Veröffentlicht am 23. September 2017 In Franziskus - Botschaft, Kirche - Franziskus - Bewegungen

Tag für Tag Frieden und Liebe aufbauen, in Gerechtigkeit und Wahrheit

FRANZISKUS IN KOLUMBIEN

Papst Franziskus hat in der Generalaudienz nach der Rückkehr von seiner Reise nach Kolumbien über diese Reise gesprochen – schon Tradition bei ihm und Teil seiner Kommunikationsstrategie, mit der er die Weltkirche teilnehmen lässt am Erleben und Leben der Teilkirchen (und umgekehrt). So berichtete er vor den Pilgern aus aller Welt, die sich zu Tausenden auf dem Petersplatz eingefunden hatten, von seinen Begegnungen in Kolumbien, zog Bilanz und erinnerte dankbar und berührt an das Volk, das ihn so herzlich aufgenommen und so leidenschaftlich seinen Wunsch nach Frieden und Hoffnung für die Zukunft ausgedrückt hatte.

Indem er das Motto seines Besuches in Kolumbien, „Tun wir den ersten Schritt“, aufgriff, erklärte Papst Franziskus: „In diesem Sinne bedeutet »den ersten Schritt machen« – das Motto der Reise –, sich zu nähern, sich herabzubeugen, das Fleisch des verwundeten und verlassenen Bruders zu berühren. Und es mit Christus zu tun, dem Herrn, der für uns zum Sklaven geworden ist. Dank ihm gibt es Hoffnung, denn er ist die Barmherzigkeit und der Friede.“

Papst Franziskus betonte das Bemühen des kolumbianischen Volkes um Versöhnung und unterstrich: „Mit meinem Besuch wollte ich die Bemühungen jenes Volkes segnen, es im Glauben und in der Hoffnung stärken und sein Zeugnis entgegennehmen, das ein Reichtum für meinen Dienst und für die ganze Kirche ist. Das Zeugnis dieses Volkes ist eine Bereicherung für die ganze Kirche.“

 

Der Papst, der die Kirche im Herausgehen fordert und nicht eine von frommen Prozessionen im geschützten Binnenraum, sondern die inmitten der Welt ein Feldlazarett sein soll, kehrt verwundet aus dem vollen Pastoraleinsatz zurück – doch er lächelt darüber, mit geschwollenem Gesicht und blauem Auge, in der Freude der erfüllten Aufgabe; er wollte ein Kind umarmen und segnen, das Papamobil bremste etwas abrupt und der Papst schlug mit dem Gesicht ans Fenster. Gesicht einer verbeulten, verunfallten Kirche, jener Kirche, die ihm so viel lieber ist als die in der Vitrine. Danke, Papst Franziskus, für den Dienst in Kolumbien (Kommentar von Francisco Gómez García, Spanien)

 

Worte von Papst Franziskus am 13. September 2017:

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Wie ihr wisst, habe ich in den vergangenen Tagen eine Apostolische Reise nach Kolumbien unternommen. Von ganzem Herzen danke ich dem Herrn für dieses große Geschenk. Und ich möchte dem Herrn Präsidenten der Republik, der mich so freundlich empfangen hat, den kolumbianischen Bischöfen, die viel für die Vorbereitung dieses Besuchs gearbeitet haben, ebenso wie den anderen Autoritäten des Landes und allen, die zur Verwirklichung dieses Besuchs beigetragen haben, erneut meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Ein besonderer Dank gilt dem kolumbianischen Volk, das mich mit so viel Liebe und so viel Freude empfangen hat! Ein freudiges Volk unter den vielen Leiden, aber voll Freude; ein Volk mit Hoffnung. Etwas, das mich in allen Städten, in der Menschenmenge, mit am meisten beeindruckt hat, waren die Väter und Mütter mit den Kindern: Sie hoben die Kinder hoch, um sie vom Papst segnen zu lassen, aber sie zeigten ihre Kinder auch mit Stolz, so als wollten sie sagen: »Das ist unser Stolz! Das ist unsere Hoffnung.« Ich habe gedacht: Ein Volk, das in der Lage ist, Kinder hervorzubringen und sie mit Stolz, als Zeichen der Hoffnung zu zeigen, dieses Volk hat Zukunft. Und das hat mir sehr gefallen.

Insbesondere habe ich auf dieser Reise die Kontinuität mit den beiden Päpsten gespürt, die vor mir Kolumbien besucht haben: der selige Paul VI. im Jahr 1968, und der heilige Johannes Paul II. im Jahr 1986. Eine Kontinuität, die stark vom Heiligen Geist beseelt ist, der die Schritte des Gottesvolkes auf den Wegen der Geschichte lenkt.

Das Motto der Reise lautete: »Demos el primer paso«, also »Machen wir den ersten Schritt«, in Bezug auf den Versöhnungsprozess, den Kolumbien derzeit erlebt, um aus dem inneren Konflikt herauszukommen, der ein halbes Jahrhundert angedauert hat. Er hat Leiden und Feindschaft gesät und viele Wunden verursacht, die schwer zu heilen sind. Aber mit Gottes Hilfe hat man sich jetzt auf den Weg gemacht. Mit meinem Besuch wollte ich die Bemühungen jenes Volkes segnen, es im Glauben und in der Hoffnung stärken und sein Zeugnis entgegennehmen, das ein Reichtum für meinen Dienst und für die ganze Kirche ist. Das Zeugnis dieses Volkes ist eine Bereicherung für die ganze Kirche.

Kolumbien ist – wie die meisten lateinamerikanischen Länder – ein Land, in dem die christlichen Wurzeln sehr stark sind. Und während diese Tatsache den Schmerz über die Tragödie des Krieges, die es schwer verwundet hat, noch größer macht, so ist sie gleichzeitig die Garantie für den Frieden, die feste Grundlage für seinen Wiederaufbau, der Lebenssaft seiner unerschütterlichen Hoffnung. Es ist offensichtlich, dass der Böse das Volk spalten wollte, um Gottes Werk zu zerstören, aber es ist ebenso offensichtlich, dass die Liebe Christi, seine unendliche Barmherzigkeit stärker ist als die Sünde und der Tod.

Diese Reise sollte den Segen Christi bringen, den Segen der Kirche über den Wunsch nach Leben und Frieden, der aus dem Herzen jener Nation überfließt. Das konnte ich in den Augen der Abertausende von Kindern, Jugendlichen und jungen Menschen sehen, die den Platz in Bogotá gefüllt haben und denen ich überall begegnet bin; jene Lebenskraft, die auch die Natur selbst mit ihrer Üppigkeit und ihrer Artenvielfalt verkündet. In Bogotá konnte ich allen Bischöfen des Landes sowie dem Leitungskomitee des latein­amerikanischen Bischofsrates begegnen. Ich danke Gott, dass ich sie umarmen und ihnen meine persönliche pastorale Ermutigung bringen konnte, für ihre Sendung im Dienst der Kirche, Sakrament Christi, unseres Friedens und unserer Hoffnung.

Der Tag, der in besonderer Weise dem Thema der Versöhnung gewidmet war, Höhepunkt der ganzen Reise, hat in Villavivencio stattgefunden. Am Vormittag gab es die große Eucharistiefeier, mit der Seligsprechung zweier Märtyrer – des Bischofs Jesús Emilio Jaramillo Monsalve und des Priesters Pedro María Ramírez Ramos –, und am Nachmittag die besondere Gebetsbegegnung zur nationalen Versöhnung, symbolisch ausgerichtet auf den Christus von Bocayá, ohne Arme und ohne Beine, verstümmelt wie sein Volk.

Die Seligsprechung der beiden Märtyrer hat anschaulich in Erinnerung gerufen, dass der Friede auch und vielleicht vor allem auf dem Blut vieler Zeugen der Liebe, der Wahrheit, der Gerechtigkeit gründet, ebenso wie auf dem der eigentlichen Märtyrer, die für den Glauben getötet wurden, wie die beiden soeben erwähnten. Als wir ihre Lebensläufe gehört haben, waren wir zu Tränen bewegt: Tränen des Schmerzes und zugleich der Freude. Vor ihren Reliquien und ihrem Antlitz hat das heilige gläubige Gottesvolk die eigene Identität stark gespürt: mit Schmerz im Gedenken an die vielen, zu vielen Opfer, und mit Freude über die Barmherzigkeit Gottes, der sich über jene erbarmt, die ihn fürchten (vgl. Lk 1,50).

»Es begegnen einander Huld und Treue; Gerechtigkeit und Friede küssen sich« (Ps 85,11), haben wir zu Anfang gehört. Dieser Psalmvers enthält die Prophezeiung dessen, was am vergangenen Freitag in Kolumbien geschehen ist; die Prophezeiung und die Gnade Gottes für jenes verwundete Volk, damit es auferstehen und in einem neuen Leben wandeln kann. Diese prophetischen Worte voll Gnade haben wir in den Geschichten der Zeugen verkörpert gesehen, die im Namen unzähliger Menschen gesprochen haben, welche von ihren Wunden her durch die Gnade Christi aus sich selbst herausgegangen sind und sich der Begegnung, der Vergebung, der Versöhnung geöffnet haben.

In Medellín war die Perspektive die des christlichen Lebens als Jüngerschaft: die Berufung und die Sendung. Wenn die Christen sich bis zum Äußersten einsetzen auf dem Weg der Nachfolge Jesu Christi, werden sie wirklich Salz, Licht und Sauerteig in der Welt, und man sieht überreiche Früchte. Eine dieser Früchte sind die »Hogares«, also die Häuser, wo vom Leben verwundete Kinder und Jugendliche eine neue Familie finden können, in der sie geliebt, angenommen, geschützt und begleitet sind. Und weitere Früchte, überreich wie Trauben, sind die Berufungen zum Priesteramt und zum geweihten Leben, die ich mit Freude segnen und ermutigen konnte in einer unvergesslichen Begegnung mit den geweihten Personen und ihren Angehörigen.

Und abschließend, in Cartagena, der Stadt des heiligen Petrus Claver, Apostel der Sklaven, war das Augenmerk auf die Förderung des Menschen und seiner Grundrechte gerichtet. Der heilige Petrus Claver sowie wie in jüngerer Zeit die heilige Bernarda Bütler haben ihr Leben für die Armen und die Ausgegrenzten hingegeben und so den Weg der wahren Revolution aufgezeigt, die vom Evangelium und nicht von einer Ideologie ausgeht und die Menschen und Gesellschaften wirklich von den Sklavereien von gestern und leider auch von heute befreit. In diesem Sinne bedeutet »den ersten Schritt machen« – das Motto der Reise –, sich zu nähern, sich herabzubeugen, das Fleisch des verwundeten und verlassenen Bruders zu berühren. Und es mit Christus zu tun, dem Herrn, der für uns zum Sklaven geworden ist. Dank ihm gibt es Hoffnung, denn er ist die Barmherzigkeit und der Friede.

Ich vertraue Kolumbien und sein geliebtes Volk erneut der Mutter an, Unserer Lieben Frau von Chiquinquirá, die ich in der Kathedrale von Bogotá verehren durfte. Mit Hilfe Mariens möge jeder Kolumbianer in der Lage sein, jeden Tag den ersten Schritt auf den Bruder und die Schwester zuzumachen und so gemeinsam Tag für Tag den Frieden und die Liebe aufzubauen, in Gerechtigkeit und Wahrheit.

Übersetzung: Osservatore Romano, deutsche Ausgabe, 22.09.2017

 

Alle Ansprachen in Kolumbien in der deutschen Ausgabe des Osservatore Romano vom 22. September und HIER

Mit Material von AICA

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