Veröffentlicht am 10. Juli 2017 In Dilexit ecclesiam, Kirche - Franziskus - Bewegungen

Und er wurde gläubig mit seinem ganzen Haus (Joh 4,53): Ein Hauch von Urkirche mitten im müden Europa

Maria Fischer •

Er reicht mit der Nase gerade bis an den Rand des Taufbeckens, wenn er den Kopf sehr hoch reckt. Das reicht ihm nicht, also hüpft und springt er immer wieder hoch, und dabei blitzt eine so unbändige Freude und Ungeduld in seinen dunklen Augen, dass man noch während der Allerheiligenlitanei am liebsten eine ganze Badewanne voller Taufwasser herbeischleppen und den kleinen Kerl ganz urkirchlich darin baden möchte … und der Anblick des kleinen Taufbewerbers und der Gedanke an die Badewanne voll Taufwasser macht so viel Freude, dass ich meinen Banknachbarn einfach zulächeln muss und sage: „Ostern! Das ist Ostern!“ Und mein Nachbar antwortet: „Spürst du den Heiligen Geist?“

Mit dem vor Freude strahlenden Pfarrer und einigen Taufpaten stehen 11 Menschen um das Taufbecken, an dem die große Osterkerze brennt. Ein Baby auf den Armen seiner jungen Mutter, vier kleine Jungen, die anderen Jugendliche und Erwachsene. Gesichter, auf denen Ernst und Erwartung stehen und eine unbändige Freude.

Es ist der 8. Juli und nein, das ist nicht Afrika oder China, wo unsere katholische Kirche so jung und so frisch und so neu ist. Das ist mitten in Europa, mitten in Deutschland, mitten in einer lebendigen, aber sonst ganz normalen Pfarrgemeinde.

Und die da um das Taufbecken stehen und mit denen wir kurz zuvor alle unsere Taufversprechen erneuert haben, sind zwei komplette Familien. Sie sind vor über einem Jahr in diesen Ort gekommen, nach einer langen, schweren Flucht aus Afghanistan. Neue Nachbarn. Elf konkrete Menschen von dem, was man Flüchtlingsströme oder Flüchtlingskrise nennt. Neue Nachbarn werden neue Christen. Elf werden getauft, sechs empfangen Firmung und Erstkommunion … Gesalbt zu Königen, Priestern und Propheten.

Denn euch und euren Kindern gilt die Verheißung und all denen in der Ferne, die der Herr, unser Gott, herbeirufen wird (Apg 2, 39).

Sie sind einfach jeden Sonntag in die Messe gekommen. Irgendjemand aus der Gemeinde hat sie angesprochen. Mohammed und Farina und Ibrahim … die sich jetzt zusätzlich als christlichen Namen Maria ausgesucht haben und Peter und Paul und Rafael und Lukas und …

Schon in Afghanistan hatten sie sich immer wieder mit dem christlichen Glauben beschäftigt. Da ist eine Sehnsucht, ein Fragen… und da sind Menschen aus diesem Ort, die es wagen und ihnen von Jesus erzählen. Und letztlich ist es der Heilige Geist selbst, der ihre Herzen berührt hat und so stark, dass an diesem schwülen, heißen Juliabend etwas vom Wind der Erneuerung, vom Wehen des Geistes, der alles neu macht, durch das Kirchenschiff mitten hier in unserem so müden, alten Europa weht. So stark, dass nicht nur in den Gesichtern der afghanischen Flüchtlinge, sondern auch in vielen anderen Gesichtern die Freude des Evangeliums steht, während elf Taufkerzen auf dem Altar brennen.

Und sie wurden gläubig mit ihrem ganzen Haus.

Neue Nachbarn werden am Abend dieses 8. Juli neue Christen, neue Gemeindemitglieder, elf auf einmal.

Wir feiern noch lange mit Brot und Wein und Oliven und der Geist Gottes weht. Und er wurde gläubig mit seinem ganzen Haus. Wird so die Kirche wieder neu? Werden wir es erleben, in diesem Europa voller kirchlicher Untergangsstimmung, erschöpft vom Retten zusammenbrechender Strukturen?

Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten (Apg 2,47).

Wir werden es erleben. Wir sind schon mitten drin.

 

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