Veröffentlicht am 28. Mai 2016 In Projekte, Werke der Barmherzigkeit

„Wir segnen diese Woche das Haus von Ángel“: Ein Traum wird wahr und ich war dabei

PARAGUAY, von Maria Fischer •

„Segne, Herr, dieses Haus und alle, die darin wohnen. Beschütze deine Diener vor allen Widrigkeiten…“ Wie oft schon habe ich diese Worte bei der Segnung eines Hauses von Angehörigen oder Freunden gehört. Ein schöner, lieber katholischer Brauch. Aber niemals ist es mir so tief in die Seele gefallen wie an diesem sonnigen Morgen des 5. Mai am äußersten Stadtrand von Luque, irgendwo im Nirgendwo zwischen abenteuerlichen schmalen Wegen aus roter Erde und wildem Gebüsch, bei der Segnung des schlichten Hauses meines Freundes Ángel (Name geändert), gerade 18 Jahre alt geworden; ein einfaches Haus mit einem einzigen Zimmer und einer winzigen Küche für diese vierköpfige Familie die in mehr als widrigen Umständen darum kämpfen, weiterzukommen.

Haus ist ein Gebäude, das Menschen zum Wohnen, Unterkunft und Beschäftigung dient. Das Haus ist der Ort, in dem sich die spezifischen Tätigkeiten und Beziehungen des Gesellschafts- und Familienlebens von der Geburt bis zum Tod entfalten. Es dient als Schutz gegen Regen und Wind, vor Eindringlingen und ist Aufbewahrungsort der persönlichen Habseligkeiten seiner Bewohner, so erfahren wir aus der Wikipedia. Dieses Haus ist all das und ist viel mehr. Es ist Frucht harter Arbeit eines ganzen Jahres voller Einsatz, voller Engagement, voller Träume von einem würdigen Leben. Es ist Versprechen eines erneuerten Lebens, eines neuen Lebens. Letztes Jahr hatte ich die ersten Ziegelsteine gesehen, bei meinem Besuch in diesem schlichtesten und schönsten Hausheiligtum, das ich je im Leben gesehen habe. Ein Hausheiligtum in Form eines Aufklebers mit der Gottesmutter von Tupãrenda, das Pater Pedro Kühlcke den Jugendlichen im Jugendgefängnis von Itauguá geschenkt hat und das Ángel in die Hütte aus Plastikplanen, Holzpfählen und Karton, in dem seine Familie lebt und wo er den Rest seiner Strafe im Hausarrest verbüßt, mitgenommen hat.

Ich erinnere mich wie heute an diesen Besuch mit Pater Pedro, bei dem Ángel mir seine ganze Lebensgeschichte erzählt hat, seine kriminellen Handlungen, die ihn ins Gefängnis gebracht haben, und wie eine gesegnete Beichte sein ganzes Leben verändert hat und er jetzt solche Sehnsucht hat, wieder in die Schule gehen, wieder Messdienser in Tuparenda sein und ein würdigeres Haus errichten zu können, und vor allem: wie er weiterkämpfen möchte, damit er eines Tages eine Familie gründen kann, ohne dass seinen Kindern das passiert, was ihm passiert ist und ihn dazu brachte, mit Drogen zu handeln und Motorräder zu stehlen, einfach um auf der Straße zu überleben…

Ich habe mein Versprechen erfüllt und jeden Tag für Ángel und seine Träume gebetet. Es war das Gebet für einen Freund.

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Und dann genau in dieser einzigen Woche, in der ich in Asunción bin

Und jetzt bin ich in Tupãrenda bei einem Treffen einer jungen Gruppe der Männerbewegung, und da taucht Pater Pedro Kühlcke auf, bestätigt den Termin für unseren gemeinsamen Besuch im Jugendgefängnis und fügt ganz beiläufig an: „Und am Donnerstag müssen wir noch ein Haus segnen. Das Haus von deinem Freund Ángel.“ Am Sonntag zuvor war Ángel in der Messe Tupãrenda gewesen (Danke, mein Gott, er kann wieder Messdiener sein, auch wenn er noch nicht wieder in Freiheit ist!) und bat den Pai Pedro, sein Haus zu segnen. „Dann habe ich ihm gesagt, dazu würde ich aber auch seine Freundin Maria aus Deutschland mitbringen.“ Unfassbar. Von den 52 Wochen im Jahr fällt die Segnung dieses Hauses genau in die einzige Woche, in der ich bei meinem Besuch in Paraguay in Asunción, also in der Nähe, bin. Danke, mein Gott, du erfüllst mir einen Traum, den ich gar nicht als Bitte geäußert hatte…

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Es ist das Haus der Gottesmutter

Am Abend vor dem Besuch bittet Pater Kühlcke mich per Whatsapp, doch am anderen Morgen ein Bild der Gottesmutter von Schönstatt zur Segnung des Hauses mitzubringen. Mit Susana Stanley, die mich zum Treffpunkt in Luque bringt, von wo aus es dann mit Pater Kühlcke weitergeht zum Haus von Ángel und seiner Familie, suchen wir im Laden des „Jungen Heiligtums“ ein schönes Bild aus und dazu ein kleines Heilig-Geist-Symbol aus Palo Santo, so typisch für Paraguay. In meiner Tasche ist auch meine letzte Schachtel mit Pralinen, die ich aus Deutschland mitgebracht habe – Festtagspralinen!

Es ist eine feste und lange Umarmung… Das Wiedersehen mit Ángel nach einem Jahr und einem Monat ist ein Fest, und die Zeit zwischen unserem Gespräch und dem Tereré im letzten Jahr und diesem Augenblick löst sich in Nichts auf.

Wenn wir mit all dem, was wir in Gefängnispastoral machen, nur einen einzigen Jungen retten können, hat es sich gelohnt. Ich erinnere mich an diesen Satz aus einer Unterhaltung mit Mitgliedern der Gefängnispastoral von Pater Kühlcke und der Casa Madre de Tuparenda, deren Dach schon fertig ist und wo ab Mitte Juni 20 Jugendliche nach ihrer Entlassung aus dem Jugendgefängnis aufgenommen werden. Die Augen von Ángel strahlen vor Freude beim Wiedersehen, und sein Gesicht scheint zu sagen: Das haben wir geschafft!

Wir überreichen das Bild der Gottesmutter, und ich weiß nicht, welches Gesicht mehr strahlt, das von Ángel oder das seiner Mutter… Alle zusammen suchen wir den schönsten Platz aus für das Bild, und es wird nicht nur das Haus, sondern auch das Bild gesegnet, und jetzt gibt es ein neues Hausheiligtum, ein Hausheiligtum der Hoffnung und der Solidarität und der realen Freundschaft mit den Armen.

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Es ist das Haus eines Freundes

Wir feiern das Fest, indem wir das neue Haus ebenso besuchen wie die einfache Hütte, in der sie für uns alle Tereré, Sandwiches, Kaltgetränke und Pizza zubereitet haben. Wir sitzen rund um den Tisch als Familie, als Freunde, reden… Ángel erzählt voller Freude, dass er ab Juli endlich wieder zur Schule gehen kann. Er möchte weiterkommen, und er hat die Fähigkeit zum Unternehmer, sage ich ihm.

Dann hilft er Pater Kühlcke, den Weg zu einem anderen Jugendlichen unter Hausarrest zu finden, und Pater Kühlcke verspricht ihm, bessere Nägel für das Wellblechdach der Hütte zu besorgen, damit Wind und Regen es nicht bei nächster Gelegenheit mitnehmen.

Wir reden über die Jugendmesse am folgenden Sonntag in Tupãrenda  und laden Ángel ein, dabei zu sein. Er sagt voller Freude zu.

Wir brechen auf mit dem Gefühl, uns vom Haus eines Freundes zu verabschieden, und diesmal verspreche ich Ángel nicht nur mein Gebet, sondern meinen Besuch nächstes Jahr.

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Der Hüter des Hauses der Gottesmutter

Wir verabschieden uns, wenn auch noch nicht für ein ganzes Jahr, denn wir sehen uns ja am kommenden Sonntag. Dieser Sonntag ist total verregnet – und mein letzter Tag in Tupãrenda. Vor der Messe um 11.00 Uhr warte ich… und warte… und Ángel kommt nicht. Man muss eben auch realistisch sein. Der Weg ist weit und es regnet. Heftig.

Zehn Minuten nach Beginn der Messe erscheint Ángel, außer Atem! „Ich muss vier verschiedene Busse nehmen hierhin, und einer davon kam nicht, da musste ich laufen… und jetzt kann ich nicht mehr zum Altar gehen und ganz in weiß neben Pater Pedro stehen…“ Er traut sich nicht, noch in die Sakristei zu gehen, sich umzuziehen und am Altar zu stehen. Wir beten und singen gemeinsam und warten nach der Messe gemeinsam auf Pater Pedro.

Die beiden reden lange. Was für ein Segen ist die Arbeit von Pater Kühlcke!

Als es schon ans Verabschieden geht, werden wir erst gewahr, dass Ángel sehr bald auf der Polizeistation sein muss, wo er Reinigungsarbeiten als Teil seiner Bewährungsauflagen durchführt. Fast biete ich ihm an, ihn zu fahren – aber ich kein Auto. Bernardino Portillo, Leiter der „Hüter des Heiligtums“, der mich später nach Asunción mitnehmen will, steht gerade in der Nähe, und Pater Pedro bittet ihn, ob er nicht unseren Freund bis zur Haltestelle des letzten Busses mitnehmen könnte, damit er auf jeden Fall pünktlich kommt.

Bernardino sagt sofort zu, und auf dem Weg nach Luque unterhalten sich Ángel und Bernardino pausenlos über ihre gemeinsame große Liebe: Tupãrenda!  Und dann lädt Bernardino den ExSträfling Ángel ein, Heiligtums-Hüter zu werden und auch andere seiner Kameraden für diese wunderbare Aufgabe zu gewinnen… Solidarische Beziehungen schaffen, unsere Mission von schoenstatt.org. An diesem Sonntagmittag wird dieser Junge, der das Haus seines Lebens und seiner Familie der Gottesmutter angeboten hat, zum Hüter des Hauses der Gottesmutter.

Danke, Bernardino, danke, Ángel, danke, Gottesmutter… wir machen weiter.

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Da will ich dabei sein…

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Banco GNB
Cta Nro. 001-065259-003
Congregación Padres de Schoenstatt
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Schönstatt-Patres International e. V.
IBAN DE91 4006 0265 0003 1616 26
BIC/SWIFT GENODEM1DKM
VWZ: P. Pedro Kühlcke – Pastoral Carcelaria

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Fotos: Susana Stanley, Maria Fischer

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