Veröffentlicht am 26. Dezember 2017 In Schönstätter

„Man ist immer Pionier“

Zum 90. Geburtstag von Paul M. Rothgerber, Maria Fischer •

Roberto Gonzáles empfängt mich an der Tür des Mario-Hiriart-Hauses, des Zentralhauses des Säkularinstituts der Schönstätter Marienbrüder, an diesem dunklen Adventabend, doch es geht nicht auf direktem Weg hinein, sondern zunächst in den Laden der Goldschmiede: In allen Größen und Materialien gibt es dort diese kostbaren Symbole, in denen die Wertwelt Schönstatts Form und Gestalt angenommen hat und die heute in aller Herren Länder von Liebesbündnis und Bündniskultur sprechen: schönstättische „Streuartikel“ wie Medaillen, Kreuz der Einheit, Kronen, und dann auch die einzigartigen großen Kunstwerke: Monstranzen, Kelche, Tabernakel, Altargestaltungen… Das alles trägt seine Spuren. Die Spuren eines Pioniers, der in dem verwinkelten Gebäude der „Alten Goldschmiede“ angefangen und dann später hier in der neuen Goldschmiede weitergemacht hat mit seinem Beruf und seiner Berufung als Goldschmied: Paul M. Rothgerber, der am 6. Dezember 90 Jahre alt geworden ist.

Mit leuchtenden Augen und einem Lächeln purer Freude begrüßt er uns, hellwach und hocherfreut über das angekündigte Interview. Meinen „Eisbrecher“ hätte ich mir sparen können, denke ich noch, dieser Mann brennt darauf, seine Geschichte und seine Geschichten zu erzählen, doch dann ist die vorbereitete Einstiegsfrage doch heraus: „Sie sind doch aus dem Jungmännerbund gekommen, Herr Rothgerber, aus dem ersten Kurs? Sie sind ein Pionier des Vaters?“

Es geht um die Berufung zu Schönstatt

Ein Leuchten geht über das Gesicht von Paul M. Rothgerber, und dann sprudelt es nur so aus ihm heraus, von den Neujahrstagungen, dem Ideal „Pioniere des Vaters“ und dem Symbol von damals, dem Spaten, den er immer noch hat. So fühlt sich erste Liebe an.

Achtzehn Jahre war er alt, als er aus dem Zweiten Weltkrieg nach Hause kam und P. Alex Menningen begann, die verstreuten jungen Männer zu sammeln, die nach furchtbaren Erfahrungen im Krieg die Schönstattjugend neu aufbauen und ihre Berufung zu Schönstatt vertiefen wollten, jene Berufung, die den Kriegserlebnissen standgehalten und sie durch Schwerstes hindurchgetragen hatte.

„Pater Menningen leitete die Kandidatur zum Jungmännerbund“, so Paul M. Rothgerber. „Das war etwas ganz Besonderes, eine Stufe in der gesunden Entwicklung von der Jugend aus. Eine gesunde organische Entwicklung.“  Unter den Jugendlichen wurden zunächst Gruppenleiter für den Neuaufbau der Schönstattjugend gesucht und ausgebildet, und dabei, so erzählt der Jubilar mit einem jugendlichen Strahlen in den Augen, „spürte man dann heraus, dass bei dem einen oder anderen eine weitere Stufe dran war, dass da eine besonders starke Entscheidung war, sich ganz für Schönstatt einzusetzen. Und da kam dann der Bund ins Spiel als eine ganz organische weitere Entfaltung der Berufung.“ Und vielleicht bringt mein erstaunter Blick ihn dazu, nochmal nachzulegen: „Das war eine gesunde organische Berufungsentwicklung, von der Pike auf zu einem Stil des ganzen Einsatzes in und für Schönstatt. Heute ist das alles so sprunghaft, man geht dahin und dahin und auf einmal entscheidet man sich für eine Gliederung oder entscheidet sich auch nicht. Bei uns war das damals organischer, ganz von der Berufung zu Schönstatt her, und jeder Schritt war die Vertiefung einer Entscheidung, von der ersten Weihe an die Gottesmutter her.“

Seine Weihe an die Gottesmutter, sein Liebesbündnis, das war am 8. Dezember 1944 unter der Bettdecke, heimlich, in einer Kaserne in Dänemark. An diesem Tag schlossen die Freunde aus der Schönstattgruppe in Waldstetten ihr Liebesbündnis, und wer nicht vor Ort dabei war, schloss sich aus der Ferne ein. „Das war damals einfach ernst, man hat sein Weihegebet eingeschickt und damit die Entscheidung besiegelt. Im Anfang steckt eigentlich alles drin, was nachher geworden ist und sich in der Praxis, im Alltag, in den Kriegsereignissen bewährt hat. Der Jungmännerbund, die Entscheidung zum Bund, das war die Vertiefung einer Entscheidung, die vom Krieg geprägt war und so eine Reife des Vollzugs mit sich brachte.“

Das Interview mit einem Neunzigjährigen wird zum Beitrag zur Jugendsynode über Glaube, Berufung, Unterscheidung.

6. Dezember 2017, Feier des 90. Geburtstags

Wie war denn die Gründung des Jungmännerbundes? Woran haben Sie sich orientiert?

Der Anfang ist apostolisch und findet 1946 statt. Es geht um Pionierarbeit. „Wir mussten die ganze Jugendarbeit neu organisieren, alle, die führend waren, sammeln, die Zeitschrift neu starten – und dabei wurde es klar, es geht um mehr. Wir brauchen und wir wollen mehr.“ Es begann die Kandidatur („eine großartige Zeit, aus der man ein ganzes Leben leben kann“), es begann der Kontakt mit dem Kreis an der Hochschule der Pallottiner um einen Pater Monnerjahn, einen Pater Mosbach… Pater Menningen führt die jungen Männer tiefer, „und im Hintergrund war da in Schönstatt natürlich der Pater Kentenich.“

Die Werte des Bundes faszinieren diese jungen Männer. „Die Kandidatur war eine Selbstfindung als Mensch, als Schönstätter, eine organische Vorbereitung auf den nächsten Schritt, die Berufung zu einer konkreten Lebensform in Schönstatt. Bei mir reifte in dieser Zeit die Berufung zu den Marienbrüdern. Aber das Entscheidende war diese Generation des Bundes. Als junger Mensch muss man sich ja erst finden und anfangen, sein Leben aus Schönstatt zu gestalten.“

Wie war das bei Ihnen persönlich?

„Ich habe Schönstatt schon vor dem Kriegseinsatz kennengelernt. Dann kam der Kriegseinsatz, die Weihe 1944, und nach dem Krieg die Gewissheit: Jetzt will ich ganz für Schönstatt da sein.“

Schon 1945 kommt der Achtzehnjährige nach Schönstatt, macht seine ersten Exerzitien bei Pallottinerpater Distelkamp. Dann beginnt im Jahr 1947 die Kandidatur im Jungmännerbund. Und noch einmal: „Da ging es um mein inneres Ziel, mich ganz für Schönstatt einzusetzen und Schritte weiterzugehen, nicht stehenzubleiben.“

Wie kommt dann eine Berufung zu den Marienbrüdern zustande?

„Ich habe dann gehört, dass es die Marienbrüder gibt“, sagt Paul M. Rothgerber. „Innerlich wollte ich einfach den Weg der Berufung zu Schönstatt gehen, zuerst in der Kandidatur zum Jungmännerbund, und dann organisch weiter, Schritt für Schritt. Ich habe die Schönstattjugend aufgebaut, Gruppen besucht, mit den jungen Leuten geredet, ihre Anliegen aufgenommen. Man wird geführt, da ist dann eine Kraft, und man geht vertrauensselig an Dinge heran, die man sonst nie gemacht hätte…“

Dann gibt es einen jungen Mann, der sich für die Marienbrüder entscheidet, und dieser junge Mann beeindruckt den jungen Paul M. Rothgerber, und er tastet sich in diese Lebensform hinein – ist aber noch lange Zeit beim Jungmännerbund, zusammen mit den anderen, die sich nach und nach entscheiden, für das Priestertum, für den Familienbund, für die Marienbrüder … und immer für ein „ganz Schönstatt“.

Und all das spielt sich ab in einer Zeit, in der der Schönstatt kirchlich geprüft, der Gründer schließlich ins Exil geschickt und die Existenz des Werkes auf dem Spiel steht. „Ich wollte mich ganz für Schönstatt einsetzen.“ Da wackelt nichts, in keinem Moment.

6.12.2017, Feier des 90. Geburtstags

„Pater Kentenich war ein ganz schlichter Mann“

Schon in der Zeit des Jungmännerbundes, also vor 1951, habe er Pater Kentenich kennengelernt, betont Paul M. Rothgerber. „Im Vordergrund war Pater Menningen für uns, Pater Kentenich hat sich mehr zurückgehalten. Er hat uns manchmal gefragt, wie es uns geht, und hat uns machen lassen.“ Wie war das genau? „Die Ausbildung in der Kandidatur, das war Sache von Pater Menningen. Aber wir haben immer wieder einmal mit Pater Kentenich rund um den Tisch gesessen, haben ihm Fragen gestellt, und er hat sich mehr nach uns persönlich erkundigt. Wissen Sie, das war ganz anders, der Pater Kentenich war ein ganz schlichter Mann.“

Ein Sprung in der Zeit, nach seiner Rückkehr aus dem Exil: „Pater Kentenich wollte eine Woche mit uns Marienbrüdern leben, wir haben ihn bei uns aufgenommen, er wollte das kleinste und engste Zimmer haben. Heute denke ich, er hatte große Pläne, die er mit uns besprechen wollte, doch wir waren so voll mit kleinen Problemen und Fragen, dass er dann eben zu uns heruntergestiegen ist in diese Kleinigkeiten. Er hatte eine große Zukunftsvision und hat sich dann in unsere Enge begeben.

Enge, das war nicht nur im Denken, sondern Enge war auch damals in unserem Haus. Er sagte: Sie müssen bauen. Das ist hier alles zu eng und zu laut.“

Hat er sich auch für Ihre Arbeit interessiert? „Und wie! Schon 1965 in Rom und dann in Schönstatt hat er nach meiner Arbeit gefragt. Ja, interessiert Sie das denn alles?, habe ich ihn gefragt.“ Und Pater Kentenich habe sich tatsächlich interessiert. „Er wollte die konkreten beruflichen Details wissen, wie ich Aufträge bekommen, wie der Kundendialog abläuft, was an Arbeit dahintersteckt, bis etwas Gestalt annimmt, was für Werkzeuge ich benutze. Er hat sich wirklich dafür interessiert.“

„Es ist nicht meine Sendung, die Eitelkeit der Frau zu unterstützen!“

Stichwort Beruf, da wollte ich eigentlich gleich zu Anfang hin. Wer Paul M. Rothgerber sagt, sagt Kronen, Vatersymbole, Monstranzen, Kreuzwege… Wer Paul M. Rothgerber sagt, sagt Goldschmiede der Schönstätter Marienbrüder. Wie kam es dazu, wie kam es ausgerechnet zu einer Goldschmiede?

Als er sich für die Gemeinschaft der Marienbrüder entschied, hatte Paul M. Rothgerber bereits eine Ausbildung zum Goldschmied gemacht. Pater Menningen, so berichtet er, habe damals einfach auf die Berufe der ersten Kandidaten geschaut und gefragt, was man daraus machen könne. „Ich kam von der Schmuckgestaltung her und habe dem Pater Menningen rundweg gesagt: Nein, es ist nicht meine Sendung, die Eitelkeit der Frau zu unterstützen!“ Pater Menningen habe ihm dann gezeigt, dass da mehr dahinterstehe, dass es darum gehen könnte, die Wertwelt Schönstatts in Symbolen zu gestalten. „Aber er musste mehrmals fragen, weil ich eigentlich wirklich nicht wollte. Schließlich sagte er richtig bittend: Paul, willst du das nicht machen?“ Da habe er sich entschieden und dann aber direkt nach dem Noviziat weitergelernt mit dem Schwerpunkt Sakralkunst und dem Erwerb der verschiedenen Fertigkeiten im Umgang mit unterschiedlichen Werkzeugen. Für seine Meisterprüfung 1953 fertigte er eine Monstranz an, die heute in der Hauskapelle des Mario-Hiriart-Hauses steht. Sie zeigt Maria als Christusträgerin. Im Wintersemester 1952 begann er an der Fachschule mit der Emaillearbeit, im Frühjahr 1953 in der Werkstatt Hockenmaier folgte die weitere Ausführung und Vollendung des Werkes. Ein tief weihnachtliches Motiv.

In aller Schlichtheit erzählt Herr Rothgerber, wie er sich langsam hineinarbeiten musste in die Gestaltung der Schönstattwertwelt. Die erste Krone, gibt er zu, war noch sehr theoretisch und von der parallel laufenden theologischen Ausbildung geprägt. „Da wollte ich zeigen, was ich gelernt habe!“ Erst langsam sei er hineingewachsen in eine spezifischere Schönstatt-Darstellung.

Was wäre Schönstatt arm ohne diesen Mann, der seinen Beruf als Goldschmied in den Dienst Schönstatts gestellt hat.

„Du wirst uns die Berufe senden“, zitiere ich aus Himmelwärts und erkläre, dass ich das wörtlich nehme, nicht also nur im Sinne von Berufung, sondern von Berufen. Wir denken fast im selben Moment an ein Wort des verstorbenen Marienbruders Hermann Arendes, vor vielen Jahren bei einer Tagung für berufstätige Frauen. „Wenn alle Schönstätter Priester, Patoralreferenten oder Krankenschwester werden wollen, dann können wir es gleich lassen mit der Weltgestaltung. Wir brauchen die Berufe, die die Welt gestalten, Schmiede, Förster, Ingenieure, Journalisten, Chemiker, Monteure…“

Selbstloser Dienst am fremden Leben

Ich weiß die Antwort längst, weil es auch die Antwort auf die Frage nach „schönstättischem Journalismus“ ist, doch ich muss sie stellen: „Was macht denn das Schönstättische an einem Goldschmied aus?“

„Das Gespräch mit den Kunden, das Hören auf das, was sie wollen, was sie bewegt. Die Kunden wollen und sollen im fertigen Werk sich finden und nicht den Goldschmied. Sie bringen einem oft Kleinobjekte mit, die ihnen kostbar sind und die sie eingearbeitet haben möchten. Man muss zuhören, interessiert zuhören, offen, weckend…“ Roberto und ich schauen uns an. „Selbstloser Dienst am fremden Leben.“

Jetzt müsste eigentlich tagelang Zeit sein, um die vielen verschiedenen Kronen anzuschauen, die Rothgerber so gestaltet hat. Hinter jeder Krone steht ein Mensch, eine Geschichte, eine Gemeinschaft, viele Geschichten. Genauso hinter den Vater- und Dreifaltigkeitssymbolen, den Kelchen… In jedem Symbol ist die Gestaltungskraft des Liebesbündnisses, jedes Symbol ist gestaltgewordene Strömung, gestaltgewordenes Leben. „Wenn man das sagen kann, ja, dann ist der Beruf Berufung“, sagt Paul M. Rothgerber. „Das war das, was Pater Kentenich interessiert hat an meiner Arbeit, wie das geht, dieses Einlassen auf den Kunden, wie das geht, dass am Ende ein Symbol da ist und der Kunde sagt: Das sind wir.“

„Das hat etwas mit Ehrfurcht zu tun“, sagt er. „Die Kunden geben ja etwas von ihrem Intimsten preis, so etwas darf man dann nicht oberflächlich machen. Und sicher, wenn man selbst in dieser Wertwelt lebt, dann ist das einfacher. Wenn man die Strömungsvorgänge in Schönstatt von Grund auf mitgetragen hat, das macht dann viel aus.“

Und wie oft hat er Entwürfe und Ideen mit ins Heiligtum genommen und „die Arbeit mit dem Himmel vernetzt.“

„Ja“, sagt er, „und es hat sich ja auch etwas bewegt und verändert in all den Jahrzehnten.“ Und dann ist es wieder da, dieses Strahlen. „Man ist immer Pionier.“

Ein wunderbares Schlusswort.

 

Doch allein unter Männern treibt mich die Bemerkung vom Schmuck der Frauen doch noch um.

Paul M. Rothgerber lacht. „Dazu hat der Pater Kentenich mir etwas gesagt: ‚Auch das sei wichtig, die Frau will sich schmücken, und das ist ein Wert, den man unterstützen darf.‘“

 

Klosterwerkstatt Schönstätter Marienbrüder

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