Veröffentlicht am 13. September 2017 In S18 Beiträge, Synode 18

Jugend, Franziskus will dir zuhören … Ifeanyi Paulinus Ekpunobi, Nigeria

DER JUGENDSYNODE ENTGEGEN: “Jugend, Franziskus will dir zuhören”

Ich habe mir nie vorgestellt, dass das Leben im Priesterseminar mit so vielen unvorhergesehenen Erfahrungen und Eindrücken gefüllt werden könnte. Ich habe die jungen Seminaristen immer bewundert – diejenigen, die  zur apostolischen Arbeit in unsere Pfarrei kamen, die paar, die jedes Jahr in den Weihnachtsferien nach Hause kamen und selbst diejenigen, die uns in der Schule den Besinnungstag hielten. Sie waren einfach perfekt – dachte ich wenigstens -, ganz und gar dem Evangelium Christi verschrieben und mit der unerschütterlichen  Entscheidung, in einer unkeuschen Gesellschaft keusch zu leben. So wollte ich auch werden! Ich habe mich immer hineingeträumt in diese einmalige Vorstellung, wo ich in einer weißen Soutane durch die Welt schwebe, Unterricht gebe, Pfarrangehörige lehre und all die Liebe gewinne, die eine solche Stellung mit sich bringt.

Realitätsschock

Als ich endlich meine Zulassung für das Priesterseminar erhalten hatte, zerbröckelten meine Klischees von einem katholischen Priesteramtskandidaten schneller und heftiger, als ich denken konnte – oder soll ich sagen, es begann meine Wandlung? Mir dämmerten meine ursprünglichen Motivationen meiner Berufung zum Priestertum. Mir wurden die Grenzen des Seminars für die Bildung bewusst. Ich sah Priesteramtskandidaten, die so gar nicht in mein Supermann-Bild passten. Ich erlebte Priester, denen die Leute auf den Keks gingen und die über sie meckerten. Auch Priesteramtskandidaten, die sich mit solcher Intensität mit Mädels unterhielten, dass es mich fast empörte.  Kurz und knapp, ich war in einem Zustand der Dauerempörung. Ich hörte auf, so zu beten, wie ich es immer gemacht hatte. Ich ging natürlich noch zur Messe, aber nicht mehr mit dem brennenden Eifer, den ich vorher hatte. Mittags machte ich eine ausgiebige Siesta, was ich zu Hause nie getan hatte. Es machte mich faul und träge. Ich wurde ein Roboter – immer parat für alle Unternehmungen und nie dabei. Beinahe verlor ich sogar den Kontakt zu meiner geistlichen Lebensgrundlage, dem Rosenkranz. Dabei stand ich vor der Riesenherausforderung, um jeden Preis Prüfungen zu bestehen. Genauso war es im Umgang mit den Anforderungen der Erziehung: gegenüber den Erziehern gab ich mich geschmeidig, und ich ging zur Kommunion, auch wenn ich wusste, dass ich nicht im Stand der Gnade war. Ich schwamm unbewusst im Strom des normalen Seminarlebens mit.

Das war aber nur der Anfang; ich hatte die Berufung zum Priestertum mit solcher Leidenschaft und zugleich Naivität umfangen, dass es meine Seele erstickte. Im Nachhinein verstehe ich jetzt, warum ich die Siesta machen musste, warum ich nicht den ganzen Tag betend in meinem Zimmer hocken sollte, warum ich Kontakte mit meinen Mitbrüdern knüpfen sollte. Ich verstehe, dass die Rektoren, wenngleich sie nicht bis ins Tiefste meiner Gefühle dringen können, immer Gottes Stimme sind, die ich beharrlich im Gebet suche. Was ich als Skandal angesehen hatte, musste ein indirekter Weg werden, auf dem Gott mir etwas von der Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Menschheit beibringen wollte. Weil ich schon immer Priester in Soutane angehimmelt hatte, musste ich meine Vorstellung vom Priestertum gründlich überdenken. All meine ursprünglichen Absichten und Motivationen verdampften drastisch und gründlich, weil ich endlich begriff, dass Priestertum nicht einfach Glorie und Herrlichkeit ist, wo alles Leiden im Hintergrund versteckt wird. Vielleicht habe ich noch lange nicht den tiefsten Grund priesterlichen Lebens erkundet, aber ich habe zumindest die Möglichkeit gefunden, die Meinung bewährter Priester ein wenig zu belauschen. Irgendwo ist das alles noch sehr unbestimmt, aber die Priester, die ich kennenlerne, machen mich stärker, wie es ohne solche Zeugnisse nicht geschehen würde. Ich begann, umzudenken, zurückzuschauen und den Grund, auf den ich meine Berufungsentscheidung aufgebaut hatte, neu zu bestimmen.

Andererseits kann das Leben im Seminar auch langweilig sein und manchmal erstickend. Und wir sind geradezu dazu verurteilt, auf Facebook und Instagram dem ausgelassenen Lebensstil unserer Freunde zu folgen und dem, was „man“ tun muss. Sie wecken unsere verborgenen Emotionen. Sie lassen uns an den ganz anderen Lebensentwurf denken. Ich muss sagen, genau diese Freunde haben mir geholfen, zu verstehen, auf was ich mich einlasse. Meine Hingabe an den Dienst am Volk Gottes wäre absolut wertlos, wenn ich nicht verstehen würde, was ich tue,  was ich gebe, worauf ich verzichte.

Mich daran erinnern, wer ich bin

Da ist noch etwas anderes: Prestige. In Nigeria oder zumindest in großen Teilen Nigerias ist Priester oder Priesteramtskandidat zu sein eine schnelle Karte, um Ansehen und Bewunderung zu gewinnen. Die Leute suchen die Nähe von religiösen Führern und erfolgversprechenden Kandidaten zum Priestertum. Und natürlich will ich angenommen, geliebt und geachtet sein. Das hat etwas zu tun mit unserer innersten Sehnsucht nach Glück. Doch habe ich gemerkt, dass ich inmitten all dieser abstrakten Eigenschaften etwas von mir verlor: meine Persönlichkeit. Ich muss aber ich selbst sein, muss wissen, dass ich Ifeanyi war, bevor ich ins Seminar gegangen bin und auch ohne Priester zu sein Respekt gewinnen und Liebe geben kann. Ich möchte wissen, dass ich fähig bin zu lieben, dass mein Seminaristsein mich nicht immunisiert vor den abscheulichsten Lastern und höchsten Tugenden der Menschheit. Ich möchte den Mut haben, zur Beichte zu gehen, zu kapieren, dass Sünde mich nicht untauglich macht, sondern meine Schwäche als Mensch und von Gottes Vorsehung abhängiges Geschöpf zeigt. Ich möchte meine Sexualität kennen und so ausdrücken, wie es Jesus auf Erden getan hat; möchte mit Frauen sprechen und umgehen in Klarheit der Absicht und Freiheit von Scheuklappen.

Jeder hat ein Problem oder mehrere; Seminaristen auch. Und es gibt dafür keine Lösung, wenn man nicht aus seiner Schale rauskommt und um Hilfe bittet. Aber wie soll das gehen, wenn die meisten Priester in Seminarien herumlaufen, als stünden sie unter Strafe von ihrem Bischof oder Oberen? Sie laufen herum mit von Frustration zerknitterten Gesichtern und stoßen wegen jedes kleinen Fehlers, den wir machen, Rausschmissdrohungen aus. Vielleicht übertreibe ich hier, aber es liegt eine Spur Wahrheit darin. Mir ist klar, dass Priesterseminare hier in Nigeria den Seminaristen unverdiente Privilegien bringen; das rechtfertigt aber nicht die Tatsache, dass Seminaristen in eine Leben „so als ob“ gedrängt werden, nur um alle zu halten und ihre Berufung zu bewahren.

Eine brüderliche Gemeinschaft aufbauen

Ich wünsche mir ein Seminar, das ich Familie nennen kann und in dem ich, selbst wenn ich aufgefordert werde, zu gehen, die erhaltene Erziehung, die Liebe und das Leben, das ich mit einer so großen Vielfalt echter Menschen geteilt habe, mein Leben lang schätzen werde. Genau das habe ich gefunden, doch ich weiß, dass viele meiner Gefährten auf dem Weg zum Priestertum davon nicht einmal träumen können. Mein Traum ist, dass jedes Priesterseminar so ist, wie das Priesterseminar der Schönstatt-Patres hier in Nigeria. Das scheint unmöglich, wenn man an die so unterschiedliche Ausrichtung der Rektoren und Spirituale denkt. Doch eines weiß ich: Wenn ich Schönstatt verlassen müsste, dann würde sich das so anfühlen, als wäre ich von meiner eigenen Familie verstoßen worden. Deshalb meine ich, dass die Erziehung im Seminar vor allem der Aufbau einer brüderlichen Gemeinschaft sein sollte.

Ich bin schon recht weit im Seminar und habe in diesem Zeugnis längst nicht alle Erfahrungen nennen können. Doch ich danke Gott für die Gnade, die ich bisher hier empfangen habe. Dafür, dass er mich auf den Weg geführt hat, auf dem ich nun gehe, nicht nur als Seminarist, sondern als Schönstatt-Seminarist.

Gott segne all meine Lehrer und Erzieher im Seminar! Gott segne die Schönstattfamilie.

 

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