Veröffentlicht am 19. April 2016 In Kirche - Franziskus - Bewegungen, Themen - Meinungen

Amoris Laetitia: Vom Gesetz zum Ideal

Von Ingeborg und Richard Sickinger, Wien, Österreich •

Mit Amoris Laetitia, dem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben über die Liebe in der Familie von Papst Franziskus, findet ein Paradigmawechsel in der Pastoral, in der Seelsorge statt. Als große Linie des Werkes ist eine Verlagerung der Akzentsetzung vom Gesetz zum Ideal wahrnehmbar. Kardinal Schönborn, der das Schreiben des Papstes am 8. April in Rom präsentierte, stellte in einem Interview mit dem ORF fest: „Dieses Dokument hebt die Diskussion auf ein höheres Niveau, … der Papst (spricht) von der Liebe in einer Weise, wo alle, die sich darauf einlassen, sagen: „Ja, eigentlich hat er recht, es gibt eine größere Dimension.“

Mitten hinein in die Welt der Grundeinstellungen, der Grundhaltungen

P. Kentenich hat diese Entwicklung vorausgesehen, 1968 hat er zu Priestern kommentiert: „Wir müssen damit rechnen, dass eine ganz große Wandlung geschehen ist durch das Konzil, mit Rücksicht auf die Ehemoral, mit Rücksicht auf die geschlechtliche Moral. Was aber noch von größerer Bedeutung ist, das ist der Wechsel und der Wandel im Moralprinzip. … Moral war die Wissenschaft von den verpflichtenden Vorschriften. Wir können dafür wohl auch einen anderen Ausdruck prägen: Es hat sich auf der ganzen Linie immer gehandelt nicht um Haltungspädagogik, sondern um Handlungspädagogik; es hat sich immer gehandelt um Übungen, um Übungsfrömmigkeit, nicht um Haltungsfrömmigkeit. Und es ist nun der große umorientierte Akzent, nachdem es jetzt darauf ankommt: weg von der Kollektion von Vorschriften, von Übungen – mitten hinein in die Welt der Grundeinstellungen, der Grundhaltungen!“

Gleichzeitig sieht Kardinal Schönborn eine große Herausforderung für die Verwirklichung des Schreibens: „Ich sehe eine große Aufgabe für die Theologen, für die Fachleute, eine Frage, die aber auch für die Gesellschaft sehr wichtig ist, wie wir mit den Grundfragen der Moral umgehen, die Freiheit muss ermutigt werden, die Verantwortung, das Gewissen, also die reife erwachsene Persönlichkeit muss gefördert werden.“

Mündigkeit

Auch hier sieht P. Kentenich die Herausforderung damals noch kritischer: „Für eine derartige Mündigkeit, für eine derartige Umakzentuierungen, für eine derartige Lobpreisung der Mündigkeit ist die Kirche nicht vorbereitet. … Müsste der liebe Gott nicht dafür sorgen, dass Gemeinschaften werden und wachsen, die diese Aufgabe – also Umorientierung, Umakzentuierungen im moralischen, im aszetischen Denken – als eine Lebensaufgabe auffassen? Das war ja von Anfang an das Charakteristischste von allem, was wir getan haben!“

P. Kentenich weist darauf hin, dass es zur Lebenslaufgabe Schönstatts gehört, diese Umakzentuierungen, die in Amoris Laetitia angezeigt werden, zu verwirklichen helfen und selber als Modellfall zu wirken, der „von Anfang an nach dem Gesetze des Gegensatzes alle Kraft angewandt (hat), um auf der ganzen Linie Gesinnungsfrömmigkeit, Gesinnungshaltungen zu pflegen. Freilich, ich darf beifügen: 50 Jahre rund vor dem Konzil.“ Die Kirche sucht nach Wegen wie die Amoris Laetitia konkret umgesetzt werden kann, Schönstatt hat da Wege und Antworten.

Unsere Aufgabe

Eine konkrete Anwendung seiner Pädagogik und Pastoral hat P. Kentenich in seiner „Marianischen Ehepädagogik“ 1933 dargelegt. Diese geht vom katholischen EheIdeal aus und entfaltet im Detail das erforderliche Handwerkszeug der Bewegungspädagogik dazu. Das Ziel der marianischen Ehepädagogik ist umfassend und präzise definiert: „Sinn und Zweck der marianischen Ehepädagogik ist: Fähigkeit und Bereitschaft, als Kind Gottes und Glied Christi aus einer möglichst innigen marianischen Gebundenheit heraus selbsttätig und selbständig nach dem Vorbild der Gottesmutter das katholische Eheideal tiefgreifend und dauernd hochzuschätzen und trotz entgegenstehender Schwierigkeit sieghaft im praktischen Leben durchzuführen.“

Der Weg wie dieses Ziel zu erreichen ist beschreibt er folgendermaßen: „Die zwei Grundgesetze der Ehepädagogik lauten: Erstes Gesetz: Sorge für eine klassische Reinerhaltung des Eheideals. Oder anders: Sorge für die Hochschätzung des katholischen Eheideals in klassischer Reinheit! Zweites Gesetz: Sorge, dass dieses Eheideal auch im praktischen Leben verkörpert wird.“

Diese marianische Pädagogik und Pastoral ist heute gefragt. Sie entspricht der Berufung Schönstatts als Verbindungsoffizier zwischen Wissenschaft und Leben. Es ist unsere Aufgabe, sie neu zu entdecken, erfolgreich anzuwenden und der Kirche als Weg für die Umsetzung von Amoris Laetitia und das Zukunftsbild der Kirche aufzuzeigen.

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