Veröffentlicht am 26. September 2016 In Kirche - Franziskus - Bewegungen, WJT2016

„Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen“ (Mt 5,7)

ITALIEN, WJT 2016, von Denise Campagna und Alessia Lullo •

fb_img_1473161376718Was ich spontan am Schluss der Wallfahrt notiert hatte, habe ich jetzt, einige Wochen später, zu Hause vervollständigt. Das gibt mir eine gewisse Sicherheit, alles zu erzählen, und dass nichts von dem Erlebten verloren geht. Denn wenn zwischen dem Erleben und dem Niederschreiben ein ganzer Monat vergangen ist mit all seinen Eindrücken, dann kann schon manches außen vor bleiben. Und die Erinnerung ist nicht mehr so klar wie im ersten Moment.

Doch sind nicht alle Reisen gleich und ist nicht jede Reise einfach eine Reise, wie im Fall des Weltjugendtages – weder eine normale Wallfahrt noch nur ein internationales Jugendfest. Viel mehr als das!

Es ist die Gelegenheit, die der Herr uns gibt, jedem von uns, um eine Reise zur Entdeckung unseres eigenen Ich zu machen. Warum bin ich hier? Was treibt mich weiter, trotz der Müdigkeit? Was bringt mich in Gemeinschaft mit allen, die mir nahe sind? Warum fühle ich mich mit einigen so tief verbunden, obwohl ich sie nie zuvor getroffen habe?

Wir sind überzeugt, nicht zu übertreiben, wenn wir den WJT eine Katharsis nennen, eine Reinigung, ein Erwachen des Gewissens. Wir sind davon überzeugt, wie der Papst sagt, dass es eine geistige „Sauerstoffversorgung“ ist. Alleine oder gemeinsam in der Gruppe zu gehen ist eine Gelegenheit zum Nachdenken, zum Meditieren, zu dem Versuch, jedem Schritt einen Sinn zu geben. Der Herr hat uns gezeigt, dass wir alle gleich vor ihm sind, dass wir wichtig sind wegen dem, was wir sind und nicht wegen dem, was wir haben. Wir sind Gott wichtig, in seinen Augen haben wir Wert, einen unschätzbaren Wert.

In einem so bedeutenden Jahr für die Christenheit wie das Jahr der Barmherzigkeit, wurden wir, die wir den Weg Jesu nach Krakau gingen, angetrieben von dem Wunsch, das zu erleben, was so viele als stark und wichtig für einen jungen Christen beschrieben haben; doch das allein reicht nicht als Motivation. Jeder von trägt im Innern ganz eigene Hoffnungen, Wünsche und das Bedürfnis nach einer (erneuten) Reise ins eigene Innere, das Bedürfnis, zu teilen und sich der Welt zu öffnen.

„Bittet und ihr werdet empfangen, sucht und ihr werdet finden, klopft an und es wird euch geöffnet.“

„Bittet und ihr werdet empfangen, sucht und ihr werdet finden, klopft an und es wird euch geöffnet.“ Diese Worte Jesu, die wir beim Aufbruch von Rom in der Heiligen Messe  im Baptisterium der Lateranbasilika gehört hatten, erwiesen sich als außerordentlich wahr. Nach einer langen Fahrt von über 24 Stunden mit Gebeten, Liedern, Spielen und auch dem einen oder anderen Stündchen Schlaf, erwartete uns Krakau, bereit, Zehntausende von Jugendlichen aus aller Welt aufzunehmen.

Wir gingen direkt zu der schönen Basilika der Heiligsten Dreifaltigkeit, um die Reliquien des seligen Pier Giorgio Frassati zu verehren.  Wer war das? Ein ganz normaler Student mit einem außergewöhnlichen Glaubensleben, der den Nächsten dienen wollte, den Schwachen, denen am Rand. Ihm waren ernste Zweifel, Unsicherheiten und Schwierigkeiten nicht fern, so wie es jeder kennt, der auf der Suche ist nach dem, was Gott für sein Leben geplant hat. Unsere Woche beim „Mann der Seligpreisungen“, wie Johannes Paul II. ihn bei seiner Seligsprechung genannt hat, zu beginnen, war besonders wichtig, da uns diese Begegnung irgendwie den Leitfaden gegeben hat, um die Erfahrung des Weltjugendtages gut zu beginnen.

Der selige Pier Giorgio Frassati hat einmal geschrieben: „Ohne Glauben zu leben, ohne ein Erbe, das es zu verteidigen gilt, ohne die Wahrheit in einem ständigen Kampf zu verteidigen – das ist ein Vegetieren. Wir dürfen nie vegetieren, sondern müssen leben. “ Diese Worte wurden zu unserem Kompass: Diese Tage leben wir, wir vegetieren nicht! Und es wurde ebenso anstrengend wie lohnend!

Am nächsten Tag gingen wir zum Heiligtum von Tschenstochau, einem der größten religiösen Orte auf polnischem Boden und einem der größten Marienwallfahrtsorte der Welt. Dort feierten wir die Heilige Messe unter den Augen der Schwarzen Madonna und ihrem Kind, dem Herzen des Heiligtums.

In einem Land historischer Geschehnisse der Unmenschlichkeit, von denen wir alle in den Geschichtsbüchern gelesen haben und die wir aus Filmen kennen, die wir beim Besuch im Konzentrationslager Auschwitz erlebt hatten, sahen wir sie mit unseren Augen. Sie war Licht und sicherer Hafen, war Mutter, und indem wir gemeinsam zu ihr gebetet, gesungen und ihr applaudiert hatten, öffnete jeder ihr auf seine Weise das Herz im Bitten und Danken.

So bereiteten wir uns auf einen weiteren wichtigen Moment vor, der im Programm vorgesehen war (denn eine Reise, die es wert ist, hat ein solches, abgesehen von den verschiedenen „Modifikationen desselben, die sich ergeben): der Besuch des Heiligtums des Barmherzigen Jesus auf dem Hügel auf dem Hügel von Lagiewniki, wohin wir freiwillig zu Fuß pilgerten, uns gegenseitig unterstützten und Kraft gaben, die Müdigkeit zu überwinden. Wir glauben, dass wir an diesem so wichtigen Ort im Leben der Heiligen Faustina Kowalska und des Heiligen Johannes Paul II. einander gesucht haben, wir und ER. Auch mitten in den Rufen und der großen Menge – wer hätte Jesus nicht und sei es auch nur für einen Augenblick in die Augen geschaut? Wer hätte nicht gedacht: „Jesus, ich vertraue auf Dich“?  Durch den enormen Zustrom von jungen Menschen, die, wie wir, zum Heiligtum gepilgert waren, war es schwierig, eine Zeit tiefen Gebetes oder persönlicher Meditation zu haben, auch wenn das schnelle Niederknien vor dem Altar und das Betrachten der beiden großen Heiligen auch so sensationell, unglaublich, unerklärlich stark war. Ein wenig wie ein Sagen: „Hier bin ich, Herr.“ Wir waren da, und er drängte uns, vorzugehen in dieser Menge, in in seinem Namen versammelt war. Ein unglaubliches Geschenk, ein Schatz, den der Herr uns entdecken ließ.

Wir fanden seinen Blick, als wir am Kreuzweg im Jordan-Park in Blonia teilnahmen, bei denm Papst Franziskus einige Probleme ansprach, die unsere Tage fast ersticken und nicht darauf warteten, aufzutauchen, auch nicht bei einer an sich so sorgenfreien Gelegenheit. Wir fanden seinen Blick, als wir vom Mord an einem Priester in Frankreich hörten und vom Tod zweier Gefährten dieses Abenteuers in unserem Alter. Erst Maciej und auf dem Weg zurück nach Italien Susana. Gibt es angebrachte Antworten angesichts von Scham und Schmerz? Trotz all dessen wissen wir aber auch, dass in den Konzentrationslagern jene Barmherzigkeit blühte, von der wir so viel gehört haben: Maximilian Kolbe, Edith Stein, unser Pater Kentenich – ihr Handeln ist für uns eine starke Antwort. Wahrscheinlich stark wie jene, die jeder von uns sich selbst gegeben haben dürfte beim Nachklingen der Worte von Papst Franziskus am Ende des Kreuzwegs. „Wie wollt ihr heute Abend in eure Häuser, in Eure Herbergen, in eure Zelte zurückkehren?  Wie wollt ihr heute Abend zur Begegnung mit euch selbst zurückkehren? Die Welt blickt auf uns.  Es liegt bei jedem von euch, auf die Herausforderung dieser Frage zu reagieren.“    Wir nehmen die Herausforderung an und verstehen, dass die Gnade darin bestanden hatte, das Leiden Christi betrachtet zu haben, im gefolgt zu sein und seinen Heiligen Geist empfangen zu haben, damit in uns die empfangene Barmherzigkeit aufblühen kann.

Der Blick Jesu fehlte auch nicht während der Vigil am Samstagabend, ebenso wenig während der Heiligen Messe am Sonntagmorgen auf dem Campus Misericordiae: die x-te Demonstration unserer Bereitschaft, auf den Ruf Gottes und  der Gottesmutter zu antworten, so wie alle, die dort auf dem Campus waren, und dass der Herr wollte, dass wir alle hier waren, jeder auf seine Weise, um die Größe seiner Liebe zu uns zu zeigen. Nicht alles war so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Wir kamen zu spät zum Gebet mit dem Heiligen Vater und nicht in unseren Sektor herein. Die Beförderungsmittel, das Wetter und das Essen waren eine heftige Überraschung. Wir hatten sehr hart gearbeitet, um dorthin zu kommen, aber es war der Mühe wert. Ein ganzes Feld schlief ein und erwachte am anderen Morgen mit dem Bewusstsein, Teil einer größeren Sache, um am Beispiel des Seligen Pier Giergio zu begreifen, dass die Menschheit Menschen braucht, und vor allem Jugendliche wie uns braucht, die ihr Leben nicht nur halb leben wollen.

Vielleicht brauchen wir Zeit und vielleicht muss jeder von uns Hindernisse überwinden, bevor er seine Berufung in der Welt erkennt, so wie die, die ein Zachäus überwunden hat, als er auf den Feigenbaum stieg (Lk 19, 1-10): „seine geringe Körpergröße, die lähmende Scham und die raunende Menge“, wie uns der Papst auf dem Campus sagte, und uns so begreifen ließ, wie Jesus sich uns nähert. „Der Blick Jesu reicht über die Mängel hinaus und sieht die Person; er bleibt nicht bei dem Schlechten aus der Vergangenheit stehen, sondern ahnt das Gute in der Zukunft; er gibt angesichts der Absperrungen nicht auf, sondern sucht den Weg der Einheit und der Gemeinschaft; mitten unter allen hält er sich nicht bei der äußeren Erscheinung auf, sondern schaut auf das Herz. … Und jene Freude, die ihr umsonst von Gott empfangen habt, bitte, gebt sie umsonst weiter.  Denn viele warten auf sie, und sie erwarten sie von euch! (vlg. Mt 10,7).”

Niemand wird diese beiden letzten Tage je vergessen, und heute sagen wir das ehrlich, lächelnd und zufrieden.

„Rucksäcke auf den Rücken und bequeme Schuhe, denn wir müssen viele Kilometer laufen.“ Wie viele? Diesmal vielleicht neun, zehn oder vielleicht fünfzehn… „Wir sind sie gemeinsam gegangen, haben einander unterstützt, haben gesungen, gelacht. Wir haben unseren Herzschlag aufeinander abgestimmt und alle Prüfungen bestanden, und mit Taten bewiesen, dass Jesus unsere Geheimwaffe im Leben ist. Mit ihm und Maria ist nichts, gar nichts unmöglich.“

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„Nichts ohne d

ich, nichts ohne uns“

Es war kein Zufall, dass die Worte „Nichts ohne dich, nichts ohne uns“ uns während all der zurückgelegten Kilometer begleiteten und das Bündnis mit unserer Dreimal Wunderbaren Mutter, Königin und Siegerin von Schönstatt besiegeln, die uns niemals verlassen und immer auf uns aufgepasst hat.

In der ganzen riesigen Menge Gruppen der Schönstattjugend zu entdecken, vor allem aus Chile, war einfach gut, denn auch wenn wir nicht als Geschwister geboren sind, sind wir im Bündnis zu Geschwistern geworden. Der geschwisterliche Geist ist nicht etwas, das wir auf dem Rücken schleppen, es ist auch nicht unsere Geschichte, sondern vor allem ein Versprechen, unsere Zukunft. Und wie man sich seine Geschwister in der leiblichen Familie nicht aussucht, sondern ihnen begegnet, so sind auch wir gerufen, einander zu begegnen im Namen Jesu und seiner Mutter. Beim Weltjugendtag sind wir der Jugend aus anderen Teilen der Welt begegnet und haben mit Liedern, Fotos, Lachen und dem Bewusstsein, von Maria behütet zu sein, dem Liebesbündnis, das uns mit der Gottesmutter verbindet und das uns alle Hindernisse überwinden lässt, Substanz gegeben, und das mit Herzen voller Freude, vor allem wenn wir das Lied von Pater Manuel López Naón sangen: „Wenn die Freude von oben kommt, gibt es keine Grenzen mehr, dann muss man sie nur teilen…“

Inmitten all dieser Überlegungen ließen wir uns die Gelegenheit nicht entgehen, ein wenig Tourismus zu machen und wir sind uns einig: Wir fahren irgendwann einmal wieder nach Krakau, in diese kleine Stadt, die uns überrascht hat. Um durch die Straßen der Altstadt mit ihrem Grün zu schlendern, all das zu sehen, was wir nicht entdeckt haben, um Piroggen zu essen und jene Bar wieder zu besuchen, die wir als Ort der Begegnung am Ende des Tages gewählt hatten.

Von unterschiedlichem Alter, mit verschiedenen Ideen und Lebenserfahrungen, im Prinzip Fremde, waren wir eine kleine, lebhafte Familie, die Tag für Tag mehr zusammenwuchs. Wenn es darum geht, Eindrücke, Erfahrungen und Gefühle auszutauschen, entdecken wir, dass eine Gewissheit in uns gewachsen ist, die nicht nur ein Vorsatz bleiben soll, und die wir hier mit den Worten von Papst Franziskus wiedergeben möchten: „Der Weltjugendtag, könnten wir sagen, beginnt heute und geht morgen zu Hause weiter, denn dort will Jesus dir von nun an begegnen.  Der Herr will nicht nur in dieser schönen Stadt oder in den lieben Erinnerungen bleiben, sondern er möchte zu dir nach Hause kommen, in deinem Alltagsleben wohnen: im Studium und in den ersten Arbeitsjahren, in den Situationen von Freundschaft und liebevoller Zuneigung, in den Plänen und den Träumen.“

Wir haben beschlossen, von Krakau aufzubrechen als einer Realität, die in einem so einmaligen Kontext wie dem des Weltjugendtags entstanden ist, mit dem Wunsch, den Weg dieser Tage, die uns so sehr bereichert haben, fortzusetzen. Ein Schritt nach dem anderen, und wer weiß… vielleicht sehen wir uns in drei Jahren wieder in Panamá.

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Original: Italienisch. Übersetzung: Maria Fischer, schoenstatt.org

 

 

 

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