Veröffentlicht am 1. Februar 2017 In Franziskus - Botschaft, Kommunikation

Hoffnung und Zuversicht kommunizieren in unserer Zeit

FRANZISKUS IN ROM, Maria Fischer •

Am Freitag, 20. Januar, zur gleichen Zeit, als in Washington Donald Trump sein Amt übernahm, gab Papst Franziskus im Vatikan der spanischen Tageszeitung El País en langes Interview, in dem er zunächst riet, umsichtig umzugehen mit den Alarmzeichen, die vom neuen amerikanischen Präsidenten ausgelöst würden – „Man muss sehen, was er macht, wir sollten keine Unheilspropheten sein“ -, wobei er jedoch betont: „In Zeiten der Krise funktioniert die Unterscheidung der Geister nicht und die Völker suchen „Erlöser“, die ihnen die verloren zu gehen geglaubte Identität „mit Mauern und Stacheldraht“ zurückgeben sollten (das komplette Interview in Spanisch hier, mit Links zu den Übersetzungen ins Englische und Portugiesische ):  „Die Gefahr in Zeiten der Krise ist es, nach einem Erlöser zu suchen, der uns die Identität zurückgibt und uns mit Mauern verteidigt.“ Damit bezieht er sich auf Donald Trump, denn nach ihm wurde er gefragt. Doch Papst Franziskus spricht hier nicht nur über Trump. Er spricht von dieser Reaktion vieler, im Volk und bei Führungen und Leitungen, die in Zeiten der Krise, angesichts der realen oder eingebildeten Gefahr von Identitätsverlust (oder Macht-, Einfluss-, Bedeutungs-, Kontroll-, Autokratieverlust oder dem Verlust politischer, religiöser oder ideologischer Dominanz) den anderen die Schuld zuweisen, und anstatt Begegnung, Dialog und Bündnis zu suchen, Mauern bauen und jenen „Helden“ suchen, der sich von allem Bösen und allen Bösen befreit, seien diese Bösen nun Flüchtlinge oder Migranten, Arme, Alte, Moslems, Christen, Juden, Afrikaner, Mexikaner oder Sinti sind… Und es ist etwas, das nicht nur in der Politik geschieht, sondern auch in Unternehmen, auch in der Kirche, in Gemeinden und Bewegungen. Gleich ist, dass diese Reaktion immer zur Verschlossenheit führt, die zuerst den „anderen“, denen „draußen“,  das Leben schwer macht, aber am Ende genau die ärmer macht und krank, die sich mit Mauern schützen und den „Erlösern“ vor die Füße werfen.

Die Rolle der Medien in diesem Szenario ist entscheidend. Die Medien sind immer die ersten, die von den Mauerbauern und den „Erlösern“ angegriffen werden, und es sind die Medien, die diese kontrollieren oder zu ihren Sprachrohren machen wollen. Und oft genug glückt es ihnen. Gleichzeitig können die Medien oder genau genommen die Menschen, die Nachrichten machen, Protagonisten von Ängsten und Mauern werden – oder Botschafter von Hoffnung und Vertrauen in diesen Zeiten von Krise und Kriegen –   in unserer Zeit, wie Papst Franziskus in seiner Botschaft zum 51. Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel sagt, die am 24. Januar, am Fest des Heiligen Franz von Sales, des Patrons der katholischen Presse, veröffentlicht wurde.

Kommunikation ist von Gott

Im Jahr 1916, während des Weltkrieges, wurde Pater Josef Kentenich zum Journalisten, zum Kommunikator, denn er spürte die Notwendigkeit, seinen geistlichen Söhnen im Herausgehen an die Fronten des Krieges ein Band des Vertrauens und der Hoffnung mitzugeben. Die Zeitschrift, die er damals gründete, hatte als Titel ein herausforderndes Programm: Gegenseitige Anregungen zum Kampf für unsere Ideale in schwerer Zeit.

In unserer Zeit. Gute Nachrichten, geglückte Lebensvorgänge in realen Geschichten aus dem Leben: real, damit die Realität nicht die Erzählung auffrisst.  Geschichten, weil die ankommen und bleiben, weil wir Menschen Erzählwesen sind, weil unser Gehirn auf Langweiliges nicht reagiert, aber sehr stark auf Geschichten, und weil wir unsere persönliche und gesellschaftliche Identität durch von Generation zu Generation weitererzählte Geschichten bilden.

Doch der letzte Grund, der uns Tag für Tag in unserer Kommunikationsarbeit motiviert, ist ein anderer. Papst Franziskus sagt:

„Kommunikation ist von Gott. Gott teilt sich mit. Gott teilt sich uns mit durch die Geschichte. Gott bleibt nicht isoliert. Er ist ein Gott, der sich uns mitgeteilt hat, der zu uns gesprochen, uns begleitet, uns in Frage gestellt und uns den Weg hat verändern lassen, und der uns weiter begleitet. Man kann die katholische Theologie nicht ohne die Kommunikation Gottes verstehen. Gott ist nicht statisch da drüben und schaut sich aus der Ferne an, wie die Menschen sich vergnügen und sich zerstören. Gott mischt sich ein, er mischt sich ein, indem er sich mit seinem Wort und seinem Fleisch mitteilt. Davon gehe ich aus.“

Wir auch, Papst Franziskus.

 

BOTSCHAFT VON PAPST FRANZISKUS
ZUM
51. WELTTAG DER SOZIALEN
KOMMUNIKATIONSMITTEL

 

«Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir» (Jes 43,5).
Hoffnung und Zuversicht verbreiten in unserer Zeit

 

Dank des technischen Fortschritts hat sich der Zugang zu den Kommunikationsmitteln so entwickelt, dass sehr viele Menschen die Möglichkeit haben, augenblicklich Nachrichten zu teilen und sie flächendeckend zu verbreiten. Diese Nachrichten können gut oder schlecht sein, wahr oder falsch. Schon unsere Vorväter im Glauben sprachen vom menschlichen Geist als einer Mühle, die vom Wasser bewegt niemals angehalten werden kann. Wer aber mit dem Mahlen beauftragt ist, hat die Möglichkeit zu entscheiden, ob Korn oder Taumellolch gemahlen wird. Der Geist des Menschen ist immer aktiv und kann nicht aufhören, das zu „mahlen“, was er aufnimmt, aber es ist an uns zu entscheiden, welches Material wir dazu liefern (vgl. Johannes Cassian, Brief an Abt Leontius).

Mein Anliegen ist es, dass diese Botschaft alle diejenigen erreicht und ermutigt, die sowohl im Beruf als auch in den persönlichen Beziehungen jeden Tag viele Nachrichten „mahlen“, um ein wohlriechendes und gutes Brot denen anzubieten, die sich von den Früchten ihrer Kommunikation ernähren. Ich möchte alle zu einer konstruktiven Kommunikation aufrufen, welche Vorurteile über den anderen zurückweist und eine Kultur der Begegnung fördert, dank derer man lernen kann, die Wirklichkeit mit bewusstem Vertrauen anzuschauen.

Ich glaube, dass es nötig ist, den Teufelskreis der Angst zu durchbrechen und die Spirale der Furcht aufzuhalten, die ein Ergebnis der Angewohnheit ist, sein Augenmerk ganz auf die „schlechten Nachrichten“ (Kriege, Terror, Skandale und jegliche Art menschlichen Scheiterns) zu richten. Natürlich geht es nicht darum, ein Informationsdefizit zu fördern, bei dem das Drama des Leidens ignoriert würde, und genauso wenig darum, in einen naiven Optimismus zu verfallen, der sich vom Skandal des Übels nicht anrühren lässt. Ich wünsche mir im Gegenteil, dass wir alle versuchen, das Gefühl des Unmuts und der Resignation zu überwinden, das uns oft befällt, uns in Apathie versetzt und Ängste erzeugt oder den Eindruck erweckt, dass dem Übel keine Grenzen gesetzt werden können. In einem Kommunikationssystem, wo die Logik gilt, dass eine gute Nachricht keinen Eindruck macht und deswegen auch gar keine Nachricht ist, und wo es leicht geschieht, dass die Tragödie des Leides und das Geheimnis des Bösen in spektakulärer Weise dargestellt werden, kann man zudem versucht sein, das Gewissen zu betäuben und in die Hoffnungslosigkeit abzugleiten.

Deswegen möchte ich einen Beitrag leisten zur Suche nach einem offenen und kreativen Kommunikationsstil, der niemals bereit ist, dem Bösen eine Hauptrolle zuzugestehen, sondern versucht, die möglichen Lösungen aufzuzeigen und so die Menschen, denen die Nachricht übermittelt wird, zu einer konstruktiven und verantwortungsvollen Herangehensweise anzuregen. Ich möchte alle dazu einladen, den Frauen und Männern unserer Zeit Berichte anzubieten, die von der Logik der „guten Nachricht“ geprägt sind.

Die gute Nachricht

Das menschliche Leben ist nicht bloß eine unpersönliche Chronik von Ereignissen, sondern es ist Geschichte – eine Geschichte, die erzählt werden will, indem man sich für einen Deutungsschlüssel entscheidet, der imstande ist, die wichtigsten Dinge auszuwählen und zu sammeln. Die Wirklichkeit hat in sich selbst keinen eindeutigen Sinngehalt. Alles hängt von dem Blick ab, mit dem sie eingefangen wird, von der „Brille“, die wir wählen, um sie zu betrachten: Wenn wir die Linsen wechseln, erscheint auch die Wirklichkeit anders. Wovon können wir also ausgehen, um die Wirklichkeit mit der richtigen „Brille“ zu sehen?

Für uns Christen kann die geeignete Brille, um die Wirklichkeit zu entschlüsseln, nur die der guten Nachricht sein, ausgehend von der Guten Nachricht schlechthin: dem » Evangelium[s] von Jesus Christus, dem Sohn Gottes « (Mk 1,1). Mit diesen Worten beginnt der Evangelist Markus seinen Bericht: mit der Verkündigung der „guten Nachricht“, bei der es um Jesus geht. Doch weit mehr als nur Information über Jesus zu sein, ist sie die Frohe Botschaft, die Jesus selbst ist. Wenn man das Evangelium liest, entdeckt man nämlich, dass der Titel dieses Werkes seinem Inhalt entspricht – vor allem aber, dass dieser Inhalt die Person Jesu selbst ist.

Diese gute Nachricht, die Jesus selber ist, ist nicht deswegen gut, weil es in ihr kein Leiden gibt, sondern weil auch das Leiden in einem weiteren Horizont erlebt wird: als wesentlicher Bestandteil seiner Liebe zum Vater und zur Menschheit. In Christus hat Gott sich mit jeder menschlichen Situation solidarisiert und uns offenbart, dass wir nicht alleine sind, weil wir einen Vater haben, der seine Kinder niemals vergessen kann. » Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir « (Jes 43,5): Das ist das tröstliche Wort eines Gottes, der sich von jeher in die Geschichte seines Volkes einbringt. In seinem geliebten Sohn geht dieses Versprechen Gottes – » ich bin mit dir « – so weit, all unsere Schwachheit anzunehmen, bis dahin, unseren Tod zu sterben. In Ihm werden auch die Dunkelheit und der Tod ein Ort der Gemeinschaft mit dem Licht und dem Leben selbst. So entsteht gerade dort, wo das Leben die Bitterkeit des Scheiterns erfährt, eine Hoffnung, die jedem zugänglich ist. Es ist eine Hoffnung, die nicht trügt, denn » die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen « (Röm 5,5) und lässt das neue Leben aufkeimen aus dem Samenkorn, das ins Erdreich gefallen ist. In diesem Licht wird jedes neue Drama, das in der Geschichte der Welt geschieht, auch Schauplatz einer möglichen guten Nachricht. Denn der Liebe gelingt es immer, den Weg der Nähe zu finden und Herzen zu entflammen, die sich innerlich anrühren lassen, Menschen, die fähig sind, nicht zu verzagen, und Hände, die bereit sind aufzubauen.

Das Vertrauen auf das Samenkorn des Reiches

Um seine Jünger und die Menschenmenge in diese evangeliumsgemäße Mentalität einzuführen und ihnen die richtige „Brille“ zu geben, mit der man der Logik der Liebe, die stirbt und aufersteht, näher kommen kann, bedient sich Jesus der Gleichnisse, in denen das Reich Gottes oft mit einem Samenkorn verglichen wird, das seine Lebenskraft gerade dann entfaltet, wenn es in der Erde stirbt (Mk 4,1-34). Auf Bilder und Metaphern zurückzugreifen, um die demütige Macht des Reiches zu verkünden, bedeutet nicht, ihre Bedeutung und Dringlichkeit herunterzuspielen. Es ist die barmherzige Art und Weise, die dem Hörer den Freiraum lässt, sie anzunehmen und auch auf sich selbst zu beziehen. Außerdem ist es der privilegierte Weg, um die unermessliche Würde des österlichen Geheimnisses auszudrücken, denn es sind die Bilder – mehr als die Begriffe –, welche die paradoxe Schönheit des neuen Lebens in Christus vermitteln. Dieses neuen Lebens, wo die Feindseligkeiten und das Kreuz die Rettung durch Gott nicht vereiteln, sondern verwirklichen, wo die Schwachheit stärker ist als jede menschliche Stärke, wo das Scheitern das Vorspiel der viel größeren Erfüllung aller Dinge in der Liebe sein kann. Genau so reift und vertieft sich nämlich die Hoffnung auf das Reich Gottes: » Wie wenn ein Mann Samen auf seinen Acker sät; dann schläft er und steht wieder auf, es wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst « (Mk 4,26-27).

Das Reich Gottes ist schon mitten unter uns, wie ein Samenkorn, das dem oberflächlichen Blick verborgen ist und dessen Wachsen in der Stille geschieht. Wer Augen hat, die vom Heiligen Geist gereinigt sind, kann es aufkeimen sehen und lässt sich die Freude am Reich durch das immer gegenwärtige Unkraut nicht nehmen.

Die Horizonte des Geistes

Die Hoffnung, die auf der guten Nachricht, die Jesus selber ist, beruht, lässt uns den Blick erheben und ermuntert uns, ihn im liturgischen Rahmen des Himmelfahrtsfestes zu betrachten. Während es scheint, als entferne sich der Herr von uns, weiten sich in Wirklichkeit die Horizonte der Hoffnung. Tatsächlich kann in Christus, der unser Menschsein bis zum Himmel erhebt, jede Frau und jeder Mann die volle Freiheit besitzen, » durch das Blut Jesu in das Heiligtum einzutreten. Er hat uns den neuen und lebendigen Weg erschlossen durch den Vorhang hindurch, das heißt durch sein Fleisch « (Hebr 10,19-20). Durch die » Kraft des Heiligen Geistes « können wir » Zeugen « sein und Künder einer neuen, erlösten Menschheit, » bis an die Grenzen der Erde « (Apg 1, 7-8).

Das Vertrauen auf das Samenkorn des Gottesreiches und auf die Logik von Ostern muss auch unsere Weise der Kommunikation prägen. Dieses Vertrauen ist es, das uns fähig macht, in den vielfältigen Formen, in der die Kommunikation heute geschieht, mit der Überzeugung zu arbeiten, dass es möglich ist, die gute Nachricht, die in der Wirklichkeit jeder Geschichte und auf dem Antlitz jedes Menschen gegenwärtig ist, zu entdecken und zu beleuchten.

Wer sich glaubend vom Heiligen Geist leiten lässt, wird fähig, in jedem Ereignis das auszumachen, was zwischen Gott und der Menschheit geschieht, und erkennt, wie Er selbst auf dem dramatischen Schauplatz dieser Welt die Handlung einer Heilsgeschichte schreibt. Der Faden, mit dem diese heilige Geschichte gewebt wird, ist die Hoffnung, und ihr Weber ist niemand anderes als der Heilige Geist, der Tröster. Die Hoffnung ist die demütigste aller Tugenden, weil sie verborgen bleibt in den Falten des Lebens. Aber sie ist der Hefe gleich, die den gesamten Teig fermentiert. Wir nähren sie, indem wir immer wieder die Gute Nachricht lesen, jenes Evangelium, das in unzähligen Editionen „neu aufgelegt“ wurde in den Leben der Heiligen, jener Frauen und Männer, die zu Ikonen der Liebe Gottes geworden sind. Auch heute sät der Heilige Geist in unserem Innern die Sehnsucht nach dem Reich aus. Und er tut das durch viele lebendige „Kanäle“, durch die Menschen, die sich mitten im Drama der Geschichte von der Guten Nachricht leiten lassen. Sie sind wie Leuchttürme im Dunkel dieser Welt, die den Kurs erhellen und neue Wege des Vertrauens und der Hoffnung auftun.

Aus dem Vatikan, am 24. Januar 2017, dem Fest des heiligen Franz von Sales

Franziskus

 

Original: Spanisch, 29. 01. 2017. Übersetzung: Brief an die Jugendlichen: Vatican.va, redaktioneller Teil: Maria Fischer, schoenstatt.org

Fotos: iStockGettyImage, Lizenz für schoenstatt.org

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