Veröffentlicht am 15. März 2016 In Haus Madre de Tuparenda, Projekte, Werke der Barmherzigkeit

Der lange Weg zum „Haus Mutter von Tupãrenda“

PARAGUAY, von Ana María Acha, Vorsitzende von FundaProva [Verein zur Förderung von Werten und Gewaltprävention] •

Seitdem ich im Jahre 2003 als Abgeordnete begonnen hatte und bis zum Ende meiner Amtszeit im Jahr 2013 spürte ich, dass ich als Vorsitzende der Menschenrechts-Kommission im Senat der besonderen Aufmerksamkeit für die Häftlinge im Land eine Priorität einräumen sollte. Das aus dem Grund, weil ich keinen anderen Ort sehen konnte, wo die Würde des Menschen mehr erniedrigt werden konnte als in den Gefängnissen Paraguays. Die Häftlinge haben Freiheitsentzug wegen ihrer Taten! Aber es gibt keinen Grund für Gesundheits-, Bildungs-, Privatsphäre- und Würdeentzug!

Wenn wir zudem daran denken, dass viele von ihnen ins Gefängnis kommen, weil sie ein Handy gestohlen haben und herausgehen als perfekt trainierte Straftäter, dann müsste uns klar sein, dass der Strafvollzug ein sehr wichtiger Teil der bürgerlichen Sicherheit ist. Die Gefängnisse sind doch wahre Universitäten des Verbrechens, und dazu kommt noch das haarsträubende Unrecht, dass es immer nur die Armen sind, die wir in den Gefängnissen antreffen – Reiche sind dort eine ganz große Ausnahme. In einem Staat wie dem unseren, in dem die rechtsstaatlichen Institutionen nicht funktionieren, existiert logischerweise auch keine Gerechtigkeit, was bedeutet, dass die große Masse derer, denen die Freiheit entzogen wurde, jahrelang im Gefängnis sind, ohne dass ihnen ein ordentlicher Prozess gemacht wird. Sie schreien danach, gehört zu werden, dass bitte irgendjemand ihren Fall voranbringt.

05. Algunas palabras

Ana María Acha, Mitglied des Familienbundes (zweite von links)

“Ana, warum schenken Sie den Straftätern so viel Aufmerksamkeit?“

In verschiedenen Kreisen hat man mir immer wieder gesagt: „Ana, warum befasst du dich so viel mit den Straffälligen?“ Mehr als einmal hatte ich das Gefühl, dass für viele die Inhaftierung viel eher Rache bedeutet als eine Sanktion, deren Sinn Korrektur und Resozialisierung ist, wie es in unserer Verfassung heißt.

Die gleiche Gesellschaft, die sie an den Rand gedrängt und in vielen Fällen in die Kriminalität gedrängt hat, ohne ihnen je die Möglichkeit zu geben zu lernen oder zu arbeiten, ist dann auch diejenige, die sie verurteilt, ohne dass der Einzelne je die Chance bekommt, sich das Etikett des „Unerwünschten“ abzulösen. Deswegen ist es die ernsteste Verantwortung des Staates, Verantwortung zu übernehmen. Es wird Zeit, alle Ressourcen auszuschöpfen, um sie zu resozialisieren, zu rehabilitieren, obwohl wir wissen, dass all das eben genau nicht passiert. Machen wir einen Vergleich mit der Geißel, die uns heute plagt: die Mücken, die Dengue oder Zika oder sonst etwas übertragen, und die sich in ihren Brutstätten vermehren, die wir vernichten müssen; und die Brutstätten der Kriminalität sind nun einmal die Gefängnisse.

12. La piedra fundamental

Ein Kampf gegen Windmühlen

So war der Stand der Dinge, dass wir am Ende der parlamentarischen Amtsperiode feststellten, dass wir viele und gute Dokumentationen über den Zustand in den Gefängnissen zusammengestellt hatten, dass vielfache Aufrufe an die zuständigen Stellen dokumentiert waren und es tatsächlich auch Aktionen zugunsten der Gefangenen gegeben hatte – wie die Einführung eines Informationssystems, mit dem der Häftling seinen Fall mit einem Klick auf dem Bildschirm aufrufen konnte, und das nach zwei Jahren investierter Arbeit genau fünf Monate funktionierte, weil „irgendwer“ es zerstört hatte. Und in die Gewissheit, das Richtige getan zu haben beim Kampf gegen Windmühlen mischte sich die Enttäuschung, das große Endziel nicht erreicht zu haben.

Pater Pedro Kühlckes Initiative

Als gegen Ende 2014 P. Pedro Kühlcke bei einer Tagung erwähnte, dass er sich der Gefängnisseelsorge widmen würde, besonders bei Jugendlichen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten seien, und Interessierte einlud, bei diesem Apostolat mitzumachen, ging ich sofort zu ihm, fragte konkreter nach, um was es gehe, und bot meinen bescheidenen Dienst an.

Damit begann eine adrenalingeladene Aufgabe, die mir ein zweifaches Gefühl gab: Hoffnung und Ungläubigkeit. Hoffnung, weil Treffen mit mehreren Leuten begannen, viele von ihnen Jugendliche, und bei denen beim Ausbleiben der einen sofort andere dazukamen und bei denen glücklicherweise die Organisation des Projektes Schritt für Schritt vorankam. Hoffnung auch, weil sich die damalige Justizministerin, Sheyla Abed, so sagte uns Pater Kühlcke, für das Projekt interessierte und ihr Stabschef regelmäßig an unseren Treffen teilnahm. Aber genau das verursachte auch meine Ungläubigkeit: der Zweifel, ob die Regierung dieses Projekt wirklich unterstützen bis zu seiner letzten konkreten Realisierung würde, weil ich ja aus eigener Erfahrung als Parlamentarierin wusste, wie der paraguayische Staat funktioniert; ich konnte einfach nicht glauben, dass es Wirklichkeit werden würde.

Wir schlossen sogar das Bankkonto, das eröffnet worden war, um die zugesagten Spenden zu aufzunehmen, denn die Spenden kamen nicht; die einzigen Spenden kamen von Leuten aus Europa, dank der Veröffentlichung auf schoenstatt.org! Und dann plötzlich wurden wir Mitte Januar diesen Jahres von der Bank benachrichtigt, dass sie die Überweisung der Regierung nicht buchen könnten, weil es kein Konto mehr gebe! Ein spektakuläres Rennen fand statt: Die Gottesmutter mit all ihrer Macht machte es möglich, das Problem zu lösen. In zehn Minuten war das Konto wieder eröffnet!

Das Justizministerium hielt seine Zusage ein. Wir sind der jetzigen Ministerin, Dr. Carla Bacigalupo, die das Projekt voll und ganz unterstützt, sehr dankbar. Immer noch erstaunt und begeistert von dem Geschehen wurde der Grundstein gesegnet in Anwesenheit verschiedener Amtsträger, darunter der ehemaligen Justizministerin und der derzeitigen, des Vize-Justizministers, der Vize-Ministerin für Industrie und Handel und der Kabinettsministerin, der Leiterin von SINAFOCAL [Nationales System für Bildung und Berufsausbildung], von Mitgliedern der Stadtverwaltung von Itauguá, Mitgliedern des Unternehmens, das die Ausschreibung gewonnen hatte, und vieler anderer. Wir alle fühlten uns als Teil eines Teams, das nicht nur den Beginn eines gemeinsamen Projektes feierte, sondern die Begeisterung, dieses Land, das uns weiterhin Sorgen macht, weiter aufzubauen. Wir hörten nicht auf, gemeinsam der Gottesmutter zu danken, die uns diesen neuen Weg gezeigt hat. Es ist ihr Werk, wo sie uns den Weg ebnet bis zu dem Zeitpunkt, wo ist, was sein soll und wie es sein soll.

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Im Bündnis

Ich muss zugeben, ich bin heute noch bewegt. Endlich ist ein konkretes Werk im Gange. Was wir in unserem Mühen aus dem Parlament heraus nicht erreichen konnten, das wurde erreicht aus der bürgerlichen Gesellschaft im Bündnis mit dem Staat, und an diesem Bündnistag schreibe ich es völlig dem Bündnis zu, das wir mit Maria geschlossen haben. DAS ist Bündniskultur.

Es war die Stunde und der Augenblick, und seit dem Tag erhielten wir auf verschiedene Arten unglaubliche Unterstützung von den Ministerien und anderen Institutionen, die sich unserer Initiative anschlossen. Es gingen gleich mehrere Türen gleichzeitig auf!

Heute bin ich zutiefst dankbar: dem großartigen Team, das unser e.V. vor allem mit den großartigen Vorstandsmitgliedern bildet, die es verstehen, „durch die Nacht zu gehen mit dem Glauben an den Morgen“, Pater Kühlcke, der zu jedem Augenblick die lebendige Flamme der Hoffnung in Glauben und Freude am Brennen hielt, der Gemeinschaft der Schönstattpatres, die das Grundstück, auf dem das Haus gebaut wird, als Kommodat zur Verfügung stellten und all den Menschen, die das Projekt auf die eine oder andere Art unterstützt haben.

Eine großartige Herausforderung

Wir können ganz sicher das Ausmaß des enormen Segens für die jungen Menschen, denen das Haus dient, nicht erfassen; können nur wahrnehmen, dass das ehrliche Interesse an ihnen als Menschen, die irgendjemandem wichtig sind, der Anfang der Änderung ihres Verhaltens und ihrer Einstellung ist.

Aber wenn wir heute mit dieser Aufgabe beschäftigt sind, sollten wir nicht die Sicht auf das eigentliche Endziel verlieren, das wir als Erwachsene, als Väter und Mütter, die wir unserer Gemeinschaft und unserem Land verpflichtet sind: dass wir in der Zukunft weder mehr noch bessere Gefängnisse bauen müssen, und dass die, die wir haben in nicht so ferner Zukunft leerstehen wie jene in vielen Ländern der Ersten Welt, weil unsere Jugendlichen Wissen, Werte und ein Leben in Würde erworben haben, das sie von Gewalt und Kriminalität fernhält- Es ist eine großartige Herausforderung.

03. Algunos internos también participaron

 

Original Spanisch. Übersetzung: Ursula Sundarp, Dinslaken, Deutschland/mf

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