Veröffentlicht am 13. September 2017 In Projekte, Schönstätter, Werke der Barmherzigkeit

Liebe mitgeben, die über den Mittag reicht

Interview mit Matthias Groß, Deutschland, freiwilliger Helfer in der Casa del Niño en Villa Ballester •

Matthias Groß war von August 2016 bis August 2017 freiwilliger Helfer in der Casa del Niño in Gran Buenos Aires. Die Casa befindet sich in der Nähe des Schönstatt-Heiligtums im Stadtviertel Villa Ballester und ist ein Projekt der dortigen Schönstattfamilie, getragen vor allem vom Familienbund und der Kampagne der Pilgernden Gottesmutter.

Pater Kentenich besuchte Villa Ballester einst, weil dort viele ausgewanderte Deutsche nach dem Zweiten Weltkrieg Wohnung fanden. Hier ist ein Ort der Gründung Schönstatts in Argentinien, hier hielt Pater Kentenich mehrere Vorträge, hier entstand  bei Familie Vallendor der Vorläufer des Hausheiligtums, und hier steht diese Kindertagesstätte für Kinder aus der angrenzenden „villa“, wie in Argentinien die Elendsviertel heißen, und die Ausländer (und eben auch deutsche Freiwillige) nur in Begleitung betreten sollten. Denn die Beschaffungskriminalität in der Villa  lässt keinen Fremden auch Tags sicher über durch die engen, schmutzigen Straßen gehen. „Vom Heiligtum aus zu den Armen“, diesen Satz von Joao Pozzobon lebt die Schönstattfamilie von Villa Ballester sehr konkret. Pater Horacio Sosa (+ 2007) sprach bei den Sozialtagungen der argentinischen Schönstatt-Bewegung immer davon, dass Pater Kentenich sich bei jedem Schönstatt-Heiligtum nicht nur ein Schulungszentrum, sondern auch ein Haus des sozialen Engagements wünschte. In Villa Ballester ist das so.

Bei seinem Besuch in Südamerika im Juni 2017 führte Pater Hans-Martin Samietz aus Deutschland, der auch diesen Austausch ermöglicht hatte, ein Interview mit Matthias Groß durch. Es zeugt von tiefer Verbundenheit mit den Erzieherinnen und Kindern in der Casa. Die Schönstatt-Bewegung in Ballester schenkt den Kindern und ihren Familien, die in dem benachbarten Elendsviertel groß werden, durch dieses Projekt eine Ahnung von Zuneigung. Auch wenn zu vermuten ist, dass der allergrößte Teil der Kinder, die die Casa besuchen, auch später in ihrem Herkunftsviertel „kleben“ bleiben wird, so kennen sie durch die Casa einige Menschen außerhalb ihres Viertels, die ihnen wohl wollen. Das könnte irgendwann mal für einen Menschen dort zum Ausstieg aus der Missachtung reichen … und warum nicht, zur Umgestaltung dieses Viertels.

PHM: Ins Ausland zu gehen war ja ein länger gehegter Wunsch für dich. Wie kam das für dich überhaupt in den Fokus?

Mir hat es immer schon gefallen, irgendwie, diese Idee, nach dem Abitur die Zeit zu nutzen. Und generell wusste ich auch nicht wirklich, was ich danach machen will. Und das war es dann: eine neue Kultur kennenzulernen. Ich hatte ja schon mehr oder weniger einen Zugang zu Südamerika. Ich habe ein bisschen in die Kultur reingespickelt über meine Freundin und ihre Familie. Und auch generell – spanisch! Spanische Musik hat mir total gefallen und habe ich viel gehört. Und dann war eigentlich der Kontinent schon relativ klar. Aber ich glaube,  am Anfang war der Plan eher so – ein halbes Jahr, weil irgendwie ein Jahr hat sich lang angehört. Aber im Nachhinein bin ich froh, dass es nicht nur ein halbes Jahr war. Nach einem halben Jahr kommt man eigentlich erst so richtig an, ist im Alltag drin und lebt mit. Das zweite halbe Jahr ist viel intensiver als das erste, zumindest geht das mir so.

An welchem Punkt jetzt genau die Entscheidung gefallen ist, dass ich da ein Auslandsjahr mache, weiß ich nicht mehr. Ich habe viele Kumpels, die auch im Ausland waren und da nur positiv darüber erzählt haben.

PHM: Manche Organisationen machen es zwei Jahre. Würdest du zwei Jahre machen. Oder hättest du es damals mit dem Wissen von heute auf zwei Jahre ausgelegt?

Mit dem Wissen vorher hätte ich es nicht auf zwei Jahre ausgelegt. Es käme ein bisschen drauf an… Wenn ich jetzt z.B. nicht mit meiner Freundin zusammen wäre, dann könnte ich mir das vorstellen. Jetzt am Ende von dem Jahr ist es halt einerseits so, ich habe schon Lust heimzugehen, aber theoretisch wäre es perfekt, wenn ich irgendwie kurz heim könnte und dann noch mal hier hin gehe. Einfach nur um eine kleine Pause zu haben. Weil es gefällt mir halt echt extrem gut hier. Zusätzlich kommt halt auch so der Wunsch, doch mal wieder die alten Freunde zu sehen, einfach so den Alltag daheim wieder zu haben.

PHM: Was vermisst du am meisten?

MG: Hm… Es gibt einige Sachen. Es sind nicht mal so große Sachen. Die deutsche Art ist schon in vielen Sachen deutlich organisierter und deutlich einfacher zu leben, weil man es halt gewohnt ist. Dann klar das Essen ist hier zwar genial, aber trotzdem, so Sachen wie Döner oder das deutsche Bier sind halt schon schwer zu toppen (lacht). Das wird so eine der ersten Sachen sein, die ich wieder esse, wenn ich in Deutschland bin.

Sonst halt, klar, meine Freundin vermisse ich, meine Familie, auch meine Sachen, die ich so in meinem Zimmer habe, einfach so meinen Bereich zu haben.

(überlegt)

Und generell mehr Möglichkeiten zu haben: Mir ging es so in unserem Haus, wo meine Eltern wohnen, da habe ich so viele Möglichkeiten. Mir macht es z.B. Spaß irgendwelche Sachen zu bauen, oder kreativ zu sein und so ein Zeug. Und das ist hier halt schwierig, weil ich halt keine Materialien da hab, aus denen ich was machen kann, keine Werkzeuge, kein so Zeug. Und ja, da freue ich mich darauf, einfach wieder die Möglichkeiten zu haben.

PHM: Und was würdest du sagen, hast du für dich gewonnen, durch das Jahr?

Das ist so quasi – DIE Frage – (lacht).

PHM: DIE Frage! (lache) Warum bist du gerne hier? Vielleicht ist die leichter zu beantworten.

Ja, die ist leichter zu beantworten. Also ich bin wirklich extrem gerne hier. Der Arbeitsalltag macht mir unglaublich viel Spaß, weil wir ein wahnsinnig nettes und herzliches Team in der Casa del Niño haben, mit dem es total Spaß macht zu arbeiten. Es war eigentlich schon sehr schnell ein Arbeiten auf einer freundschaftlichen Ebene, und es wird auch echt schwer, das hinter mir zu lassen. Die Arbeit mit den Kindern ist auch echt schön und macht total Spaß, und man kann ein bisschen von dem teilen, was man kann. Auch wenn Gitarrenunterricht geben, auf Spanisch ohne große Spanischkenntnisse,  am Anfang echt ähm … interessant ist (lacht).

Dann haben wir wahnsinnig gute Freunde hier um die Ecke. Außerdem ein total tolles Ehepaar, unsere Mentorin und ihr Mann, die immer für uns da sind, die sind ein perfekter Rückhalt. Mit der Kultur ich habe mich mittlerweile auch schon total angefreundet, Mate trinken und sonntags Asado bei den Kumpels, das ist einfach ein Teil von meinem Alltag geworden. Und das will ich nicht missen. Das sind einige von den Gründen, warum ich gerne hier bin.

PHM: Beschreibe doch mal aus deiner Sicht das Projekt, in dem du arbeitest.

Die Casa del Niño ist ein Hort, eine Vormittagsbetreuung, für Kinder, die aus der angrenzenden Villa – das ist der Begriff im Argentinischen für Ghetto oder Elendsviertel – zu uns in die Casa del Niño kommen und dort Frühstück kriegen, danach ist (Hausaufgaben-)Betreuung oder Workshops, und mittags eben Mittagessen, damit sie dann danach in die Schule gehen.

Und wichtig ist auch noch zu sagen, die Kinder kriegen in der Casa nicht nur Essen für sich, sondern auch das Essen für ihre Familie, dass am Mittag oder am Abend halt die ganze Familie noch etwas zu essen hat. Das heißt, die ungefähre Reichweite an Personen von der Casa del Nino ist 100 Personen plus.

Wir Volontäre sind dafür zuständig, dass wir den Kindern bei den Hausaufgaben helfen, unsere Workshops machen (Gitarre und Werkstatt) und der Köchin in der Küche helfen. Dann natürlich Sachen, die einfach so täglich anstehen: wenn irgendwelche Lebensmittellieferungen oder Kleiderspenden kommen, dass wir da mithelfen einzuräumen, das Lager um- und aufräumen, sowas halt. Es sind nämlich nur Frauen, die dort betreuen, das heißt, einfach schon allein junge Männer, die tragen können oder einfach schwere Sachen machen können, ist schon praktisch.

Außerdem gebe ich wie erwähnt dienstags Gitarrenunterricht. Das habe ich am Anfang vom Jahr angefangen, weil durch die vier Gitarren im Projekt die Möglichkeit da war. Ich dachte, das ist doch eine schöne Sache, das denen mitzugeben. Und Pablo, der andere Freiwillige, ist in der Schreinerei tätig und arbeitet da mit den Kindern zweimal in der Woche, bastelt Puzzles, kleine Sachen aus Holz für die Mütter – was noch? – Kleiderhaken, so Zeug, einfach so kleine Sachen, die man in ein, zwei Stunden fertigmachen kann, die auch die Kinder mit ihren Möglichkeiten sägen oder herstellen können.

Die einzige Sache an der Casa ist, dass es kein ich sag mal „Treppenprojekt“ ist, um den Kindern rauszuhelfen, sondern eher eine Parallelwelt bildet. Das ist zwar total schön, aber die Frage ist, wieviel Prozent von denen, die kommen, enden später nicht mal wie die Eltern. Das ist der Teil, der mich irgendwie schmerzt. Bei den Kindern ist so viel Potential vorhanden und so viel Lust, was zu machen, aber allein durch die Wohnlage, durch die Gesellschaftssituation in dem Viertel ist es halt echt verdammt schwierig, da irgendwie rauszukommen. Und die Casa hat einfach nicht die personellen und finanziellen Mittel, ein umfassenderes „Treppenprojekt“ daraus zu machen.

PHM: Warum ist deine Arbeit sinnvoll? Gibt es Zweifel, dass es sinnvoll ist?

Ne, auf keinen Fall, also ich habe nie daran gezweifelt, dass diese Institution sinnvoll ist. Schon allein, weil die Kinder dort Essen kriegen. Und wenn es auch nur, was ich nicht glaub, ein Tropfen auf den heißen Stein ist, dann ist es immerhin ein Tropfen. Und ich sag mal, die Kinder sind wenigstens in der Zeit von drei bis 14 Jahren aus den Strukturen der Villa teilweise raus und haben wenigstens mal gesehen, dass es einen Ausweg gäbe. Dass es eine andere Welt gibt, außerhalb von ihrem Barrio, dem Drogensumpf und der Gewalt. Und sie lernen zum Teil auch Schönstattpädagogik und genießen dort eine vernünftige Erziehung und die Vermittlung von grundlegenden christlichen und moralischen Werten. Ich würde schon sagen, dass das schon auch Erziehungsarbeit ist, die geleistet wird, moralische Grundsätze, man entschuldigt sich, man sagt „Danke“, „Bitte“, so völlig normale Sachen, die in ihrem Umfeld eben nicht gegeben sind. Das lernen die (hoffentlich) in der Casa. Das ist in jedem Fall schon ein großer Schritt. Das Projekt ist auf jeden Fall sinnvoll.

PHM: Was hast du an Schönstattpädagogik in der Casa erkannt?

Der Kindergarten wird z.B. durch die Montessori-Pädagogik geleitet, wo ja auch ein Teil der Schönstatt-Pädagogik drin verankert ist, sage ich mal. Dann die, Maestras, also die Lehrerinnen oder die Betreuerinnen sind, ich glaub alle, aber auf jeden Fall die meisten, bei Schönstatt und leben das auch in der Casa.

Letztes Mal beim Team-Meeting waren wir auch dabei, und da wurde halt nochmal deutlich gesagt, dass eigentlich der große Sinn dieser Casa ist, den Kindern Liebe zu geben, einfach nur für sie da zu sein und jeden Wunsch zu erfüllen. Einfach das Gegenteil von dem zu sein, was sie normal erfahren, dass sie abgestoßen werden und zurückgewiesen werden und so was. Darum hat Laura (die Chefin) uns damals angehalten, die Kinder nicht wirklich zu schimpfen, sondern immer positiv zu sein, immer positives Feedback zu geben. Das schien mir am Anfang übertrieben. Aber ich habe es irgendwann dann so verstanden, dass da immer so die Offene-Arme-Mentalität da ist.

Ich glaub das ist so: wir geben ihnen einfach so viel Liebe, dass es für den Mittag gleich noch mit reicht (lacht). Das ist die Denkweise dahinter. Und das ist schon schön zu sehen. Und das ist ja auch, was in Schönstatt und der Schönstattpädagogik so drinsteckt, einfach die Kinder so zu lieben, und die Kinder so anzunehmen, wie sie sind. Ist schon schön zu sehen.

PHM: Wie würde die Casa laufen ohne euch Volontäre? Was wäre anders? Was würde vielleicht gar nicht auffallen?

Also gut, es würde auf jedem Fall nicht das Angebot Gitarre und Schreinerei geben. Das ist klar. Womit schon viel wegfallen würde einfach so an zusätzlichen Sachen. Ich glaube, die Grundstruktur würde mehr oder weniger holprig weiterlaufen, aber es wäre halt viel schwieriger.

Die logistischen Sachen wären nicht so einfach. Und jetzt gibt es gerade mehr oder weniger eine Sondersituation, weil eine Lehrerin oder Betreuerin eben seit einigen Monaten krankgeschrieben ist. Und das springen wir schon auch des Öfteren ein und fangen das auf, was an Arbeit zusätzlich halt auf das wenigere Personal dann verteilt werden müsste. Da sind wir sicher auch eine Hilfe.

Und ich glaube auch, die Tatsache, dass  Jungs in die Casa kommen, als Volontäre über das Programm „mein-Weg“ ist ein großes Plus, weil die Kinder halt echt ein sehr verstörtes Vaterbild oder Männerbild generell, durch Brüder, Onkels und so, von daheim mitkriegen. Wir leisten da schon Pionierarbeit, zu zeigen, was eigentlich ein großer Bruder ist. Oder für die Kinder aus dem Kindergarten sind wir teilweise schon auch Vaterfigur. Wir zeigen ihnen, was da eigentlich so normalerweise für eine Figur, so eine männliche Leitfigur da sein könnte. Das kennen viele nicht.

PHM: Wenn du selber ein Abschiedsgeschenk machen könntest in der Schreinerei oder einer anderen Werkstatt, was wäre das denn, was du herstellen würdest für die Casa?

Für die komplette Casa?

PHM: Ja.

Oh, Gott, ich bin richtig schlecht im Mitbringsel und Geschenke machen.

(überlegt)

Weiß nicht, irgendwas Nützliches,  womit die Kinder Spaß haben, irgendeine Erinnerung oder mit dem sie das weiterführen können, was wir angefangen haben.

(überlegt)

Zum Beispiel der Gitarrenunterricht schätz ich jetzt mal, dass der jetzt aufhört, nachdem ich weg bin.

(überlegt)

Ja, wenn ich könnte, würde ich glaube ich Gitarren bauen, die ich den Kindern mitgeben könnte. Wir dürfen die Gitarren hier den Kindern nicht mitgeben. Wir haben vier Stück und die gehören halt der Casa. Und es ist halt mehr oder weniger klar, dass durch irgendwelche Menschen diese Gitarren nicht mehr auftauchen würden, wenn wir sie einmal mitgeben, weil die eben keinen privaten Platz oder einen privaten Raum haben, wo sie das einschließen könnten. Ohne eigene Gitarre zuhause üben sie halt nur einmal in der Woche eine halbe Stunde in der Casa. Und da ist halt der Fortschritt minimal. Und ich glaube Musik ist schon echt wichtig. Also für mich ist Musik extrem wichtig, und ich könnte mir auch vorstellen, dass viele Kinder, die, wenn sie die Möglichkeit hätten, ein Instrument regelmäßig zu spielen, sich so was Eigenes einfach schaffen würden, das sie abgrenzt, das ein bisschen Persönlichkeit schafft. Also so geht es mir halt, dass es dann nicht nur irgendwie Musik ist, so, ich spiel jetzt ein Instrument, sondern dass es irgendwie auch so ein Werkzeug ist, was auszudrücken. Wenn ich könnte, dann würde ich denen einfach Gitarren machen oder kleine Ukulelen, weil das einfacher zu spielen ist.

PHM: Ich glaube du hast noch viel zu sagen, aber wir machen hier mal einen Punkt. Vielen Dank!

Ok, ja gar kein Problem!

 

Nähere Informationen und Berichte über mein-weg.org und facebook.com/MeinWeg.schoenstatt oder bei  Pater Hans-Martin Samietz 0 151 58 50 11 92.

Wenn Sie die Casa del Niño unterstützen möchten – einfach hier über den Spendenbutton per Kreditkarte, Lastschrift oder PayPal.

Man muss genau gucken, wie viele am Tisch sitzen, damit alle etwas zu essen kriegen

Casa del Niño “María de Nazaret”, Villa Ballester, Argentinien

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