Veröffentlicht am 28. Juli 2017 In Franziskus - Botschaft, Kirche - Franziskus - Bewegungen

Das Gute und das Böse können nicht mit bestimmten Bereichen oder mit bestimmten Gruppen von Menschen identifiziert werden

PAPST FRANZISKUS BEIM ANGELUS, Maria Fischer •

Das Leben könnte so einfach sein, wenn es nur Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Richtig und Falsch gäbe. So funktionieren Computer, aber weder das Leben noch der Mensch sind so. Eine der zentralen Botschaften des Pontifikates von Papst Franziskus, die er beim Angelus am letzten Sonntag wieder einmal klar und prägnant formulierte:

Der Herr, der fleischgewordene Weisheit ist, hilft uns heute zu verstehen, dass das Gute und das Böse nicht mit bestimmten Bereichen oder mit bestimmten Gruppen von Menschen identifiziert werden kann: »Die da sind die Guten, die anderen sind die Bösen.«

Wir kennen die Geschichte von Josef Engling, der als Kind seiner Mutter bei der Gartenarbeit half, beim Unkraut jäten, und der statt des Unkrauts die Gemüsepflänzchen herausriss. Wie oft in der Geschichte der Kirche, in der Geschichte Schönstatts, hat jemand im Eifer der Vernichtung von Unkraut gute, wichtige Pflanzen herausgerissen … aus Unwissenheit, aus Ungeduld, aus fehlender Unterscheidung, aus Mangel an Barmherzigkeit, im inquisitorischen Übereifer der Reinigung der Kirche, Schönstatts, von allem Unvollkommenen, und auch schlicht aus böser Absicht.

Manchmal ist es einfach nur der Blickwinkel. Vieles von dem, was ich heute auf meinem leckeren Salatteller gegessen habe, würde mein Großvater, dieser aufrichtige, stolze Bauer, Unkraut nennen.

Das Leben wäre so viel einfacher, wenn alles und alle sonnenklar als böse oder gut einsortiert werden könnten. Ist aber nicht so, sagt uns Papst Franziskus. Und oft wird uns nur das Leben selbst zeigen, was wirklich von Gott war und was nicht.

Und dann lehrt uns Jesus eine andere Art und Weise, auf den Acker der Welt zu blicken. Die Wirklichkeit zu beobachten. Wir sind aufgerufen, die Zeiten Gottes zu erkennen – die nicht unsere Zeiten sind – sowie auch den »Blick« Gottes: dank des heilsamen Einflusses einer gespannten Erwartung kann das, was Unkraut war oder zu sein schien, ein gutes Produkt werden. Das ist die Wirklichkeit der Umkehr. Das ist die Perspektive der Hoffnung!

Die Jungfrau Maria helfe uns, in der Wirklichkeit, die uns umgibt, nicht nur den Schmutz und das Böse zu sehen, sondern auch das Gute und das Schöne; das Werk Satans zu entlarven, vor allem aber auf das Wirken Gottes zu vertrauen, das in der Geschichte fruchtbar ist.

 

Vollständiger Text der Ansprache von Papst Franziskus vor dem Angelus am 23.07.2017

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Der heutige Abschnitt aus dem Evangelium legt drei Gleichnisse vor, mit denen Jesus zur Menge über das Himmelreich spricht. Ich werde mich mit dem ersten befassen: mit dem Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen, welches das Problem des Bösen in der Welt veranschaulicht und die Geduld Gottes hervorhebt (vgl. Mt 13,24-30.36-43). Wie viel Geduld hat doch Gott! Auch ein jeder von uns kann dies sagen: »Wie viel Geduld hat Gott doch mit mir!« Die Erzählung spielt sich auf einem Acker mit zwei gegensätzlichen Hauptpersonen ab. Auf der einen Seite der Herr des Ackers, der bildlich für Gott steht und den guten Samen aussät; auf der anderen der Feind, der Satan repräsentiert und das Unkraut verstreut.

Mit der Zeit wächst mitten unter dem Weizen auch das Unkraut, und angesichts dieser Tatsache nehmen der Gutsherr und seine Knechte unterschiedliche Haltungen ein. Die Knechte möchten etwas tun und das Unkraut ausreißen, doch der Gutsherr, der sich vor allem um das Wohl des Kornes sorgt, widersetzt sich und entgegnet: »Nein, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus« (V. 29). Mit diesem Bild sagt uns Jesus, dass in dieser Welt das Gute und das Böse derart ineinander verwoben sind, dass es unmöglich ist, sie zu trennen und das ganze Böse auszureißen. Nur Gott vermag dies zu tun, und er wird es beim Jüngsten Gericht tun. Mit ihrer Zweideutigkeit und ihrem uneinheitlichen Charakter ist die gegenwärtige Situation der Acker der Freiheit, der Acker der Freiheit der Christen, auf dem sich die schwierige Übung der Unterscheidung zwischen Gut und Böse vollzieht.

Und auf diesem Acker geht es darum, mit großem Vertrauen auf Gott und seine Vorsehung zwei dem Anschein nach widersprüchliche Haltungen miteinander zu verbinden: die Entschlossenheit und die Geduld. Die Entschlossenheit ist jene, gutes Korn sein zu wollen – wir alle wollen das –, mit allen zur Verfügung stehenden Kräften, um so Abstand vom Teufel und seinen Verführungen zu nehmen.

Die Geduld bedeutet, eine Kirche vorzuziehen, die Sauerteig ist, die es nicht fürchtet, sich die Hände schmutzig zu machen und die Kleider ihrer Kinder zu waschen, statt eine Kirche der »Reinen«, die den Anspruch erhebt, vor der Zeit darüber zu urteilen, wer im Reich Gottes ist und wer nicht.

Der Herr, der fleischgewordene Weisheit ist, hilft uns heute zu verstehen, dass das Gute und das Böse nicht mit bestimmten Bereichen oder mit bestimmten Gruppen von Menschen identifiziert werden kann: »Die da sind die Guten, die anderen sind die Bösen.« Er sagt uns, dass die Grenzlinie zwischen Gut und Böse durch das Herz eines jeden Menschen verläuft, sie geht durch das Herz eines jeden von uns, das heißt: wir alle sind Sünder. Ich würde euch gerne auffordern: »Wer kein Sünder ist, hebe die Hand!« Niemand! Denn wir alle sind es, wir alle sind Sünder. Jesus Christus hat uns durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung von der Knechtschaft der Sünde befreit, und er gibt uns die Gnade, in einem neuen Leben weiter zu gehen. Doch zusammen mit der Taufe hat er uns auch die Beichte geschenkt, da wir immer der Vergebung unserer Sünden bedürfen. Immer und nur auf das Übel zu blicken, das außerhalb von uns ist, bedeutet, nicht die Sünde anerkennen zu wollen, die auch in uns ist.

Und dann lehrt uns Jesus eine andere Art und Weise, auf den Acker der Welt zu blicken. Die Wirklichkeit zu beobachten. Wir sind aufgerufen, die Zeiten Gottes zu erkennen – die nicht unsere Zeiten sind – sowie auch den »Blick« Gottes: dank des heilsamen Einflusses einer gespannten Erwartung kann das, was Unkraut war oder zu sein schien, ein gutes Produkt werden. Das ist die Wirklichkeit der Umkehr. Das ist die Perspektive der Hoffnung!

Die Jungfrau Maria helfe uns, in der Wirklichkeit, die uns umgibt, nicht nur den Schmutz und das Böse zu sehen, sondern auch das Gute und das Schöne; das Werk Satans zu entlarven, vor allem aber auf das Wirken Gottes zu vertrauen, das in der Geschichte fruchtbar ist.

Original: Spanisch, 23.07.2017. Übersetzung Angelus aus dem Osservatore Romano, deutsche Ausgabe vom 28.07.2017, redaktioneller Teil: Maria Fischer

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