Veröffentlicht am 10. Juli 2016 In Werke der Barmherzigkeit

Wie wäre es, wenn ich einer von ihnen wäre und all dies selbst erleben, wieder erleben müsste?

Von Erzbischof em. Dr. Robert Zollitsch, Freiburg, Mitglied des Institutes der Schönstatt-Diözesanpriester •

Wenn ich die Nachrichten über die Welle der Asylbewerber und über die Lager in Griechenland im Fernsehen erlebe; wenn ich die Berichte in der Presse über die Zahl der Asylanten oder gar über Brandanschläge auf Asylantenheime lese, kommt mir jedes Mal der Gedanke: Wie wäre es, wenn ich einer von ihnen wäre und all dies selbst erleben, wieder erleben müsste? So ist es eines meiner großen Anliegen, die Menschen, denen ich begegne, Menschen, zu denen ich spreche, für die Aufnahme von Flüchtlingen und den rechten Umgang mit Asylbewerbern zu sensibilisieren. Dabei kommt mir als Erzbischof und Mann der Kirche zu Hilfe, dass Papst Franziskus ein Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen hat. Jesus wendet sich gerade denen zu, die der Hilfe bedürfen. Nicht nur das: Er identifiziert sich geradezu mit ihnen: „Ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben.“ (Mt 25,25-37)

In zahlreichen Gesprächen mit unseren Kirchenmitgliedern, wie auch mit Vertretern politischer Parteien und Mandatsträgern spüre ich immer wieder Angst vor Fremden, Angst vor der Unterwanderung durch Muslime, der eigenen Überforderung durch die große Zahl der Asylbewerber. In solchen Gesprächen braucht es Geduld, die Bereitschaft zuzuhören, Empathie. Je mehr es dann gelingt, die Gesprächspartner nachdenklich zu machen, desto mehr wächst die Chance für die Annahme sachlicher Argumente.

Die Leistung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg

Ich erinnere dann immer wieder an die große Leistung unseres Landes in den Jahren 1945 bis 1947, als 15 Millionen Heimatvertriebene in Deutschland Aufnahme fanden. Freilich, damals kamen Menschen deutscher Sprache und deutscher Kultur. Und sie gehörten einer der beiden großen christlichen Konfessionen in unserem Land an. Das erleichterte die Integration. Aber sie kamen in ein armes und durch den Krieg zerstörtes Land. Noch nie war Deutschland in der Breite so wohlhabend wie heute. Wir haben das Potential, die Kraft und die Mittel, Menschen aufzunehmen. Dies zu tun, ist ein Gebot der Menschlichkeit. Darum dürfen wir nicht Grenzen schließen, dürfen nicht Zäune und Mauern errichten. Wir müssen Menschen aufnehmen und zugleich alles tun, um ihnen in ihrer Heimat eine Zukunft in Sicherheit zu schaffen.

Und dann geht es

In Gesprächen mit Politikern, Landräten, Bürgermeistern, Pfarrern, Pfarrgemeinderäten geht es mir dabei zunächst einmal darum, sie zur Aufnahme von Asylbewerbern zu motivieren. So gibt es bei uns in der Erzdiözese Freiburg auch kaum Schwierigkeiten, zumal die Erzdiözese die Pfarreien in ihrem Einsatz für Asylbewerber unterstützt. Fast jede Woche gehen im Ordinariat in Freiburg Anträge von Kirchengemeinden ein, die einen Zuschuss zur Aufnahme von Flüchtlingen beantragen. Da werden ehemalige Schwesternhäuser, kirchliche Altenheime, frei gewordene Kindergärten mit Flüchtlingen belegt. Dazu zählen auch 40 Pfarrhäuser, die derzeit von Flüchtlingen bewohnt werden. In unseren Pfarreien und in den Kommunen setzen sich sehr viele ehrenamtlich in der Betreuung, Unterstützung und Begleitung von Asylanten ein. Nennenswerte Schwierigkeiten gibt es bei uns nicht. Leider werden – oft auch aus politischen Gründen – Einzelfälle manchmal deutschlandweit oder auch darüber hinaus aufgebauscht.

Und wenn ich bei politischen Diskussionen, bei Gottesdiensten und Firmungen Asylanten begegne – oder gar schon syrische Buben unter den Ministranten entdecke, macht mir dies Mut, im Bemühen um Vermittlung und Ermutigung nicht nachzulassen. Ich mache die Erfahrung: Der Einsatz dafür lohnt sich und trägt Frucht.

zollitschIch war Flüchtling und fremde Menschen haben mich aufgenommen

Die Flüchtlingswelle und die anhaltende Diskussion um die Aufnahme von Asylbewerbern rufen zahlreiche Erinnerungen in mir wach. Ich habe als sieben- und achtjähriger Bub selbst erlebt, was es heißt, fliehen zu müssen und Ablehnung, aber auch Hilfe zu erfahren.

Ich bin als Volksdeutscher im ehemaligen Jugoslawien geboren. Unsere Flucht aus dem jugoslawischen Vernichtungslager Gakowa führte uns durch Ungarn. Wir fanden in dem Dorf Cavoly Aufnahme und Hilfe bei Menschen, die wir nicht kannten, und verbrachten so, unterstützt von ihnen, die erste Hälfte des Winters 1945/46 an diesem Ort. Eines Nachts klopften im Schutz der Dunkelheit zwei Gendarmen bei uns an und informierten uns darüber, dass bei ihnen der Befehl liege, uns wieder in das Vernichtungslager, aus dem uns die Flucht gelungen war, zu deportieren. Gleichzeitig bedeuteten sie: sie würden den Befehl mal liegen lassen. Wir sollten sehen, wie wir uns retten könnten. Sie brachten es einfach nicht fertig, uns in den sicheren Tod zu deportieren.

Mit praktischer und finanzieller Hilfe wohlwollender Menschen gelang es uns – mit Hilfe von Bestechung -, uns dem ersten Transport, der die Ungarndeutschen aus ihrem Heimatort Budaörs vertrieb, anzuschließen. So kamen wir nach Wien. Dort erlebten wir wieder, dass wir nach Jugoslawien zurückdeportiert werden sollten. Während russische Soldaten mit Lastwagen und aufgepflanzten Bajonetten vor unserer Baracke hielten, gelang uns durch das Fenster auf der Rückseite die Flucht in den amerikanischen Sektor, wo ein altes Ehepaar uns auf der Straße liegen sah und uns in seiner eigenen Wohnung Unterschlupf und Unterkunft bot.

Wahre Menschlichkeit fragt nicht nach Sprache und Rasse, sie wendet sich dem Menschen zu.

Ich kenne keinen der Namen dieser Menschen, die uns geholfen, ja uns vor dem sicheren Tod bewahrt haben: weder den Namen der beiden Gendarmen in Cavoly, noch den der anderen Helferinnen und Helfer, darunter eine kinderlose Apothekerin, deren Mann in Kriegsgefangenschaft war; noch den des alten Ehepaars in Wien, das uns aufnahm. Aber ihre Gesichter sind mir in Erinnerung geblieben und ich sehe ihre Gesichter heute noch vor mir: Fremde Menschen ohne Namen, die zu Nächsten für uns geworden sind. Ihre Augen wandten sich uns zu. Sie sahen unsere Not und die Gefahr, in der wir waren. Sie öffneten ihr Herz und ihre Hände – und halfen, obwohl sie in diesem Winter selbst nicht viel hatten und sich, wie die beiden Gendarmen in Cavoly, selbst in Gefahr brachten. Menschen in einem anderen Land, Menschen zu denen wir als Fremde hilflos kamen oder die uns, wie in Wien, hilflos auf der Straße liegen sahen, haben mir das Leben gerettet und mich aufgenommen.

Ich lebe bis heute in dem Bewusstsein, dass ich nicht nur meinen Eltern und mir vertrauten Menschen mein Leben und meinen Lebensweg verdanke, sondern auch Fremden, die mir, einem Fremden, in menschlicher Zuwendung geholfen und mir das Leben gerettet haben. Wahre Menschlichkeit fragt nicht nach Sprache und Rasse, sie wendet sich dem Menschen zu. Das ist eine Erfahrung, die mich seit siebzig Jahren trägt.

Quelle: Statement von Erzbischof em. Dr. Robert Zollitsch bei einem Podium während des Kongresses „Miteinander für Europa“

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