Veröffentlicht am 23. Juli 2015 In Zweites Jahrhundert des Bündnisses

Drei Fragen … zu Schönstatt im zweiten Jahrhundert des Liebesbündnisses (34)

Heute antwortet: Otávio Cezarini Ávila, der derzeit in Curitiba (Brasilien) lebt, und im Bereich von Kommunikation und Journalismus arbeitet. In der Erzdiözese hilft er in der Migrantenpastoral und unterstützt aus der Ferne die Mannesjugend von Ibiporã •

Ein halbes Jahr sind wir unterwegs im zweiten Jahrhundert des Liebesbündnisses – Was ist Ihr Traum von diesem Schönstatt in seinem Sein, seiner Verortung in Kirche und Welt und seinem Tun?

Ich erträume mir ein Schönstatt, das seine Verpflichtung auf die Bündniskultur erneuert, sein Bindungscharisma neu bejaht und sein Engagement in der Kirche verstärkt. Das ist mehr als nur eine Unterstützung des Papstes, sondern eine Unterstützung der Ortskirche in ihrer pastoralen Dimension. Das ist das wirksamste Mittel, um näher bei den Armen, den Auserwählten des Evangeliums, zu sein.

Dabei denke ich jetzt nicht an fromme und hilfsbereite Blicke; sondern es ist notwendig, dass die Armen ins eigene Sein der Bewegung eingegliedert werden. Wir sind doch eine Erziehungsbewegung, oder etwa nicht? Dann, so meine ich, müssten wir sie alle in die Schönstattpädagogik hineinnehmen, und Schönstatt müsste so auch zulassen, sich von diesen neuen Realitäten berühren zu lassen. Die Welt braucht die Bewegung, aber die Bewegung muss in Bewegung bleiben. Dies Wortspiel ist Spiegel eines Geistes, der viel geträumt hat von einem Geist der Solidarität, der in den Herzen der Schönstätter brennt. Glühen wir oder ist uns alles egal?

Was müssen wir hinter uns lassen oder vermeiden, damit dieser Traum Wirklichkeit wird?

Zuallererst werfen wir einen Blick auf die Neuerscheinung Franziskus. Die Sexualmoral ist eine Realität in der Kirche, wird vom Papst unterstützt, aber warum bestehen wir darauf, diese in unseren Versammlungen und Gesprächen auf Kosten der Sozialmoral immer und immer neu zu thematisieren? Franziskus hat die Weite des Geistes, beide für gleich wichtig zu halten, doch weil er die lateinamerikanische Realität am eigenen Leib schmerzhaft spürt, betont er die Sozialmoral. Das ist für uns so ungewohnt, dass der Papst sogar als ‘Kommunist’ bezeichnet wird und auch Schönstätter sich deshalb gegen ihn stellen. Wir brauchen diese Betonung in der Kirche, wir brauchen Hirten, die ihre Schafe berühren, mit ihnen lachen und weinen. Mir scheint, dass die Sozialmoral von uns heute ein wenig vernachlässigt wird.

Ein zweiter Punkt bezieht sich auf einen intellektuellen Vorgang, und dafür brauchen wir unsere Theologen und Interessierten in der Philosophie Kentenichs. So ähnlich wie die Marxisten dauernd Marx aktualisieren, die Anhänger Max Webers Weber, so müssen wir unseren Gründer aktualisieren, ihn lebendig halten, auch auf akademischer Ebene. Es ist nötig,  das didaktische Grundmaterial für die Jugend, die Eheleute, die Männer und Frauen neu zu bearbeiten in Hinblick auf die neuen Formen, die in der Gesellschaft entstehen. Kann man nur die Medien verantwortlich machen für das Konsumverhalten? Die Arbeitsbeziehungen im 21. Jahrhundert, das Internet und die Kompression von Raum und Zeit etwa müsse wir mit Kentenich in Beziehung setzen und von daher zu neuen Antworten finden.

Welchen konkreten Schritt müssen wir jetzt tun, damit dieser Traum Wirklichkeit wird?

Es ist gut, erneut zu beteuern: Wir sind Missionare. Schönstatt ist eine missionarische Bewegung, und ich bestätige dies aus der brasilianischen Erfahrung. Wie sehr erneuern die missionarischen Aktivitäten den Geist unserer Schönstattfamilie! Die Mission verlangt natürlich mehr ‘Zuhören’ als ‚Verkündigung‘. Wir möchten nicht verglichen werden mit denen, die an die Häuser klopfen und sagen: “Haben Sie eine Minute Zeit, um etwas über Jesus zu hören?”, wohl aber mit denen, die sagen: “Haben Sie eine Minute Zeit, um uns etwas über sich selbst zu erzählen?” Das ist ein grundlegender Unterschied, der uns erneuert, unsere Vorurteile wegnimmt und für die Liebe öffnet. Verkündigung wird damit zum Dialog.

Insgesamt würde ich einen Weg besonders betonen: beim Pfingstkongress 2015 wurde die Option für die Jugend und die Familien erneuert. Man muss auf sie hören! Auf die Mitglieder der Bewegung und auf die Familien und Jugendlichen guten Willens insgesamt. Ein idealer Weg ist die Eingliederung unseres eigenen Seins in die letzten Winkel der Gesellschaft durch die Kampagne der Pilgernden Gottesmutter. Die organisierte Bewegung muss sich mehr für die Kampagne und in der Kampagne engagieren, und das geht nur, wenn diese im Gemeinschaftsleben der Gliederungen eine Rolle spielt.

Auch wäre es interessant, sich den Diözesanstrukturen von Pastoral und Gottesdienst, in Kursen und Kommissionen zu öffnen. Maria öffnet Wege!

Projeto Pão - jul15

Auf dem Foto sieht man Jugendliche der Schönstattjugend von Curitiba, die Lebensmittel an Menschen ohne festen Wohnsitz verteilen. Es handelt sich um das “Projekt Brot”.

Original: Portugiesisch. Übersetzung: Mechthild Jahn und Renate Dekker, Bad Ems, Deutschland

 

Schlagworte: , , , , ,