Veröffentlicht am 2015-08-09 In Franziskus - Botschaft, Kirche - Franziskus - Bewegungen

„Mache mich zu einem lebendigen Heiligtum“

PARAGUAY, von Sebastián Acha •

Ich weiß, der Titel, den ich über diesen Artikel gesetzt habe, ist vielen von Ihnen nicht unbekannt. Es sind die Worte, die mir heute Morgen das Vater-Telefon „sagte“, nachdem ich einen unvergesslichen Tag erlebt hatte. Ich kann auch jetzt noch nicht meine Gefühl in meinem Gesicht verbergen, in meiner spröden Stimme, in meinen Gedanken, die bei den Worten von Papst Franziskus steckenblieben, die er gestern Abend hier in Asunción gesprochen hat, bei seinem wunderbaren Geschenk seines Besuches: „Paraguay ist nicht tot, Gott sei Dank. Denn es ist ein Volk, das lebt. Wenn ein Volk seine Anliegen nicht bewahrt, ein Volk, das in der Trägheit der passiven Akzeptanz lebt, ist ein totes Volk. Im Gegenteil, ich sehe in Ihnen die Kraft eines Lebens, das läuft und aufkeimen will. Und das segnet Gott immer. Gott ist immer auf der Seite derer, die dem Leben ihrer Kinder aufhelfen und es verbessern.“

Ich schloss ein paar Sekunden lang die Augen und fragte mich, wo ich diese wunderbaren Worte schon einmal gehört hatte. Es kostete nicht viel, mir vorzustellen, dass der, der durch den Heiligen Vater zu mir sprach, Josef Kentenich war. „Keine neue Gesellschaft ohne neue Menschen.“ Kein neuer Mensch ohne Lebenssaft, der sich verströmt und Frucht bringen will. Ist es nicht genau das, was uns Pater Kentenich vor einem halben Jahrhundert gesagt hat in seinen Schulungen, Predigten, Vorträgen?

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„In den Personen, die gesprochen haben, habe ich den Willen zum Wohl des Vaterlandes gesehen“

Der Heilige Vater verurteilt vehement das soziale Unrecht: „In der gegenwärtigen Situation der globalen Gesellschaft, in der es so viel soziale Ungerechtigkeit gibt und immer mehr Menschen ausgeschlossen werden“ (Laudato si‘ 158), ist es ein Geschenk, Sie hier zu sehen. Es ist ein Geschenk, weil ich in den Personen, die gesprochen haben, den Willen zum Wohl des Vaterlandes gesehen habe.“

Ich konnte nicht anders, ich musste an die „anthropologischen Häresien“ denken, über die Pater Kentenich gesprochen hat, wobei er auf die Menschenbilder hinwies, die gegen die Menschheit gerichtet sind, den Menschen in einen Diktator verwandeln, der den Menschen manipuliert, benutzt, ausbeutet und wegwirft“, um später zu sagen, dass alle Ideologien früher oder später in Diktatur enden. Das konnte nicht einfach Zufall sein.

In dem Augenblick war ich überzeugt, dass es das Werk der Vorsehung war, die mich dahingeführt hat: Dass ich durch Seine Heiligkeit Franziskus hindurch niemand anderem zuhörte als dem Gründer der Schönstattbewegung. Der sprach mutig direkt zum Präsidenten von Paraguay selbst und zu seinen Ministern, die in der ersten Reihe saßen.

Pater Kentenich war kein sanftes Priesterlein. Im Gegenteil, als Redner hat er in der damaligen Zeit das Dritte Reich angetastet, wo man nicht gern etwas vom „menschenverachtenden Kollektivismus“ hören wollte, während er die Menschen einlud, selbständig zu denken, frei zu sein und sich frei zu fühlen. Gestern Abend bekräftigte Papst Franziskus in einer so einfachen wie unbeirrten Sprache: „Diese Vielheit der Gruppen und Personen ist wie eine große Symphonie, jeder mit seiner Besonderheit und seinem eigenen Reichtum, aber auf der Suche nach der endgültigen Harmonie. Die Harmonie ist das, was zählt. Und haben Sie keine Angst vor dem Konflikt, aber sprechen Sie darüber und suchen Sie Wege zur Lösung!“

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Aufrichtiger Dialog

Spielt es eine Rolle, wer Recht hat und wer nicht? Oder wer was zuerst gesagt hat? Definitiv nicht. Es ist bewegend, dass wir über Jahre als Katholiken den Dialog in unserer eigenen Kirche praktiziert haben und das als Schönstätter akzeptiert haben, nicht als Ergebnis von Gesprächen, sondern mitgerissen durch das Beispiel unseres Vaters und Gründers, Pater Kentenich, der schweigend sein Exil in Milwaukee akzeptiert hat und uns das gezeigt hat fern aller Empörung. Er lehrte uns, „uns in sie hinein fallenzulassen“, was auch eine Übung der Hingabe ist, von der Franziskus bei der Audienz im Oktober letzten Jahres zu uns gesprochen hat während des hundertjährigen Gründungsjubiläums.

Gestern Abend geschah das wieder, und es erfüllte meine Seele mit Freude, als er sagte – nachdem er das Wort „Dialog“ genau 31mal erwähnt hatte: „Mit dem Dünkel, dass der andere sich irrt, ist es besser, nach Hause zu gehen und einen Dialog erst gar nicht zu versuchen, nicht wahr? Der Dialog ist für das Gemeinwohl, und das Gemeinwohl wird von unseren Unterschieden ausgehend gesucht, indem man immer die Möglichkeit zu neuen Alternativen gibt. Das heißt: Suche etwas Neues. Immer, wenn es einen echten Dialog gibt, kommt man schließlich – gestatten Sie mir den Ausdruck, doch ich sage es im edlen Sinn – zu einem neuen Einverständnis, in dem wir uns alle über etwas geeinigt haben.“

Ein neues Einverständnis

Ist Schönstatt nicht genau das? Ist es nicht ein „neues Einverständnis“? Hätten wir das erreicht, wenn Pater Kentenich sich von der Kirche getrennt hätte, wenn er sich überlegen gefühlt hätte oder das Gefühl gehabt hätte, die Kirche sei nicht auf seiner intellektuellen Ebene, um das Offensichtliche zu verstehen, was zu der Zeit zwangsläufig zu sehen und zu akzeptieren war? Wir sind ein neues Einverständnis. Frucht der Transparenz und Zähigkeit ihres Gründers und einer Kirche, der zu dienen wir uns entschlossen haben und, wenn der Zeitpunkt kommt, zusammenbringen können und die unterschiedlichen Gesichtspunkte verstehen. Dialog scheitert nie, und als Nation haben wir die Pflicht, ihn voranzubringen. Ich biete meine Schultern an zur Mitarbeit.

Ich wollte mitteilen, was Franziskus gestern mir gesagt hat (im Sinne seines Wunsches, wir mögen die Konferenz nicht verlassen und sagen „Welch schöne Worte der Papst zu dem und dem und der anderen Person gesagt hat“). Während der Konferenz hat Gott laut gesprochen, und ich möchte ihm danken, dass er mir die Gelegenheit gegeben hat nichts weniger zu hören als diese Botschaft des Heiligen Vaters, die ebenso schön ist wie herausfordernd.

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Vollständiger Text des Heiligen Vaters

Liebe Freunde, guten Abend,

ich habe das hier auf der Grundlage der Fragen geschrieben, die mich erreicht haben; es waren aber nicht alle, die Sie gestellt haben. So werde ich das Fehlende ergänzen, während ich zu Ihnen spreche. Auf diese Weise kann ich im Rahmen des Möglichen meine Meinung zu Ihren Überlegungen sagen.

Ich bin froh, bei Ihnen, den Vertretern der Zivilgesellschaft zu sein, um miteinander über die Träume und die Hoffnungen auf eine bessere Zukunft und die Probleme zu sprechen. Ich danke Bischof Adalberto Martínez Flores, dem Sekretär der Bischofskonferenz von Paraguay, für den Willkommensgruß, den er im Namen aller an mich gerichtet hat. Und ich danke den sechs Personen, die gesprochen haben; jede von ihnen hat einen Aspekt Ihrer Überlegung dargelegt.

Sie alle zu sehen – ein jeder aus einem Sektor, einer Organisation dieser paraguayischen Gesellschaft mit ihren Freuden, Sorgen, Kämpfen und Bestrebungen –, veranlasst mich, meinen Dank vor Gott zu tragen. Das heißt, es scheint, dass Paraguay, Gott sei Dank, nicht tot ist, sondern ein Volk, das lebt. Denn ein Volk, das seine Sorgen nicht lebendig im Blick behält, ein Volk, das in der Trägheit eines passiven Hinnehmens lebt, ist ein totes Volk. Dagegen sehe ich bei Ihnen ein Leben voller Saft und Kraft, das keimen und sprießen will. Und das steht immer unter dem Segen Gottes. Gott ist immer allem günstig gesonnen, was dazu beiträgt, das Leben seiner Söhne und Töchter aufzurichten und zu verbessern. Es gibt Dinge, die schlecht laufen, jawohl. Es gibt ungerechte Situationen, das ist wahr. Doch Sie zu sehen und Sie zu hören hilft mir, meine Hoffnung auf den Herrn zu erneuern, der fortfährt, inmitten seines Volkes zu handeln. Sie vertreten unterschiedliche Anschauungen, kommen aus unterschiedlichen Situationen und Wegen der Suche und bilden alle gemeinsam die paraguayische Kultur. Alle sind notwendig bei der Suche nach dem Gemeinwohl. „In der gegenwärtigen Situation der globalen Gesellschaft, in der es so viel soziale Ungerechtigkeit gibt und immer mehr Menschen ausgeschlossen werden“ (Laudato si‘ 158), ist es ein Geschenk, Sie hier zu sehen. Es ist ein Geschenk, weil ich in den Personen, die gesprochen haben, den Willen zum Wohl des Vaterlandes gesehen habe.

1. In Bezug auf die erste Frage hat es mir gefallen, aus dem Mund eines jungen Menschen die Besorgnis zu hören, etwas zu tun, damit die Gesellschaft ein Bereich der Geschwisterlichkeit, der Gerechtigkeit, des Friedens und der Würde für alle sei. Die Jugend ist die Zeit der großen Ideale. Ich habe schon oft gesagt, dass es mich traurig macht, wenn ich einen „pensionierten“ Jugendlichen sehe. Wie wichtig ist es, dass ihr Jugendlichen – und junge Menschen gibt es ja wirklich hier in Paraguay! – dass ihr jungen Leute spürt, dass das wahre Glück über das Ringen um ein brüderliches Land erreicht wird! Und es ist gut, dass ihr seht, dass Glück und Vergnügen nicht gleichbedeutend sind. Glück und Freude sind das eine, etwas anderes ist ein flüchtiges Vergnügen. Das Glück baut auf, ist tragfähig, erbaut. Das Glück fordert Einsatz und Hingabe. Ihr seid zu wertvoll, um wie Betäubte durchs Leben zu gehen! Paraguay hat einen sehr hohen Bevölkerungsanteil an jungen Menschen, und das ist ein großer Reichtum. Darum denke ich, dass das erste, was man tun muss, darin besteht, zu vermeiden, dass diese Kraft erdrückt wird, dass dieses Licht, das in euren Herzen leuchtet, erlischt; und zugleich muss man gegen die zunehmende Mentalität angehen, die es als nutzlos und widersinnig ansieht, nach wertvollen Dingen zu streben: „Nein, lass dich darauf nicht ein, nein, da kann man nichts mehr machen!“ – Dagegen wird die Mentalität, die vorwärts strebt, als absurd angesehen. Sich für etwas zu engagieren, sich für jemanden zu engagieren – das ist die Berufung der Jugend! Und habt keine Angst, alles ins Spiel zu bringen! Spielt sauber, spielt mit ganzem Einsatz. Habt keine Angst, Euer Bestes zu geben! Sucht nicht den Kompromiss im Vorfeld, nur um die Mühe, den Kampf zu vermeiden. Bestecht nicht den Schiedsrichter!

Allerdings sollt ihr diesen Kampf nicht im Alleingang ausfechten. Versucht, euch auszutauschen, zieht euren Nutzen daraus, das Leben, die Geschichten und die Erzählungen der älteren Menschen und eurer Großeltern zu hören, denn dort ist Weisheit. Nehmt euch viel Zeit, um all das Gute zu hören, das sie euch zu lehren haben. Sie sind die Hüter dieses geistigen Erbes des Glaubens und der Werte, das ein Volk prägt und den Weg erleuchtet. Findet auch Trost in der Kraft des Gebetes, in Jesus, in seiner täglichen und ständigen Gegenwart. Er enttäuscht nicht. Jesus lädt ein, durch das Gedächtnis eures Volkes. Das ist das Geheimnis, warum euer Herz immer fröhlich bleibt auf der Suche nach Geschwisterlichkeit, Gerechtigkeit, Frieden und Würde für alle. Da kann es eine Gefahr geben: „Ja, ja, ich will Brüderlichkeit, Gerechtigkeit, Frieden, Würde…“ – doch das kann zu einem Nominalismus werden. Nichts als Worte! – Nein! Entweder sind Brüderlichkeit, Gerechtigkeit, Friede und Würde konkret, oder sie sind nutzlos. Sie gehören in den Alltag; müssen Tag für Tag praktiziert werden! Ich frage dich also, junger Freund: „Wie arbeitest du Tag für Tag mit diesen Idealen: im Konkreten? Selbst wenn du einen Fehler machst… dann korrigierst du dich und gehst wieder weiter. Aber ganz konkret.

Ich gestehe euch, dass es mich manchmal ein bisschen allergisch macht oder – um es nicht so fein auszudrücken – ich könnte aus der Haut fahren, wenn ich hochtönende Reden mit all diesen Worten höre und jemand, der den Redner kennt, sagt: „Was für ein Lügner du bist!“ Darum: Worte allein sind nutzlos. Wenn du ein Wort sagst, engagiere dich im Sinn dieses Wortes! Arbeite damit Tag für Tag, Tag für Tag. Opfere dich dafür auf! Engagiere dich!

Mir hat das Gedicht von Carlos Miguel Giménez gefallen, das Bischof Adalberto zitiert hat. Ich glaube, es fasst sehr gut zusammen, was ich euch sagen möchte: [Ich träume] von einem Paradies ohne Krieg unter den Brüdern, reich an Menschen mit gesunder Seele und heilem Herzen … und von einem Gott, der ihren neuen Aufstieg segnet. Ja, es ist ein Traum. Und es gibt zwei Gewissheiten: dass der Traum erwacht und alle Tage Wirklichkeit wird und dass Gott erkannt wird als der Garant für unsere Würde als Menschen.

2. Die zweite Frage bezog sich auf den Dialog als ein Mittel, um einen Plan der Nation zu erstellen, der alle einschließt. Der Dialog ist nicht einfach. Es gibt auch das „Dialog-Theater“, das heißt wir stellen den Dialog dar, wir spielen Dialog, und danach reden wir im kleinen Kreis unter uns, und das andere ist vom Tisch. Beim Dialog muss man die Karten auf den Tisch legen, klar. Wenn du beim Dialog nicht wirklich sagst, was du empfindest, was du denkst, und dich nicht engagierst, den anderen anzuhören, deine Meinung zu korrigieren und miteinander zu sprechen, ist der Dialog nutzlos, dann ist alles nur Schminke! Nun, es stimmt, dass der Dialog nicht leicht ist; man muss viele Schwierigkeiten überwinden, und manchmal scheint es, als würden wir uns darauf versteifen, die Dinge noch schwieriger zu machen.

Damit es einen Dialog geben kann, bedarf es einer grundlegenden Voraussetzung, einer Identität. Sicher. Ich denke zum Beispiel an unseren Dialog, den interreligiösen Dialog, wo wir als Vertreter der verschiedenen Religionen sprechen. Wir versammeln uns ab und zu, um miteinander zu reden… uns über die verschiedenen Gesichtspunkte auszutauschen. Aber jeder spricht von seiner Identität aus: „Ich bin Buddhist, ich bin evangelisch, ich bin orthodox, ich bin katholisch…“ Jeder bringt seine eigene Identität zum Ausdruck. Er verhandelt nicht über seine Identität. Das heißt: Damit Dialog möglich ist, bedarf es dieser grundlegenden Voraussetzung.

Und was ist die Identität in einem Land? – Wir sprechen hier vom sozialen Dialog – Die Liebe zum Vaterland. Zuerst das Vaterland, danach meine Geschäfte. Zuerst das Vaterland! Das ist die Identität. Von dieser Identität aus trete ich also in den Dialog ein. Wenn ich ohne diese Identität das Gespräch aufnehme, ist der Dialog nutzlos. Außerdem setzt der Dialog diese Kultur der Begegnung voraus und verlangt von uns, sie zu suchen. Das heißt, eine Begegnung, die fähig ist zu erkennen, dass die Verschiedenheit nicht nur gut, sondern notwendig ist. Die Gleichförmigkeit löscht uns aus, macht uns zu Marionetten. Der Reichtum des Lebens liegt in der Unterschiedlichkeit. Darum darf also der Ausgangspunkt nicht sein: „Ich nehme einen Dialog auf, aber der andere irrt sich.“ Nein, nein, wir dürfen nicht davon ausgehen, dass der andere im Irrtum ist. Ich gehe mit meiner Überzeugung und werde hören, was der andere sagt, inwiefern er mich bereichert, inwiefern der andere mir zu Bewusstsein bringt, dass ich mich irre, und inwiefern ich dem anderen etwas geben kann. Es ist ein Geben und Nehmen, Geben und Nehmen, aber mit offenem Herzen. Mit dem Dünkel, dass der andere sich irrt, ist es besser, nach Hause zu gehen und einen Dialog erst gar nicht zu versuchen, nicht wahr? Der Dialog ist für das Gemeinwohl, und das Gemeinwohl wird von unseren Unterschieden ausgehend gesucht, indem man immer die Möglichkeit zu neuen Alternativen gibt. Das heißt: Suche etwas Neues. Immer, wenn es einen echten Dialog gibt, kommt man schließlich – gestatten Sie mir den Ausdruck, doch ich sage es im edlen Sinn – zu einem neuen Einverständnis, in dem wir uns alle über etwas geeinigt haben. Gibt es Meinungsverschiedenheiten? Sie mögen beiseite bleiben, in Reserve. Doch in dem Punkt, über den wir uns geeinigt haben, oder in den Punkten, über die wir uns geeinigt haben, engagieren wir uns und verteidigen sie. Das ist ein Schritt vorwärts. Das ist die Kultur der Begegnung.

Dialogisieren ist nicht aushandeln. Aushandeln heißt versuchen, für sich selbst eine Scheibe herauszuschneiden; sehen, wie ich zu meinem Vorteil komme. Nein, du führst keinen Dialog, verschwende nicht die Zeit. Wenn du mit dieser Absicht kommst, lass es bleiben! Dialogisieren heißt, das Gemeinwohl für alle suchen. Gemeinsam diskutieren, über eine bessere Lösung für alle nachdenken. Oft sieht sich diese Kultur der Begegnung in den Konflikt verwickelt. Das heißt… Wir haben gerade ein schönes Ballett gesehen. Alles war wohl geordnet und ein Orchester, das eine wahre Symphonie der Harmonien war. Alles war perfekt. Alles verlief gut. Doch im Dialog ist das nicht immer so. Nicht alles ist ein perfektes Ballett oder ein gut aufeinander eingespieltes Orchester. Im Dialog ergeben sich Konflikte. Das ist logisch und zu erwarten. Denn wenn ich in einer Weise denke und du in einer anderen und wir uns austauschen, dann entsteht ein Konflikt. Wir dürfen das nicht fürchten! Wir dürfen den Konflikt nicht übergehen. Im Gegenteil, wir sind eingeladen, den Konflikt anzunehmen. Wenn wir den Konflikt nicht annehmen – „Nein, das bereitet mir Kopfschmerzen, er soll mit seiner Idee nach Hause gehen, und ich bleibe bei meiner“ –, dann können wir niemals dialogisieren. Das bedeutet bereit zu sein, „den Konflikt zu erleiden, ihn zu lösen und ihn zum Ausgangspunkt eines neuen Prozesses zu machen“ (Evangelii gaudium 227). Wir beginnen einen Dialog, es gibt einen Konflikt, ich nehme ihn an, ich löse ihn, und es ist ein Bindeglied für einen neuen Prozess. Es gibt ein Prinzip, das uns sehr helfen muss: „Die Einheit steht über dem Konflikt” (ebd., 228). Der Konflikt existiert: Man muss ihn annehmen, man muss versuchen, ihn so weit man kann zu lösen, aber mit der Absicht, eine Einheit zu erreichen, die keine Gleichförmigkeit ist, sondern eine Einheit in der Verschiedenheit Eine Einheit, welche die Unterschiede nicht zerschlägt, sondern sie in einem Miteinander lebt durch die Solidarität und das Verständnis. Wenn wir versuchen, die Gründe des anderen zu verstehen; wenn wir versuchen, seine Erfahrung, seine Wünsche anzuhören, können wir sehen, dass es großenteils gemeinsame Bestrebungen sind. Und das ist die Basis der Begegnung: Wir alle sind Geschwister, Kinder ein und desselben Vaters, eines himmlischen Vaters, und jeder hat mit seiner Kultur, seiner Sprache und seinen Traditionen der Gemeinschaft viel zu geben.

Nun, bin ich bereit, das anzunehmen? Wenn ich bereit bin, das anzunehmen und so zu dialogisieren, dann setze ich mich, um den Dialog aufzunehmen; wenn nicht, ist es besser, damit keine Zeit zu vertun. Die wahren Kulturen sind niemals in sich selbst verschlossen – wenn sie sich in sich selbst verschließen, sterben sie –, sondern sie sind berufen, anderen Kulturen zu begegnen und neue Wirklichkeiten zu schaffen. Wenn wir Geschichte studieren, begegnen wir uralten Kulturen, die es nicht mehr gibt. Sie sind gestorben. Aus vielen Gründen. Doch einer von ihnen ist, dass sie sich in sich selbst verschlossen haben. Ohne diese wesentliche Voraussetzung, ohne diese Grundlage der Brüderlichkeit wird es sehr schwierig sein, zum Dialog zu gelangen. Wenn jemand meint, dass es Personen, Kulturen, Situationen zweiter, dritter oder vierter Klasse gibt… wird etwas sicher schlecht ausgehen, denn es fehlt ihm einfach das Minimum, nämlich die Anerkennung der Würde des anderen. Es gibt keine Menschen erster, zweiter, dritter, vierter Klasse: alle stehen auf der gleichen Ebene.

3. Und das gibt mir Anlass, auf die in der dritten Frage geäußerte Beunruhigung zu antworten: die Klage der Armen aufnehmen, um eine inklusivere Gesellschaft aufzubauen. Es ist interessant: Der Egoist schließt sich aus. Wir wollen aufnehmen, mit einschließen. Erinnern Sie sich an das Gleichnis vom „verlorenen Sohn“ – von diesem Sohn, der sich von seinem Vater sein Erbteil erbat, das ganze Geld an sich nahm, es in einem ausschweifenden Leben vergeudete und nach langer Zeit, als er alles verloren hatte, sich – weil er Magenschmerzen vor Hunger hatte – an seinen Vater erinnerte. Und sein Vater erwartete ihn – er ist das Bild Gottes, der uns immer erwartet! –, und als er ihn kommen sieht, umarmt er ihn und feiert ein Fest. Der andere Sohn, hingegen, der zu Hause geblieben war, entrüstet sich und schließt sich selber aus: „Ich will mit diesen Leuten nichts zu tun haben, ich habe mich gut benommen… ich habe eine große Kultur, habe an dieser oder jener Universität studiert, gehöre zu dieser Familie und diesem Geschlecht; mit denen da lasse ich mich nicht ein…“ Niemanden ausschließen, aber auch sich selber nicht ausschließen, denn wir alle brauchen alle.

Ein grundlegender Aspekt, um die Armen zu fördern, liegt auch in der Art und Weise, wie wir sie sehen. Nicht dienlich ist eine ideologische Sichtweise, die am Ende die Armen für andere politische oder persönliche Interessen gebraucht (vgl. Evangelii gaudium 199). Die Ideologien enden schlecht, sie sind nutzlos. Die Ideologien haben eine Beziehung zum Volk, die entweder unvollständig oder krank oder schlecht ist. Die Ideologien nehmen sich des Volkes nicht an. Schauen Sie auf das vergangene Jahrhundert und sehen Sie, wohin die Ideologien geführt haben! Zu Diktaturen, immer, immer. Sie denken für das Volk; sie lassen nicht das Volk denken. Oder wie jener scharfe Ideologiekritiker antwortete, als man ihm sagte: „Ja, aber diese Leute haben guten Willen und wollen Gutes tun für das Volk.“ –: „Ja, ja, ja, alles für das Volk, aber nichts mit dem Volk.“ Das sind die Ideologien.

Um tatsächlich das Wohl des Volkes zu suchen, muss man zuallererst eine wirkliche Sorge um seine Menschen haben – ich spreche von den Armen –, sie in ihrer eigenen Güte würdigen. Eine wirkliche Würdigung verlangt aber, bereit zu sein, von den Armen zu lernen, von ihnen zu lernen. Die Armen haben uns in Bezug auf Menschlichkeit, Güte und Opfer und Solidarität viel zu lehren. Wir Christen haben außerdem einen noch bedeutenderen Grund, die Armen zu lieben und ihnen zu dienen, denn in ihnen haben und sehen wir das Antlitz und den Leib Christi, der arm wurde, um uns mit seiner Armut reich zu machen (vgl. 2 Kor 8,9).

Die Armen sind der Leib Christi, sein „Fleisch“. Wenn ich Beichte höre – jetzt habe ich nicht so viele Gelegenheiten dazu wie in meiner vorigen Diözese –, frage ich gerne: „Und helfen Sie den Menschen?“ – „Ja, ja, ich gebe Almosen.“ – „Ach so, und sagen Sie: wenn Sie Almosen geben, berühren Sie die Hand dessen, dem Sie etwas geben, oder werfen Sie ihm die Münze nur so hin?“ – Das sind Verhaltensweisen. – „Wenn Sie dieses Almosen geben, schauen Sie dem anderen dann in die Augen, oder schauen Sie woanders hin?“ Das bedeutet, den Armen herabzuwürdigen; es sind „die Armen“… Denken wir einmal genau nach: Er ist einer wie ich, und wenn ein übler Moment hereinbricht, aus tausend Gründen – wirtschaftlicher, politischer, sozialer oder persönlicher Art –, dann könnte ich an dieser Stelle stehen und mir wünschen, dass jemand mir hilft. Und außer dem Wunsch, dass jemand mir hilft – wenn ich an dieser Stelle stehe, habe ich das Recht, geachtet zu werden. Den Armen achten. Ihn nicht wie einen Gegenstand benutzen, um unsere Schuld abzuwaschen. Von den Armen lernen, von dem, was sie sagen, von dem, was sie haben, von den Werten, die sie besitzen. Und wir Christen haben diesen Beweggrund, dass sie „das Fleisch“ Jesu sind.

Sicher sind für ein Land das Wirtschaftswachstum und die Schaffung von Wohlstand sehr notwendig wie auch dafür zu sorgen, dass dies alle Bürgerinnen und Bürger erreicht, ohne dass irgendjemand davon ausgeschlossen bleibt. Und das ist notwendig. Die Schaffung dieses Wohlstands muss immer auf das Gemeinwohl ausgerichtet sein, auf das Wohl aller und nicht auf das einiger weniger. Und in diesem Punkt muss man sehr deutlich werden: „Die Anbetung des antiken goldenen Kalbs (vgl. Ex 32,1-35) hat eine neue und erbarmungslose Form gefunden im Fetischismus des Geldes und in der Diktatur einer Wirtschaft ohne Gesicht“ (Evangelii gaudium 55). Die Personen, die berufen sind, die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern, haben die Aufgabe, darüber zu wachen, dass dies immer ein menschliches Gesicht hat. Die wirtschaftliche Entwicklung muss ein menschliches Gesicht haben: Nein zu einer Wirtschaft ohne Gesicht! In den Händen dieser Personen liegt die Möglichkeit, vielen Menschen eine Arbeit anzubieten und auf diese Weise vielen Familien eine Hoffnung zu geben. Das Brot nach Hause zu bringen, den Kindern Wohnung, Gesundheit und Bildung zu bieten, sind wesentliche Aspekte der menschlichen Würde, und die Unternehmer, die Politiker und die Ökonomen müssen in Bezug auf diese Aspekte Rede und Antwort stehen. Ich bitte sie, nicht einem götzendienerischen Wirtschaftsmodell nachzugeben, das es nötig hat, auf dem Altar des Geldes und der Rentabilität Menschenleben zu opfern. In der Wirtschaft, im Unternehmertum und in der Politik stehen an erster Stelle immer der Mensch und die Umgebung, in der er lebt.

Zu Recht ist Paraguay in aller Welt bekannt als das Land, in dem die „Reduktionen“ begannen, eine der interessantesten Erfahrungen von Evangelisierung und Bildung eines Gesellschaftsmodells in der Geschichte. In ihnen war das Evangelium die Seele und das Leben der Gemeinschaften, in denen es weder Hunger, noch Arbeitslosigkeit, noch Analphabetismus, noch Unterdrückung gab. Diese historische Erfahrung lehrt uns, dass eine menschlichere Gesellschaft auch heute möglich ist. Sie haben sie in Ihren Wurzeln hier gelebt. Sie ist möglich! Wenn Liebe zum Menschen vorhanden ist und der Wille, ihm zu dienen, ist es möglich, Bedingungen zu schaffen, so dass alle Zugang zu den notwendigen Gütern erhalten, ohne dass irgendjemand ausgesondert wird. In jedem Fall die Lösungen durch den Dialog suchen!

Auf die vierte Frage habe ich geantwortet, als ich von der Wirtschaft sprach, die ganz auf den Menschen ausgerichtet ist, ganz dem Menschen dient und nicht dem Geld. Die Dame, die Unternehmerin, sprach von der geringen Wirksamkeit gewisser Wege und nannte einen, den ich in Evangelii gaudium erwähnt hatte, nämlich den unverantwortlichen Populismus (vgl. Nr. 204), nicht wahr? Und es scheint, dass diese Wege zu nichts führen… Da gibt es so viele Theorien… Was soll man tun? Ich glaube, dass in dem, was ich über die Wirtschaft mit dem menschlichen Gesicht sage, die Inspiration zur Beantwortung dieser Frage liegt.

Was die fünfte Frage betrifft, so glaube ich, dass die Antwort im Bereich dessen liegt, was ich gesagt habe, als ich über die Kulturen sprach. Das heißt, es gibt eine Kultur der Gebildeten – eine Kultur, die gut ist und Achtung verdient, gewiss. Heute, zum Beispiel, erklang in einem Teil des Balletts Musik aus einer Kultur der Gebildeten, gute Musik. Doch es gibt noch eine andere Kultur, die gleich wertvoll ist, und das ist die Kultur der Völker, der Urbevölkerungen, der verschiedenen Ethnien. Eine Kultur, die ich Volkskultur – aber im guten Sinn! – zu nennen wage. Die Völker haben ihre Kultur und schaffen ihre Kultur. Diese Arbeit für die Kultur im weitesten Sinne des Wortes ist wichtig. Es ist nicht nur Kultur, studiert zu haben oder ein Konzert genießen zu können oder ein interessantes Buch zu lesen, sondern tausend andere Dinge sind auch Kultur. Sie sprachen vom Ñandutí-Gewebe. Das, zum Beispiel, ist Kultur. Und es ist eine aus dem Volk geborene Kultur – um ein Beispiel zu nennen…

Es gibt zwei Dinge, auf die ich noch Bezug nehmen möchte, bevor ich schließe. Und da hier Politiker zugegen sind – sogar der Präsident der Republik –, sage ich es in brüderlicher Form. Jemand hat mir gesagt: „Schauen Sie mal, der Herr Soundso ist durch das Heer entführt worden. Tun Sie etwas!“ Ich sage nicht, ob es wahr ist oder nicht, ob es gerecht ist oder nicht, aber eine der Methoden, welche die diktatorischen Ideologien des vergangenen Jahrhunderts anwendeten, von denen ich eben sprach, bestand darin, die Leute zu entfernen, entweder durch Exil oder durch Gefangenschaft, oder – im Fall der nazistischen und stalinistischen Vernichtungslager – sie entfernten sie durch den Tod… Damit es eine wirkliche Kultur in einem Volk gibt, eine politische Kultur und eine Kultur des Gemeinwohls, braucht es schnell klare Prozesse, transparente Prozesse. Eine andere Art von Winkelzug ist nicht dienlich. Eine transparente, klare Justiz. Das wird uns allen helfen. Ich weiß nicht, ob es so etwas hier gibt oder nicht; ich sage es mit allem Respekt. Man hat es mir gesagt, als ich eintrat, man sagte es mir hier. Und ich möge für – ich weiß nicht wen – bitten; ich habe den Namen nicht gut verstanden.

Und dann gibt es noch etwas anderes, das ich ebenfalls der Ehrlichkeit halber sagen möchte: Eine Methode, die den Menschen nicht die Freiheit gibt, ihre Aufgabe, die Gesellschaft aufzubauen, verantwortlich zu übernehmen, ist die Erpressung. Erpressung ist immer Korruption: „Wenn du das tust, werden wir dir das und das antun, womit wir dich zugrunde richten.“ Die Korruption ist die Motte, ist die Gangrän eines Volkes. So kann zum Beispiel kein Politiker seine Rolle, seine Arbeit erfüllen, wenn er durch korruptes Verhalten erpresst wird: „Gib mir dies, gib mir diese Vollmacht, gib mir jenes, oder, wenn nicht, tue ich dir dies oder jenes an.“ Das – was bei allen Völkern der Erde geschieht, denn es kommt überall vor – muss ein Volk, wenn es seine Würde behalten will, ausmerzen. Ich spreche von einem universalen Problem.

Und ich schließe. Es ist mir eine große Freude, die Menge und die Verschiedenheit der Vereinigungen zu sehen, die beim Aufbau eines immer besseren und wohlhabenderen Paraguay engagiert sind. Wenn Sie aber nicht dialogisieren, nützt alles nichts, wenn Sie erpressen, nützt alles nichts. Diese Vielheit der Gruppen und Personen ist wie eine große Symphonie, jeder mit seiner Besonderheit und seinem eigenen Reichtum, aber auf der Suche nach der endgültigen Harmonie. Die Harmonie ist das, was zählt. Und haben Sie keine Angst vor dem Konflikt, aber sprechen Sie darüber und suchen Sie Wege zur Lösung!

Lieben Sie Ihr Vaterland, Ihre Mitbürger, und vor allem lieben Sie die Ärmsten! So werden Sie vor der Welt ein Zeugnis dafür sein, dass ein anderes Entwicklungsmodell möglich ist. Ich bin aufgrund Ihrer ganz eigenen Geschichte überzeugt, dass Sie die größte Kraft besitzen, die es gibt: Ihre Menschlichkeit, Ihren Glauben und Ihre Liebe. Dieses Wesen des paraguayischen Volkes, durch das es sich unter den Nationen der Welt so reich auszeichnet.

Ich bitte die Jungfrau von Caacupé, unsere Mutter, Sie zu behüten, zu beschützen und Sie in ihren Anstrengungen zu unterstützen. Gott segne Sie, und beten Sie für mich. Danke.

[Nach dem Gesang]

Zum Abschied vor dem Segen noch ein Rat: Das Schlimmste, was jedem von Ihnen passieren kann, wenn Sie von hier weggehen, ist zu denken: „Wie gut war das, was der Papst zu diesem, zu jenem, und zu dem anderen da gesagt hat.“ Wenn jemand von Ihnen einen solchen Gedanken hegt – denn der Gedanke kommt gewöhnlich, das geht auch mir manchmal so, aber man muss ihn zurückweisen – dann soll er sagen: „Zu wem hat der Papst das gesagt?“ – „Zu mir!“ Jeder Einzelne, wer immer er sei: „Zu mir.“

Und ich lade Sie ein, zu unserem gemeinsamen Vater zu beten, alle zusammen, jeder in seiner Sprache:

Vater unser…

 

 

Fotos: Sonia Zaracho, Andreza Ortigoza, Valeria Riera, Paraguay

Video der Ansprache von Papst Franziskus

Original: Spanisch. Übersetzung: Ursula Sundarp, Dinslaken, Deutschland/Text des Heiligen Vaters: offizielle Übersetzung des Vatikan

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