Veröffentlicht am 25. August 2016 In Schönstatt im Herausgehen, Werke der Barmherzigkeit

Denn manchmal kommt es mir vor, als würde mich Jesus persönlich besuchen

DEUTSCHLAND, Irmgard Mölder •

Irmgard Mölder aus Münstertal, Deutschland, ist seit über einem Jahr im Helferkreis Flüchtlinge aktiv. Sie trifft sich einmal im Monat in einer Schönstattgruppe und ist bei der Kampagne der Pilgernden Gottesmutter aktiv. Vor einigen Jahren leistete sie einen ehrenamtlichen Einsatz in Haiti. Auf Bitte der Reaktion von schoenstatt.org erzählt sie von ihrer Arbeit mit Flüchtlingen – ehrlich und realistisch.

Vor zwei Jahren im Sommer 2014 ging ich in Pension. Im Oktober machte ich einen Besuch in meiner früheren Schule in Münstertal und bekam zufällig mit, wie meine frühere Kollegin einer afrikanischen Mutter aus Gambia auf Englisch die Hausaufgaben erklärte. Ihr Sohn Obinna war nämlich gerade in die 2. Klasse gekommen. Ich erfuhr auch, dass die beiden in einem Gemeindehaus ganz in meiner Nähe wohnten, zusammen mit noch zwei anderen Frauen aus Nigeria. Da hatte ich plötzlich die Idee, dass ich doch mit dem Jungen die Hausaufgabe machen und ihm die Wörter gleich auf Deutsch vorsprechen könnte. Er musste nämlich zu Bildern die entsprechenden Familiennamen wie Vater, Mutter, Tochter usw. zuordnen. Und so kam es, dass ich die beiden um 15 Uhr abholte und sie mit in mein Haus nahm. Da wollte Obinna zuerst nur die Namen schreiben, aber nicht nachsprechen, und erst nach einer Weile überwand er seine Scheu und artikulierte die neuen Wörter fast akzentfrei. Zwei Tage später kamen Mutter A. und ihr Sohn wieder zum Lernen, und nach den Herbstferien kam Obinna regelmäßig montags, dienstags und donnerstags zum Hausaufgabenmachen und zum Spielen.

Erste Schritte mit Obinna

Er lernte sehr schnell und mühelos die deutsche Sprache verstehen und sprechen, unterstützt auch durch das Lehrwerk mit vielen Bildern. Das Lesen machte ihm mehr Mühe, denn Obinna hatte in Afrika im 1. Schuljahr die englische Lautierung gelernt, die ihn oft daran hinderte, die deutschen Wörter richtig zu erlesen. Auch hatte er anfangs große Probleme mit der freien Unterrichtsmethode, bei der die Schüler selbständig ihre Wochenpläne bearbeiten und sich selbst organisieren müssen. Mit dieser Freiheit konnte Obinna nicht gut umgehen, und so kam es immer wieder zu Konflikten während des Unterrichts. Ich stand anfangs in engem Kontakt zu seiner Lehrerin, und auch deren Mann unterstützte die kleine Familie in handwerklichen Dingen, denn Obinnas Mutter kam als Witwe mit ihrem Kind im Schlauchboot nach Italien und von dort nach Deutschland. Sie sorgt fast übertrieben für Essen, Kleidung und Sauberkeit, aber Spielen, Rausgehen oder Hausaufgaben nachschauen sind ihr fremd. Obinna ist ein sehr sportlicher Junge mit einem starken Bewegungsdrang, und zum Glück wurde er sofort im hiesigen Fußballverein aufgenommen. Seine Mutter ist sehr, sehr streng mit ihm und bestrafte ihn oft mit Hausarrest, wenn sie erfuhr, dass es in der Schule oder in der Kernzeit Probleme gab. Dadurch war er in der Fußballmannschaft oft unzuverlässig. Nach afrikanischer Sitte schlug sie ihn auch manchmal.

Patenschaft

Ende Januar 2015 bildete sich in Münstertal ein Helferkreis für Flüchtlinge, und das Modell der Patenschaft, so wie Herr G. und ich es als Ansprechpartner für Frau A. bisher praktizierten, wurde auch für die anderen afrikanischen Frauen übernommen, kurz darauf für eine sechsköpfige Familie aus dem Kosovo und später auch für die syrischen und afghanischen Familien, die unserem Tal zugewiesen wurden. Außerdem erklärte ich mich bereit, bei neuankommenden Flüchtlingen deren Kinder im Kindergarten und in der Schule anzumelden.

Frau A. konnte ab Frühjahr 2015 ein wenig im Hort der Schule mithelfen und ab April besuchte sie einen dreimonatigen Deutschkurs. Da lernte sie öfters mit mir und begann, auch deutsch zu sprechen. Vorher verständigte ich mich mit ihr auf Englisch, während ich mit Obinna von Anfang an fast nur deutsch sprach. Bis zu diesem Zeitpunkt gestaltete sich mein Ehrenamt recht erfreulich, abgesehen von den gelegentlichen Schulkonflikten und der oftmals widersprüchlichen Erziehung Obinnas durch die Mutter. Sie lobte ihn nie und nahm ihn nie in den Arm trotz unserer Interventionen!

Nach den großen Ferien machte Frau A. ein Praktikum in einem Kindergarten, denn sie hatte in ihrer Heimat als Erzieherin gearbeitet, jedoch unter ganz anderen Bedingungen. Hier zeigten sich besonders die falschen Vorstellungen und überhöhten Erwartungen an das Geldverdienen in Deutschland; ihr Vertrag wurde am Jahresende nicht verlängert.

Obinna besuchte die 3. Klasse weiterhin hier im Münstertal. Das war mit einem Lehrerinnenwechsel verbunden, und er hatte große Mühe, sich auf das Lernen zu konzentrieren, weil die Anforderungen höher waren und er nicht gewillt war, sich anzustrengen. Er kam nur noch montags zu mir wegen der Hausaufgaben, die konnten wir für zwei Tage erledigen. Den Rest der Woche machte er sie mehr oder weniger im Hort, und am Wochenende musste ich öfters mit ihm nacharbeiten.

Der Flop mit der Hochzeit

Nun kam Ende September auf einmal ein stattlicher Mann aus Nigeria , der Frau A. heiraten wollte. Sie kannte ihn wohl bereits aus der Familie ihrer Cousine und lobte ihn in den höchsten Tönen. Die beiden Familien in Afrika hatten sich angeblich schon getroffen und alles für eine Hochzeit in die Wege geleitet. Mangels Geld und Papieren konnte aber bei uns keine standesamtliche Trauung stattfinden, deshalb lehnte ich auch eine geplante Feier bei mir ab. Nach mehreren Gesprächen ließen sich die beiden nicht von dem Vorhaben abbringen, und so feierten sie alleine am 9. Oktober und waren dabei mit Hilfe von Skype mit ihrer Heimat verbunden.
Diese seltsame „Heiratsaktion“ stellte sich aber nach kurzer Zeit als Flop heraus, denn Frau A. gab diesem jungen Mann den Laufpass, ohne die genauen Gründe zu nennen. Plötzlich war der Mann „nicht gut!“

Zusammenleben auf engem Raum

Auch gestaltete sich daraufhin das Zusammenleben der drei afrikanischen Frauen mit ihren Kindern, die in der Dreizimmerwohnung Küche und Bad teilen mussten, zunehmend schwierig. Einige Male kam es zu Auseinandersetzungen, in deren Verlauf die Polizei gerufen wurde.

Um Frau A. etwas zu entlasten, verbrachte Obinna zwei lange Wochenenden bei mir.

Aber leider ging der Streit weiter, und so kam es am Ende des Jahres zu einem Wohnungswechsel. Frau A.musste mit Obinna in ein weniger zentral gelegenes Zimmer ziehen, das aber größer war. Nach einer kurzen Unmuts- und Beschwerdephase hatte sie aber im neuen Jahr das Zimmer wieder ordentlich und gemütlich eingerichtet und sich an die Entfernung zum Bahnhof gewöhnt, eine halbe Stunde zu Fuß. Sie bekommt vom Helferkreis regelmäßig eine Monatskarte gestellt und kann vor der Haustüre in den Bus einsteigen, der allerdings nur während der Schulzeit öfters fährt. Für Obinna kauft die Mutter persönlich eine Schülerfahrkarte, obwohl wir mit Engelszungen darauf hingewiesen hatten, dass der Schulweg zu Fuß dem Jungen gut täte.

Kurz darauf zogen dann zwei afghanische Familien in die anderen Zimmer der geräumigen Wohnung dazu, und nun musste Frau A. wieder Bad und Küche teilen, dazu gibt es noch eine separate Toilette, die sie meistens alleine in Anspruch nimmt. Anfangs beschwerte sie sich öfters über den Krach, vor allem abends, denn Frau A. ging sehr früh ins Bett.

Nach ein paar Gesprächen hat sich dann aber das gemeinsame Leben eingespielt.

Schwanger!

Mitte Februar erfuhr ich von der Flüchtlingsbeauftragten unserer Gemeinde, dass Frau A. schwanger sei. Sie schäme sich und wollte es mir deshalb nicht persönlich sagen, und ich müsse es streng geheim halten und niemanden davon erzählen. Ich war natürlich im ersten Moment überrascht, konnte dann aber auch ihre Empfindlichkeiten in den letzten Monaten besser verstehen. Deshalb nahm ich sie erst einmal in den Arm, als ich ihr das nächste Mal begegnete und sprach ihr Mut zu. Trotz aller Zukunftsängste huschte ein Lächeln über ihr Gesicht, als ich ihr ein Mädchen wünschte und sie das bereits bestätigen konnte. Da war meine Freude besonders groß, denn ich war sicher, dass auch sie sich freuen konnte, wenn sie zum ersten Mal ein kleines hübsches Mädchen in den Armen halten würde. Obinna durfte ich nach ihrer Zustimmung drei Wochen später von seiner Schwester erzählen, die Mitte Juni zur Welt kommen sollte. Er reagierte zurückhaltend und schüttelte nur den Kopf, als ich ihn fragte, ob er sich freue. Er konnte sich das einfach nicht vorstellen!

Ende Mai besorgten wir über SOS werdende Mütter Wiege, Kinderwagen und Wickelauflage, und Frau A. zeigte mir stolz die vielen neuen Kleider, die sie bereits gekauft hatte. Dafür sparte sie lieber am Essen!

Amina

Mittlerweile kam das Kind am 18. Juni auf natürliche Weise in der Uniklinik in Freiburg zur Welt, und bereits am dritten Tag konnte ich Mutter und Kind abholen. Sie hat den Namen des Vaters nicht angegeben, ist also allein erziehungsberechtigt und möchte nicht, dass man den Vater erwähnt, auch wenn die Ähnlichkeit der Tochter mit ihm auffallend ist. Jedoch scheint er von der Geburt aus afrikanischer Quelle gehört zu haben, das kam jedenfalls Frau A. von daheim zu Ohren, sie reagierte aber nicht weiter darauf.

Amina ist ein sehr zufriedenes, liebes Baby, das gut an der Brust trinkt, viel schläft und nur ganz, ganz selten weint. Frau A. ist stolz, wenn alle das hübsche kleine Mädchen bewundern, das immer nett angezogen ist. Obinna küsst und herzt die Kleine oft, das tut ihm gut. Frau A. ist seither auch wieder offener und froher.

Familie in Afrika

Für den Jungen hat es am Schuljahrsende nicht zur Versetzung gereicht, aber der Sozialdienst katholischer Frauen kümmerte sich in den letzten Wochen um einen neuen Schulplatz in einer für ihn angemessenen Schule mit kleiner Gruppe und Ganztagsbetreuung. So hoffe ich, dass Obinna wieder Freude am Lernen entwickelt, denn er ist intelligent genug, den Stoff zu bewältigen und Frau A. ist dann auch entlastet. Ich bin sehr gespannt auf die weitere Entwicklung der beiden Kinder.

In nächster Zukunft wird auch über den Asylantrag entschieden, Frau A. ist bisher nur geduldet. Nach all meiner Erfahrung schätze ich Frau A. so ein, dass sie aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland wollte.
Auf die Frage nach dem Grund hieß es immer nur „It’s too difficult in Gambia and too much corruption!“
Sie hat viel Kontakt über Telefon und Skype mit ihrer Mutter und ihren sieben Geschwistern, aber von Rückkehr spricht sie im Moment nicht.

In dieser Angelegenheit bin ich oft auch zwiegespalten. Obwohl ich die drei sehr in mein Herz geschlossen habe, denke ich manchmal, dass es Obinna in seiner Familie in Afrika besser gegangen wäre. Er hat leider auch schon die Bequemlichkeit seiner Mutter angenommen, die am liebsten die Fensterläden geschlossen und das elektrische Licht eingeschalten hat. Frau A. geht nur ungern aus dem Haus, und so muss auch Obinna oft daheim sitzen, dann schaut er stundenlang fern.

Da ist einfach der Mensch, der vor mir steht

Und nachdem ich den Bericht noch einmal durchgelesen habe, wurde mir bewusst, dass die Begleitung bisher viel Zeit und Energie gekostet hat und weiterhin noch kosten wird. Ein Umzug in eine kleine Wohnung wird sicherlich die nächste Aktion sein.

Trotzdem freue ich mich, wenn die drei mich besuchen oder ich sie, und ich vergesse dabei die Zeit und genieße das Zusammensein, denn ich bin selbst auch Witwe und lebe nach dem Wegzug unserer vier Kinder alleine in unserm großen Haus. Da ist einfach der Mensch, der vor mir steht und dem ich meine Aufmerksamkeit schenke, denn manchmal kommt es mir vor, als würde mich Jesus persönlich besuchen bzw. er mir begegnen.

Aus diesem Geist heraus schöpfe ich Kraft und Motivation für die Aufgabe mit den Flüchtlingen. Auch beim Besuch der afghanischen Familien, die ich zwangsläufig auch begrüße und manchmal bei ihnen verweile, erlebe ich das Strahlen in ihrem Gesicht, wenn ich mit ihnen spreche. Und dann erfahre ich eine ganz tiefe Freude in mir!

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