Foto: Arnulf Müller

Veröffentlicht am 31. März 2019 In Dilexit ecclesiam, Kirche - Franziskus - Bewegungen

Erschrecken wir nicht vor der Weite, in die uns der Herr hineinstellen möchte

DEUTSCHLAND, Maria Fischer •

In einem feierlichen Pontifikalamt im überfüllten Fuldaer Dom wurde am Sonntag, 31. März 2019,  Bischof Dr. Michael Gerber (49) durch den zuständigen Metropoliten, Erzbischof Hans-Josef Becker (Paderborn), in sein Amt als Oberhirte des Bistums Fulda eingeführt. In und um den Fuldaer Dom nahmen 2.000 Menschen an dem Gottesdienst teil, darunter viele Mitglieder der Schönstatt-Bewegung im Bistum Fulda und aus ganz Deutschland und darüber hinaus. Den Livestream von H3 verfolgten Schönstätter sogar aus Österreich, Bolivien, USA und Argentinien.—

Pilgernde Kirche

Pilgernde Kirche, Weite, Menschennähe: Werte, die Papst Franziskus seit sechs Jahren in die Kirche hineinruft und vorlebt, Werte, die Bischof Dr. Michael Gerber auch aus seiner geistlichen Heimat bei Pater Josef Kentenich lebt und schätzt. Am Vorabend seiner Amtseinführung war Bischof Dr. Gerber als Pilger in Begleitung von knapp 1.000 Mitpilgern, die sich ihm auf seiner zweitätigen Fußwallfahrt auf der letzten Etappe der Bonifatiusroute vor allem am Samstag angeschlossen hatten, in seiner Diözese eingetroffen. Zu Fuß, in der Tat, wie der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, in seinem Grußwort frei formulierte. Ein Bischof müsse mit den Menschen gehen, mal vorneweg, mal mittendrin und auch schon einmal am Schluss, um auch die mitzunehmen, die abgehangen worden seien, aber immer so, dass er wirklich hören könne, was die Menschen bewege. Mit unter denen, die den neuen Bischof auf seinem Pilgerweg begleiteten, waren zahlreiche Schönstätter aus Fulda, aus dem Erzbistum Freiburg und sogar aus der Schweiz. Melanie und Ulrich Grauert: „Gestern Abend bei der Ankunft schmerzten uns die Füße. Sehr! Aber es war eine starke Erfahrung.“ Gekrönt durch eine kurze Begegnung unterwegs und einen persönlichen Glückwunsch an den neuen Bischof direkt nach dem Pontifikalamt.

Freude am Bund Gottes mit den Menschen

Schon lange vor dem Beginn der feierlichen Amtseinführung ist der so symbolträchtige  Dom von Fulda  mit dem Grab des heiligen Bonifatius, der für den Beginn der Geschichte des christlichen Glaubens in Deutschland steht, voll besetzt, und in den nahegelegenen Pfarrkirchen sowie auf dem Domplatz versammeln sich bei strahlend blauem Himmel und eisigem Wind immer mehr Menschen. Begleitet von den Fahnen der im Bistum Fulda aktiven Verbände und auch von Schönstattfahnen auf den Schultern von Jugendlichen, dem Domkapitel und denen, die liturgischen Dienst tun, zieht Dr. Michael Gerber in den Dom ein.  Dort warten über 30 Bischöfe, darunter auch Erzbischof em. Dr. Robert Zollitsch aus dem Erzbistum Freiburg, dem Heimatbistum des neuen Fuldaer Bischofs und wie er Mitglied im Schönstatt-Institut Diözesanpriester.

Der päpstliche Nuntius Erzbischof Dr. Nikola Eterović überreichte dem Domdechanten, Prof. Dr. Werner Kathrein, das Ernennungsschreiben, das dieser dann den Mitgliedern des Domkapitels vorzeigte. Dompräbendat Pfarrer Thomas Renze verlas als jüngstes Mitglied des Domkapitels eine deutsche Übersetzung der in lateinischer Sprache abgefassten Urkunde. Erzbischof Becker übergab Bischof Gerber den aus dem 12. Jahrhundert stammenden altehrwürdigen Stab der Äbte und Bischöfe von Fulda, gemeinhin als Bonifatiusstab bezeichnet, und geleitete den neuen Diözesanbischof zur Kathedra, wo dieser Platz nahm und dadurch „von seinem Bistum Besitz ergriff“.

„Im Namen des Bischofs der Kirche von Rom, „die den Vorsitz in der Liebe hat“ (Ignatius von Antiochien, Brief an die Römer, Gruß), wünsche ich Ihnen, liebe Exzellenz, auf die Fürsprache der seligen Jungfrau Maria, der dreimal wunderbaren Mutter, Königin und Siegerin, des heiligen Bonifatius, dem Patron dieses Bistums und Apostel der Deutschen, des heiligen Sturmius, der als erster Abt in Fulda wirkte, und der heiligen Elisabeth von Thüringen, die in Marburg ihre letzten Lebensjahr verbracht hat, alles Gute und Gottes reichen Segen für Ihren pastoralen Dienst. Vom Heiligen Geist geführt, mögen Sie auf beste Weise erfüllen, die Christen zur Freude am Glauben zu führen, indem Sie persönlich den Katholiken und allen Bewohner innerhalb der Diözese Fulda Zeugnis geben von jener Freude am Bund Gottes mit den Menschen, der ewig gültig ist und jedem, der glaubt, Ewigkeit schenken will“, so der Nuntius, der damit das Bischofsmotto von Dr. Michael Gerber aufgreift: Tecum in foedere, mit dir im Bund. Groß steht es über dem Bischofssitz im Dom und im Leben des neuen Bischofs. Liebesbündnis, Maria, Bündniskultur, Gottes Bund mit den Menschen, der uns Menschen zum Bündnis der Völker und Kulturen, zum Bündnis mit der Schöpfung und mit jedem Menschen befähigt und ruft: alles gemeint mit diesen einfachen drei Worten, diesem ganzen großen Lebens- und Kirchenprogramm, ausgedrückt im Bischofsstab mit den beiden Händen, die sich einander entgegenstrecken, ausgedrückt auch darin, dass Vertreter des Volkes Gottes nun dem neuen Bischof die Hand reichen. Besonders eindrücklich: ein Neugetaufter und Katechumene sind darunter, personifizierte Freude am Bund mit Gott.

Einander erzählen von den Berührungen Gottes

„Es geht darum, einen Raum zu eröffnen, Beziehungen zu ermöglichen, durch die Menschen in eine persönliche Beziehung zu Jesus Christus und zu seinem Evangelium finden. Es geht darum, dass Menschen aus dieser Christusbeziehung heraus die Herausforderungen ihres Lebens so angehen können, dass sie daran letztlich nicht zerbrechen, sondern wachsen. Es geht darum, dass Menschen aus dieser Christusbeziehung heraus menschliche Beziehungen wahrhaft menschlich gestalten und so die Kultur auf diesem Planeten prägen.

Gerade in einer Zeit, in der Gegensätze wieder stärker betont werden, in der jene die Oberhand zu gewinnen scheinen, die Abgrenzung predigen und Mauern errichten, gerade in dieser Zeit sind wir herausgefordert, neu Verantwortung für unseren Planeten zu übernehmen. Diese Verantwortung will so wahrgenommen werden, dass sie den Horizont weitet hin auf die weltweite Dimension und damit auf die globalen Zusammenhänge. „Du stelltest meine Füße in weiten Raum“ (Ps 31,9) – lesen wir im Psalm. Erschrecken wir nicht vor der Weite, in die uns der Herr hineinstellen möchte“, so Bischof Dr. Michael Gerber in seiner Predigt, in der er ebenso klar und eindringlich auf die Katastrophe des von Priestern verübten Missbrauchs an Minderjährigen eingeht wie er deutlich macht, dass eine Erneuerung der Kirche nur aus der urpersönlichen Berührung mit Jesus Christus geschehen kann – und „zusammen“, zusammen in der Tiefe gegenseitiger geistlicher Anregung: „Bonifatius … ist ein Mensch, der zutiefst vom Evangelium berührt war – bis in die letzten Minuten seines Lebens. Der Codex Ragyndrudis, der heute hier vor dem Altar aufliegt, ist Zeuge dieser Berührung. Welches Wort aus der Heiligen Schrift hat mich getroffen, hat mein Herz berührt? Welche Ereignisse meines Lebens haben mich wachsen lassen? Wo finden diese berührenden Momente eine Resonanz? … Da, wo wir zusammenkommen, in unseren Gremien und Kreisen, in unseren Gruppen oder auch im Gespräch unter vier Augen, soll durch unsere Haltung, soll durch unsere Aufmerksamkeit ein Raum entstehen, wo wir – neben dem vielen, was es da immer zu klären und zu besprechen gilt – wo wir einander von solchen Wachstumsmomenten, von solchen Schlüsselerfahrungen erzählen können. Und bisweilen wachsen wir gerade an den Erfahrungen, die wir im unmittelbaren Erleben als bitter empfinden. Wo und bei wem findet das Resonanz?  … Wo und wie findet der Weg und das Schicksal anderer Menschen Resonanz in mir? … Wo sind wir auf Tuchfühlung mit dem Leben anderer Menschen?“

Eine junge Familie aus der Schönstatt-Bewegung hat genau das in ihrer Pfarrei eingeführt. Und es verändert die ganze Pfarrei. Die haben das von Kentenich, so wie Gerber, wie die IKAF, wie schoenstatt.org… Ganz einfach und konkret. Und dabei entstehen Netzwerke, Vernetzungen, Weggemeinschaften, ohne die, so Bischof Gerber, er diesen seinen Weg so auch nicht gehen könnte.

Die Angst vor dem Undenkbaren, dem nie vorher Getanen überwinden

Während der herzlichen Grußworte von Kardinal Marx, Bischof Dr. Martin Hein von der Evangelischen Landeskirche Kurhessen-Waldeck und dem Vertreter des erkrankten Ministerpräsidenten, Kultusminister Dr. Lorz, erklingen, der neue Bischof den Segen erteilt und allen dankt, die gekommen sind und mitgewirkt haben, und sich dann eine große Schar von Menschen zum Garten des Priesterseminars bewegt, nicht ohne immer wieder den Bischof oder einander zu grüßen, klingt dieses Wort aus der Predigt nach, diese Ermutigung, keine Angst zu haben vor der Weite, in die Gott uns stellt, auch dann, wenn diese Weite unsere Kirche und uns Christen in früher Undenkbares führt – um dorthin zu kommen, wo Jesus Christus uns heute braucht, bei den Menschen und der Tiefe ihrer Beziehung zu ihm. Eine Erfahrung auf der Hinfahrt wird zu einer Berührung.

Schwarzer, dichter Qualm knapp dreihundert Meter vor mir auf der engen zweispurigen Autobahn, nächste Abfahrt schon im Navi angezeigt, keine 2 km. Ein Fahrzeug brennt lichterloh. Es dauert, bis der erste Feuerwehrwagen durch die Rettungsgasse kommt. Und dann folgen noch fünf andere. In der Luft liegen immer noch Qualm und auch etwas Angst. Was kann da noch alles in Flammen aufgehen? Dann fährt ein Polizeiwagen verkehrt herum durch die Rettungsgasse zurück. Knappe Lautsprecheransage: Drehen, der Verkehr wird abgeleitet. Als ich mein Wendemanöver fast beendet habe, hupt mich der Fahrer neben mir an und gestikuliert, dann dreht er das Fenster runter und brüllt: Ich ruf die Polizei…Sie Geisterfahrer!

Viele wenden und fahren los. Einige haben zu große Wagen, um das Wendemanöver zu schaffen. Andere können sich nicht vorstellen, verkehrt herum auf der Autobahn zu fahren, selbst wenn die Aufforderung von der hier höchsten Autorität kommt. Wir müssen das Undenkbare, das nie vorher Getane tun, um weiterzufahren und ans Ziel zu kommen. Auf anderen Wegen, auf andere Weise, aber ans Ziel. Das ist Kirche 2019. Das ist ein Franziskus, der uns aufruft, durch die Rettungsgasse zu fahren. Mit Amoris Laetitia, mit Barmherzigkeit, mit Solidarität mit Migranten, Strafgefangenen, Obdachlosen…

Im Radio habe ich nachher gehört, dass es bis nach 18:00 Uhr gedauert habe, die Autobahn zu räumen und die durch die Hitze beschädigte Fahrbahn instand zu setzen. Vielleicht standen manche immer noch dort.

Als ich kurz vor drei Uhr viel später als geplant in Fulda ankomme, gibt es schon keinen Zutritt mehr, auch nicht für Journalisten. Vor der großen Leinwand mit Liveübertragung treffe ich David Brähler, ein Wiedersehen nach Jahren. Verkehrt herum auf der Autobahn, und genau jetzt und genau hier sollte ich hin.

Predigt  Bischof Dr. Michael Gerber, 31.03.2019 – vollständiger Text

Grußwort von Kardinal Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (schriftliche Fassung)

Grußwort Nuntius Eterovic 31.03.2019

Grußwort Kultusminister Einführung Bischof Dr. Michael Gerber

Grußwort Kultusminister Einführung Bischof Dr. Michael Gerber

Fotos: Arnulf Müller, Ralph Leupold (Presse), Ulrich Grauert, Maria Fischer

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