Veröffentlicht am 23. Dezember 2016 In Kentenich

Wir müssen verzichten auf ein Bild unseres Gründers, wo alles vollkommen ist

Redaktion •

„Es freut mich sehr, dass Ihnen das Interview gefallen hat“, so die Reaktion von Pater Ángel Strada auf den Glückwunsch seitens der Redaktion von schoenstatt.org auf das auf der Seite der deutschen Schönstatt-Bewegung (www.schoenstatt.de) anlässlich des bevorstehenden Wechsels des Postulators im Seligsprechungsprozess für Pater Kentenich veröffentlichten Interviews.

Gerne veröffentlichen wir dieses Interview auch auf schoenstatt.org.

 

Pater Strada, Sie werden das Amt des Postulators im Seligsprechungsprozess von Pater Josef Kentenich Anfang 2017 an Pater Eduardo Aguirre weitergeben. Seit wann hatten Sie sich denn für diese Aufgabe eingesetzt?

2Pater Strada: Ich bin im Jahr 1984 nach Deutschland gekommen, und meine erste Aufgabe war Rektor des Josef-Kentenich-Kollegs in Münster. Ich war acht Jahre dort. Danach wurde ich 1992 in die Familienleitung gewählt, und seitdem bin ich hier. Als ich Mitglied der Generalleitung war, wurde ich am 20. Januar 1997 als Postulator eingesetzt. Im Januar 2017 sind es also exakt 20 Jahre in dieser Aufgabe.

Wenn Sie an den Anfang denken, welches ist der stärkste Eindruck, den sie von der Übernahme dieser Aufgabe vom damaligen ersten Postulator oder des Seligsprechungsprozesses, Pater Engelbert Monnerjahn, haben?

Pater Strada: Die Übernahme musste ganz schnell erfolgen. Ich konnte mit Pater Monnerjahn nur zwei oder dreimal sprechen. Schon im September 1997 ist er verstorben. Selbstverständlich hatte ich Dutzende Fragen, aber ich konnte sie mit ihm nicht mehr klären. Zudem war der Prozess noch sehr am Anfang, denn vor allem der zweite bischöfliche Delegat hatte sich kaum um den Prozess gekümmert. Daher konnte man in vieler Hinsicht fast neu beginnen.

Ich war schon am Anfang von der Quantität der Dokumente, Texte, Schriften und Briefe beeindruckt. Es gibt 12.000 Briefe: von Pater Kentenich, an Pater Kentenich, über Pater Kentenich; 6.000 Vorträge, usw. Erst allmählich wurde mir klar, dass dieser Prozess viel größer ist, als ich mir das gedacht hatte. Dazu kommt noch, dass Pater Kentenich ein hohes Alter erreicht hat. Mario Hiriart wurde nur 32 Jahre alt und hat kaum etwas geschrieben. Joao Pozzobon, auch ein toller Mensch und großer Heiliger, auch er hat kaum etwas geschrieben. Ganz anders bei Pater Kentenich: er hat viel geschrieben und vor allem, er hat eine ganz neue Botschaft für die Kirche formuliert, die aufgrund ihrer Neuheit ganz besondere Schwierigkeiten, wie zum Beispiel die Visitationen, mit sich brachte. Auf der einen Seite war da die Freude, dass ich durch diese Aufgabe der Person von Pater Kentenich näher kommen würde, seinen Gedanken, seinem Leben, seiner Heiligkeit. Auf der anderen Seite gab es natürlich schwierige Fragen, die es zu studieren und wo es viele Fragen zu lösen galt.

Sie haben sicher schon vorher eine Beziehung zu Pater Kentenich gehabt. Hat sich diese durch die Beschäftigung mit ihm im Laufe des Seligsprechungsprozesses nun verändert oder vertieft?

Pater Strada: Ich habe Pater Kentenich in den letzten drei Jahren seines Lebens noch persönlich erlebt. Er kam 1965 im September von Milwaukee nach Rom und am Heiligen Abend nach Schönstatt. Ich habe Pater Kentenich zum ersten Mal am 29. März 1966 im Heiligtum der Marienschwestern bei einem Vortrag für den Nachwuchs der Schönstatt-Patres gesehen. Am nächsten Tag sind wir dann nach Münster, in die Diözese von Bischof Tenhumberg gefahren, wo unser Studium begonnen hat. Im August 1967 kam er selbst nach Münster und hat uns Exerzitien gehalten. Am 23. August konnte ich nach dem Frühstück mit Pater Kentenich etwas mehr als eine halbe Stunde sprechen. Das war schon ein sehr starker Eindruck, obwohl er als eher kleiner Mensch gar nicht so groß wirkte. Auch an seine Aussprache musste man sich gewöhnen. Ich habe ihn da als total einfach, menschlich, demütig und froh erlebt, und gleichzeitig konnte man spüren, dass er ein Mann Gottes ist, der Verbindung mit der anderen Welt hat, und dass Gott für ihn tatsächlich eine Person ist.

Hat sich dieser Eindruck während des Seligsprechungsprozesses nun verändert oder verstärkt?

Pater Strada: Ja, dieser Eindruck hat sich einerseits verstärkt, andererseits auch problematisiert. Durch den Prozess kam ich natürlich mit allen Schattierungen der Persönlichkeit von Pater Kentenich in Berührung. Pater Kentenich wurde ja viel kritisiert; von einem Teil der Pallottiner, von anderen Priestern im Konzentrationslager Dachau; die Visitationen werfen Fragen über sein Leben und seine Person auf. In diesem Sinne meine ich problematisiert. Und ein paar Fragen bleiben für die Ewigkeit. Der Prozess verlangt ja eine tiefe Untersuchung über die Person und seine Motive. Und in der Person jedes Menschen gibt es Geheimnisse: warum hat er so gehandelt und nicht so? Wäre es nicht klüger gewesen, dies zu tun oder das? Immer mehr habe ich mir gesagt: es geht um die Heiligkeit eines Menschen, nicht eines Engels. Und Mensch bedeutet: Irrtum, Probleme, Konflikte, Fiasko, Niederlagen. Das alles gehört zum menschlichen Leben. Es gibt keine Heiligkeit ohne Grenzen. Ich bewundere Papst Johannes Paul II. Er ist ein großer Heiliger. Und doch hat er wenigstens zwei große Fehler gemacht: er hat den Gründer der Legionäre Christi, der menschlich eine Katastrophe war, als Modell für christliches Leben dargestellt. Ein schwerer Irrtum. Und er hat den sexuellen Missbrauch durch Priester als eine interne Frage der Kirche und nicht als eine Frage für die Justiz eingestuft. Dadurch hat die Kirche auch viel Schaden gelitten.

Für den Seligsprechungsprozess von Pater Kentenich habe ich mir gesagt, wir müssen verzichten auf ein Bild unseres Gründers, wo alles vollkommen ist, wo von Anfang an Heiligkeit da war. Dieser Kentenich hat nicht existiert. Man kann sagen, dass Pater Kentenich in manchen Etappen ein unglaubliches Sendungsbewusstsein hatte, aber im Lichte dieser Sendung hat er wahrscheinlich manchmal zu viel verlangt. Nehmen wir zum Beispiel die Frage nach dem apostolischen Weltverband schon in den ersten Jahren 1916: Da kommt der General der Pallottiner und macht eine Visitation. Einige Professoren sprechen kritisch über Pater Kentenich. Und der Generalobere fragt nachher Pater Kentenich: Was machen Sie mit dieser neuen Organisation, was hat das mit Pallotti zu tun? Und Pater Kentenich sagt ihm: Ich antworte nur vor Pallotti. Ein anderer Generaloberer hätte ihm gesagt: Nun mal langsam, du bist jetzt sechs Jahre Priester und hast erst vor zwei Jahren mit dieser neuen Sache angefangen. Ich bin verantwortlich für die Pallottiner. Pater Kentenich hat von anderen Personen einen Vertrauensschritt verlangt, den nicht jeder mitgehen konnte.

Sie haben sich in den Jahren als Postulator also auch mit Schattierungen an der Person Pater Kentenichs auseinander zu setzen gehabt, die schwierig zu verstehen sind und möglicherweise den Prozess auch verlangsamt haben und verlangsamen?

Pater Strada: Ja sicher, sicher. Diese Punkte werden bei der zweiten Etappe des Prozesses in Rom sehr wahrscheinlich neu untersucht werden. Nehmen Sie zum Beispiel den Ton der „Epistola perlonga“ an den Trierer Bischof Stein: Diese ist in einem sehr harten Ton geschrieben. Man kann sich sicher fragen, ob ein solcher Ton nötig war? Wahrscheinlich nicht. Aber gut, jeder Mensch hat seine Art … Dem gegenüber steht aber auch die unglaubliche Großherzigkeit in der Hingabe des Menschen Pater Kentenich. Eine Kleinigkeit, aber nicht unwesentlich: Er war 80 Jahre alt, als er bei uns in Münster Exerzitien gehalten hat. Ich bin Zeuge dafür, dass er auch noch in diesem hohen Alter 18 Stunden pro Tag gearbeitet hat. Er gönnte sich z. B. keine Pause nach dem Mittagessen, nur um Zeit zu haben, mit jedem von uns zu sprechen.

Gab es in der langen Zeit als Postulator nur schwierige Momente und „Akten wälzen“ oder gab es auch Highlights und schöne Momente?

Pater Strada: Es gab viele schöne Momente. Zum Beispiel sehr mitbrüderliche, kompetente Gespräche mit Dr. Holkenbrink, dem Bischöflichen Delegaten aus Trier. Auch die Sitzungen mit der Geschichtskommission, die mich zu allen Sitzungen eingeladen hatte, waren Höhepunkte, ein schönes Miteinander.

Wenn Sie aus heutiger Sicht, nach 20 Jahren, den Seligsprechungsprozess betrachten, sind Sie dann zufrieden oder hätten Sie sich eine andere Entwicklung gewünscht?

Pater Strada: Ich bin zufrieden. Nur das „Ausruhen“ des Prozesses in den letzten Jahren ist schade. Man hätte den Prozess schneller nach Rom bringen können. Wir warten immer noch auf den Abschluss auf diözesaner Ebene. Froh bin ich über die Zusammenstellung der Dokumentation. Rom wird sich nicht beklagen können. Wir haben fast 80.000 Seiten zusammengestellt. Dazu kommt ein Verzeichnis von etwa 32.000 Dokumenten, die im Archiv sind. Und dabei gibt es nicht nur technische Angaben, sondern jeweils auch eine Zusammenfassung des Inhalts dieser Dokumente. Für diese Zusammenstellung haben Dutzende von Menschen, Marienschwestern, Patres, Frauen, Laien in großer Hochherzigkeit gearbeitet. Einige kenne ich nicht einmal persönlich. Immer, wenn ich um Hilfe gebeten habe, habe ich positive Antworten bekommen. Man konnte merken, dass die ganze Schönstattfamilie die Arbeit für den Prozess schätzt und sich für die Seligsprechung von Pater Kentenich einsetzt.

Jetzt geht ihre Zeit als Postulator zu Ende. Was werden sie jetzt tun? Gehen Sie zurück nach Argentinien?

Pater Strada: Nein, ich bleibe hier in Deutschland, und ich werde Pater Eduardo Aguirre helfen, soweit wie möglich. Er wird Hilfe brauchen, denn er wird sich konfrontiert sehen mit 100.000 Seiten und gleichzeitig die Etappe des Seligsprechungsprozesses in Rom vorbereiten müssen. Natürlich werde ich auch andere Aufgaben in der Gemeinschaft, in Terziaten und Exerzitien übernehmen. Und ich werde versuchen, etwas über das Leben von Pater Kentenich zu schreiben.

Neulich fragte ein Zehnjähriger: „Warum ist es denn wichtig, dass Pater Kentenich heiliggesprochen wird. Man kann ihn doch auch so zum Wegbegleiter haben!“ Was würden Sie ihm antworten?

Pater Strada: Ich würde so antworten: zunächst, die Heiligen sind „besondere Personen in der Kirche“ und ich glaube, diese Besonderheit verdient Pater Kentenich. Sie sind klare Beispiele dafür, wie man das Evangelium leben kann und sie sind gute Fürsprecher im Himmel. Natürlich bin ich ganz frei, mich an meinen Opa im Himmel oder an Pater Kentenich zu wenden. Aber es ist etwas anderes, wenn die Kirche mit ihrer Autorität mir sagt, Pater Kentenich ist ein gutes Modell für ein christliches Leben und er ist ein mächtiger Fürsprecher.

Die Heiligsprechung wäre aber auch wichtig für die vollständige Rehabilitierung Pater Kentenichs. Viele wissen, dass es da Schwierigkeiten gab, aber kaum jemand kennt die Geschichte genau. Die Heiligsprechung nimmt das weg. Das ist wichtig für die Ehre Pater Kentenichs.

Wie kann die Schönstattfamilie mithelfen, den Seligsprechungsprozess zu unterstützen?

Pater Strada: Natürlich durch Gebet und Beiträge zum Gnadenkapital, aber auch sicher ganz praktisch, wie z.B. die Ehepaare, die in Trier der Notarin geholfen haben 100.000 Seiten durch Stempeln zu beglaubigen oder die älteren Marienschwestern, die handgeschriebene Seiten Pater Kentenichs auf Tonband vorlasen, damit sie anschließend digital erfasst werden konnten.

Ich glaube, man kann nicht von einer baldigen Seligsprechung sprechen. Die Etappe von Rom wird viel verlangen. Die Kongregation für die Heiligsprechung hat sehr wenig Personal, es gibt nur einen Verantwortlichen für 400-500 Seligsprechungsprozesse in spanischer Sprache. Da muss man die Realität annehmen, wie sie ist.

Vielen Dank, Herr Pater Strada, für das Gespräch.

Die Fragen stellte Heinrich Brehm, PressOffice Schönstatt.

Interview mit freundlicher Genehmigung übernommen von schoenstatt.de

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