Veröffentlicht am 10. Februar 2018 In Schönstätter

„Was Pater Kentenich von uns erwartet? II. Vatikanisches Konzil.“

INTERVIEW MIT PFR. LUDWE JAYIYA, SÜDAFRIKA •

Als Papst Franziskus sich bei seinem Besuch in Peru mit den Jesuiten traf, fragte einer der älteren Mitbrüder ihn, was er als Papst und als Jesuit in diesem Moment der Kirche von ihnen erwarte. Seine Antwort war kurz und deutlich: „II. Vatikanisches Konzil.“ Ein paar Tage zuvor hatte ich einen jungen Priester aus Südafrika, Pfr. Ludwe Jayiya, Pfarrer der Mater-Dei-Pfarrei in Port Elizabeth interviewt, der alle, wirklich alle Ersparnisse (Priester in Südafrika bekommen kein Gehalt) ausgegeben hatte, um nach Deutschland zu reisen und an einem Treffen des Priesterbundes teilzunehmen. Ich fragte ihn, was er glaube, dass Pater Kentenich in diesem Moment seiner Geschichte von Schönstatt erwarte, und seine Antwort war: „II. Vatikanisches Konzil, einfach das II. Vatikanische Konzil, aber wirklich.“

Was bringt einen jungen südafrikanischen Priester, der sich auf die Feier des 12. Jahrestages seiner Priesterweihe am 18. Februar freut, dazu, so viel zu investieren, um ein paar Tage in Schönstatt zu sein und sein Leben der Sendung Schönstatts zu weihen? Während wir reden, wird es kristallklar – da ist eine persönliche Berufung, eine tiefe spirituelle Verbundenheit mit Papst Franziskus und Pater Kentenich, und ein Heiligtum, genauer gesagt, das Urheiligtum Südafrikas, das Heiligtum in Cathcart.

Berufungsunterscheidung

Heiligtum in Cathcart. Foto: Fr. Simon Donnelly

„Ich bin in Cathcart aufgewachsen“, sagt er, „und habe bei den Schwestern Katechismusunterricht bekommen. Pfr. Schneider war Pfarrer dort und kümmerte sich um das Heiligtum, und diese Menschen und ihr Zeugnis des Glaubens haben mich zutiefst geprägt.“

Im Jahr 2006, wenige Monate nach seiner Priesterweihe, hatte er das Glück, Schönstatt zu besuchen und am 19. September 2006 im Urheiligtum sein Liebesbündnis zu schließen; daraufhin schloss er sich der Priesterliga an. Mons. Hermann Gebert führte ihn in die priesterliche Spiritualität Schönstatts ein, und die Priester Bernhard Mucha und Karl Ebner hielten persönlichen Kontakt, reisten sogar nach Südafrika, um organisches Wachstum zu fördern. „Peter Wolfs Bücher waren auch eine sehr große Hilfe; es ist wirklich ein Privileg, mit Menschen mit einer solchen Erfahrung in Kontakt zu sein.“

Es bildet sich eine Gruppe von Schönstattpriestern im Schatten des Heiligtums von Cathcart mit bereichernden monatlichen Treffen. „Ich hatte immer den Wunsch, noch einmal nach Schönstatt zu fahren und die Weltweite der Bewegung zu spüren, mehr zu lernen und mehr zu geben.“ Er entdeckte seine Berufung zum Priesterbund, auch wenn es in ganz Südafrika niemanden gibt, der zu dieser Gemeinschaft gehört; er will es trotzdem versuchen und ist dankbar, dass der jüngste Kurs des Priesterbundes in Deutschland ihn in ihren Kurs eingeladen hat.

Warum ist Pater Kentenich Ihnen so wichtig?

„Pater Kentenich wollte Menschen bilden, freie, starke, priesterliche Charaktere – und er selbst war so eine Persönlichkeit. Er bildete keine Menschen nach einem Ideal, wenn er selbst es nicht verkörpern würde. Das macht ihn glaubhaft und authentisch.“

Seine Mission ist für heute und für die Zukunft, und sie ist für Südafrika“, erklärt Pfr. Ludwe. Warum?

„Er ist das personifizierte II. Vatikanische Konzil, und das erwartet er von uns. Dieser Mann war in der Lage, mit den Wunden seiner Vergangenheit klar zu kommen, er hat diese tiefe Wunde, keinen Vater zu haben, überwunden. Er hatte nie einen Vater und ist Vater für die Bewegung geworden, hat Menschen zu Gott, dem Vater, geführt. Er war ein moderner Mensch, der dem modernen Menschen zeigt: Egal wie gebrochen wir sind, wir können immer noch etwas einbringen und im Leben positiv etwas bewirken. Wir sind alle gebrochen, aber wir sind nicht nur die Unglücke unseres Lebens.

Er ist, was Papst Franziskus fordert – Priester mit Schafgeruch. Er hat die Botschaft gelebt, von der der Papst redet.

Pater Kentenich war bei den Menschen, er war dieses Feldlazarett. Das heißt: Schönstatt gehört wie die Kirche mitten hinein in das Leben der Menschen, um die Wunden der Vergangenheit zu heilen und ihren Charakter zu entwickeln. “

Schönstatt ist ein Feldlazarett für die Verwundeten unserer Zeit

Wie erfüllt Schönstatt diese Sendung als Feldlazarett nach dem Modell, das wir von Pater Kentenich her haben?

„Ja, Schönstatt erfüllt diese Mission“, antwortet Pfr. Ludwe. „Aber es hängt an den Einzelnen. Es gibt immer noch eine ganze Reihe, die bleiben bei der intellektuellen Seite der Idee, diskutieren und studieren sie, werden aber nicht praktisch. Die Herausforderung besteht darin, herauszugehen, wirklich zu den Menschen zu gehen.“

Botschaft und Leben von Papst Franziskus, Botschaft und Leben von Pater Kentenich, dazwischen 50 bis 100 Jahre, und so eine Übereinstimmung? „Ich denke, Pater Kentenich war seiner Zeit voraus“, sagt Pfr. Ludwe. „Er sorgte sich um die Wunden der Menschen, als das in der Kirche noch kein Thema war. Für mich als Südafrikaner ist er als Person eine heilende Botschaft für die vielen jungen Menschen, die keinen Vater haben, für die vaterlosen Familien. Pater Kentenichs Botschaft für diese jungen Leute in Südafrika ist real. Eine vaterlose Familie bedeutet Armut und Verletzung.“

Was kann Schönstatt dann in Südafrika machen? „Es muss herkommen und die Aussicht der Menschen von Südafrika verändern durch das gelebte Ideal Pater Kentenichs, nicht nur durch das Reden darüber. Schönstätter müssen die Kentenich-Berufung leben. Das ist etwas anderes, wenn wir die Berufung leben, sie verkörpern. Wir haben eine Menge Führungsleute in der Kirche, die eine Menge Theorie produzieren, aber nichts in der Praxis. Und da kommt ein Papst Franziskus. Er bittet, uns für Leute einzusetzen, mit den Leuten zu leben, den Herzschlag der Leute zu hören und zu spüren.  Erst müssen die Menschen kommen, alles andere danach. Die Botschaft des Evangeliums für die Leute in Südafrika muss ihnen Freude bringen, nicht Sorge, vor allem nicht die Angst, die Kirche könnte Menschen verurteilen. Ich verstehe Papst Franziskus als einen Menschen, der möchte, dass wir die Menschen nicht verurteilen, sondern ihre Wunden heilen.“

 

Foto: Felici, lizensiert für schoenstatt.org

Respekt vor den Laien und ihrem Fachwissen

Und was ist für ihn noch anregend und herausfordernd an Pater Kentenichs Leben und Botschaft?

„Viel“, sagt er lachend, und fügt dann ernst hinzu: „Wir als Kirche, das heißt jetzt vor allem, wir als Priester haben immer noch ein echt großes Problem in der Art und Weise, wie wir die Fachkenntnis von Laien nutzen. Wir wollen um jeden Preis die Kontrolle haben. Und anstatt die Fachkenntnisse der Laien zu nutzen und gut und respektvoll mit ihnen zu arbeiten, gehen wir in Wettbewerb mit ihnen, wollen im Mittelpunkt stehen und spielen uns als Oberlehrer auf – und so lange wir das so machen, kriegen wir nie eine gute Zusammenarbeit mit den Laien hin. Dieses Konkurrieren ist richtig schlecht für die Kirche. Die Kirche hat noch einen langen Weg vor sich, und wir müssen die Art und Weise ändern, wie wir die Dinge angehen. Wir müssen den Reichtum der Laien besser werten und schätzen. Kirche, das sind nicht nur die Priester, das ist nicht nur Predigt und Lehre, Kirche sind die Menschen, und wenn wir den Menschen nicht erlauben, ihre Gaben mit uns zu teilen, dann töten wir die Zukunft der Kirche.“

Wie kann die Kirche zur Freundin der Jugend werden?

Die Kirche bereitet die Jugendsynode im Oktober vor – eine Synode, die wenige Wochen nach dem 50. Todestag von Pater Kentenich stattfindet und mit dem 100.Todestag von Josef Engling zusammenfällt. Eine Botschaft für uns?

„Meiner Erfahrung nach denken junge Menschen, dass sie in der Kirche keinen Platz haben. Wir hören den Jugendlichen nicht zu. Jugendliche stehen vor vielen Herausforderungen, aber statt ihnen zuzuhören, bringen wir ihnen noch mehr Regeln und sagen ihnen, was sie zu tun haben. Aber wir hören ihnen nicht zu.“

„Die Kirche allgemein und auch Schönstatt müssen sich fragen: Was brauchen Jugendliche? Wie können wir ihnen helfen?“, so Pfr. Ludwe. „In Südafrika verlieren wir viele Jugendliche wegen AIDS. Und viele von ihnen reden nicht darüber aus Angst, verurteilt zu werden.

Wir haben ein riesiges Drogenproblem, und die Jugendlichen sprechen nicht darüber aus Angst, verurteilt zu werden. Sie sehen die Kirche nicht als Werkzeug ihrer Heilung. Sie sehen die Kirche nicht als Freundin. Sie finden keine Freude in der Kirche.“

Ein Schönstattpriester im Dienst der Jugend

Was kann ein Schönstattpriester in einer Pfarrei für Jugendliche tun, ausgehend von Pater Kentenichs Vision, vom Bündnis aus, damit junge Menschen die Kirche als Freundin erleben?

Pfr. Ludwe lacht und sagt lakonisch: „Zeit. Ich gebe ihnen Zeit, meine Zeit. Ich spiele mit ihnen, feiere mit ihnen, höre ihnen zu, ohne zu verurteilen. Wenn ich sehe, dass sie nicht in die Messe kommen, dann gehe ich heraus zu ihnen. Und wenn sie in die Messe kommen, dann mache ich klar, dass ich sie wahrnehme. Dann schaue ich, dass sie sich ins Leben der Kirche einbringen, mit Rollen beim Kreuzweg, bei der Passion oder egal wo, und mache dann immer ein großes Bohei daraus.“

Zum Jahresende -will heißen, in den Sommerferien Südafrikas – hätte er eigentlich mit ihnen bei einem dreitägigen Lager sein sollen, doch dieses Jahr ging das nicht, weil er um diese Zeit in Deutschland war. Inzwischen längst wieder in Südafrika, war das erste, was er getan hat, eine Unternehmung mit der Pfarrjugend.

„Ich mache Spaß mit ihnen, verurteile ihre Fehler nicht und zeige, dass ich sehr gerne mit ihnen zusammen bin. Und ich frage sie nicht nur nach Sachen von Kirche und Glaube, sondern interessiere mich für ihr soziales Leben, die Schule, die Uni.“ Er lächelt. „Ich bin einfach ihr Freund, so wie Pater Kentenich der Freund seiner Jungen war. Und das ist II. Vatikanisches Konzil.“

 

 

Das Interview führte María Fischer.


Original: Englisch, 7.2.2018. Übersetzung: Maria Fischer, schoenstatt.org

 

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