historische Praxis und theologische Reflexion, die auf die Vermittlung der Sozial- und Gesellschaftswissenschaften zurückgreift. Doch sie zieht eine historische Kulturanalyse der soziostrukturellen marxistischer Prägung vor. (…) Darum unterstreicht diese Strömung die Bedeutung von Volkskultur, -Religiosität und -Mystik und bekräftigt gleichzeitig, dass ihre authentischsten und treuesten Dolmetscher die Armen mit ihrer traditionellen Spiritualität und ihrem Sinn für Gerechtigkeit sind. Diese Überlegung speist die Pastoral der Volksgemeinden und der „villas miserias“.

Die wichtigste Perspektive dieser Theologie ist die Aufwertung der argentinischen wie lateinamerikanischen Volkskultur und Volksreligiosität. Ihre historischen Wurzeln finden sich im Dokument von San Miguel, verfasst von der Bischöflichen Pastoralkommission (Coepal), deren theologischer Berater Lucio Gera war.

Es handelt sich hier um einen der bedeutendsten und einflussreichsten Texte in der Geschichte der Kirche Argentiniens, erläutert Scannone, in dem es unter anderem darum geht, eine Pastoral nicht nur für das Volk, sondern aus dem Volk zu denken. Die Die Grundidee ist, dass das lateinamerikanische Volk bereits evangelisiert wurde und darum viele Elemente da sind, die nicht nur „Samen“, sondern „Früchte“ des Wortes sind.

Aus diesem Grund ist die Spiritualität unseres Volkes eine authentische Volks-Katholizität, „Frucht“ des Wortes. „Samen“ ist das, was sich in den indigenen oder afroamerikanischen Religionen findet.“

Wenn man sich die Krisen und sozial-politischen Bewegungen nicht nur in Chile und dem fundamentalistischen Aufschrei in der Kirche (nicht nur) in Blick auf die Amazonassynode anschaut,  ist die Beschreibung von Emilce Cuda, Theologin und Professorin an der Arturo Jauretche Universität, eine Reflexion wert, erscheint da doch ein Vorreiter des katholisch-organischen und anstelle des entweder – oder:

„Obwohl Scannone in europäischer Philosophie ausgebildet war, fand er in Lateinamerika eine weitere Vermittlung für die Theologie: die Volkskultur. In einer Synthese der argentinischen Philosophie und Theologie übersetzte er die Gedanken von Lucio Gera und Rodolfo Kusch in die konkrete Welt. Als Philosoph der Befreiung nahm er die Realität als Ausgangspunkt. Als Jesuit hatte er das Evangelium als Prinzip der Unterscheidung. Als Volksphilosoph war er der Erste, der die analektische Position gegenüber dem sozialen Konflikt als Ort der Konstitution von Identitäten formulierte. Als Theologe schlug er eine Methode vor: sich zu fragen, „wo Gott heute ist“, auf die symbolische Sprache des einfachen Menschen auf der Straße zu hören und tiefe Weisheit zu suchen, wo andere nur Unwissenheit sehen.“

 

„Er hatte vor zwei Wochen Tagen einen Schlaganfall erlitten, der sein Gehirn völlig beschädigt hatte, und lag seitdem  im Koma“, schrieb Carlos E. Ferré aus der Schönstatt-Familienbewegung in Buenos Aires, der eng mit ihm verbunden war. „Er war 88 Jahre alt und sollte am Tag nach dem Schlaganfall nach Rom reisen, um die Ehrendoktorwürde der Universität Sofia zu erhalten. Es wäre die erste seiner langen akademischen Laufbahn gewesen. Jetzt wird er die Doktorwürde genießen, Gott der Vater ihm geben wird.“

 

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